72. Berlinale RHEINPFALZ Plus Artikel Bärenehre für Familienbande: Jury belohnt gesellschaftskritische Werke

Verdienter Sieg: Der Goldene Bär geht an den Drei-Generationen-Film „Alcarràs“ von Carla Simón, der vom Ende einer Ära erzählt.
Verdienter Sieg: Der Goldene Bär geht an den Drei-Generationen-Film »Alcarràs« von Carla Simón, der vom Ende einer Ära erzählt.

Die Sieger der 72. Berlinale stehen fest: Der Goldene Bär geht an einen sensiblen Familienfilm aus Spanien. Überraschend zwei Bären gibt es für Deutschland. Ein koreanisches Plädoyer für die Kunstform Kino gewinnt den zweiten Hauptpreis, der stärkste gesellschaftspolitische Film aus Mexiko erhält den Jurypreis. Und für das Publikum geht die Berlinale noch bis Sonntag weiter.

18 Beitrage stark war der 72. Berlinalejahrgang, in dem gern die Kraft der Familie, die Liebe und die Magie des Kinos gefeiert wurden. Die Jury um US-Regisseur M. Night Shyamalan zeichnete davon vor allem jene Stoffe aus, die auch als gesellschaftskritischer, ja politischer Kommentar angelegt sind. Und sechs der neun Juryehrungen gingen an Frauen.

Der Gewinnerfilm „Alcarràs“ von Carla Simón ist ein warmherziges Porträt einer aus drei Generationen bestehenden katalonischen Großfamilie, die nahe der Stadt Alcarràs eine Pfirsichplantage betreibt. Die Arbeit ist nicht leicht, aber alle halten trotz kleinerer Reibereien zusammen. Doch das Ende aller Gewissheiten ist nah: Großvater Rogelio Solé kann keinen Vertrag vorweisen, der beweist, dass ein Vorfahr des jetzigen Großgrundbesitzers den Solés das Land einst schenkte – für Hilfe im Spanischen Bürgerkrieg.

Solarpanele statt Pfirsiche

Nun sollen die Solés die Pfirsichbäume verlieren: Landbesitzer Pinyol will Solarpanele im großen Stil installieren. Die Solés könnten die Wartung übernehmen, bietet er an. Ein Plan, den weder Rogelio noch sein Sohn Qumet als Familienoberhaupt gut heißen. Der Schwager und Qumets Schwestern sehen dagegen in der Solarenergie eine neue Zukunft.

Und dann ist da noch die jüngste Generation: der etwa 17-jährige Roger, zugleich rebellisch und verantwortungsbewusst, die kleine Iris, noch ganz Kind, und ihre 15-jährige Schwester, die TikTok mag, aber am liebsten zu „La Patrona“ tanzt: als Bossin. Und die sich nicht um Diätfragen schert. Sie wird sich emanzipieren können, deutet der Film an, der geschickt auch vom Wandel der Geschlechterrollen erzählt, vom langsamen Abschied vom Patriarchat.

Poetischer Schwarzweißfilm

Carla Simón hat mit Laien gearbeitet und beobachtet sehr genau, ihr Ton ist liebevoll: Der Film ist auch eine Verbeugung vor ihrer eigenen Familie. Ihr Großvater hatte ebenfalls eine Pfirsichplantage betrieben. Heute lohnt das nicht mehr: Die Preise sind im Keller. „Alcarràs“ hat als stärkster der drei Filme übers Landleben verdient gewonnen, für „Drii Winter“ aus der Schweiz gab es immerhin eine lobende Erwähnung.

Gerechtfertigt ist auch der Große Preis der Jury für „So-seol-ga-ui yeong-hwa“ („The Novelist’s Film“) des koreanischen Berlinale-Dauergasts Hong Sangsoo. Sein poetischer Schwarzweißfilm erzählt von zufälligen Begegnungen und sinniert über das Altern als Künstler: Eine Romanautorin will einen Kurzfilm inszenieren, ein Regisseur befürchtet, seinen „Biss“ verloren zu haben, und einer Schauspielerin fehlen passende Rollen. Ein wenig autobiografisch-selbstironisch ist das schon gemeint. Hong Sangsoos Film ist ein idealer Preisträger in Coronazeiten, schließlich stellt er die Frage, wie relevant künstlerische Arbeit heute ist, – und ist eine Liebeserklärung ans Medium Kino.

Mit Herzblut, aber ohne Vielschichtigkeit

Für „Robe of Gems“ von Natalia López Gallardo, den visuell wie dramaturgisch besten Film des Wettbewerbs über Verstrickungen einer Dorfgemeinschaft in Entführungen, gab es immerhin den „Preis der Jury“. López Gallardo hätte auch den Drehbuchpreis verdient. Dieser ging jedoch nach Deutschland, an Laila Stieler für Andreas Dresens „Rabye Kurnaz gegen George W. Bush“, obwohl der Film schlicht chronologisch erzählt. Auch hat er Probleme, einen Spannungsbogen aufzubauen, schließlich geht es um komplexe juristische Details.

Andreas Dresen schildert in seinem eher kommerziell angelegten und mit reichlich Humor arbeitenden Film, wie die Mutter des Terrorverdächtigen Murat Kurnaz sich über Jahre für seine Freilassung aus Guantanamo einsetzt. Die Kölner Komikerin Meltem Kaptan spielt die Rolle mit Herzblut, doch fehlt es der Darstellung an Vielschichtigkeit. Den Schauspielbären gab es für ihre unbestritten starke Präsenz dennoch, vielleicht auch als Würdigung des Themas und für das Brückenbauen zwischen deutscher und türkischer Gemeinschaft.

Stellvertreter-Preise

Immerhin mit einem Nebenrollen-Bären für Laura Basuki ehrte die Jury das schöne indonesische Frauenporträt „Nana“ von Kamila Andini. Basuki spielt hier die Geliebte des Mannes der Titelheldin, der sie zur freundschaftlichen Stütze wird: Basuki spielt einnehmend, aber auch dieser Preis dürfte vor allem dem Film selbst gelten. Der Regiepreis wiederum ging ebenfalls an eine Frau, die große französische Filmemacherin Claire Denis – obwohl ihr Berlinalefilm „Avec amour et acharnement“ mit Juliette Binoche ihre schwächste Arbeit ist. Die Jury hat hier sicher auch ihren Ruf als Frau, die filmisch viel wagt, ehren wollen.

Ein Wagnis ist auch der schwer verdauliche Thesenfilm „Everything Will Be Ok“ des Kambodschaners Rithy Panh, der auffächert, zu welchen Grausamkeiten der Mensch gegenüber Mensch und Tier fähig ist – es gibt Archivbilder aus der NS-Zeit, aber auch von Küken-Schreddern. Die Jury vergab dafür einen Silbernen Bären für das Bühnenbild: Es ist ein animierter Film, mit geschnitzten, statischen Tierfiguren im Zentrum.

Glückliche Gewinnerin: Meltem Kaptan ist für die Titelrolle in Andreas Dresens „Rabye Kurnaz gegen George W. Bush“ ausgezeichnet
Glückliche Gewinnerin: Meltem Kaptan ist für die Titelrolle in Andreas Dresens »Rabye Kurnaz gegen George W. Bush« ausgezeichnet worden.
Großer Preis der Jury: In „So-seol-ga-ui yeong-hwa“ („The Novelist’s Film“) geht es um eine Autorin (Lee Hyeyoung, ganz rechts),
Großer Preis der Jury: In »So-seol-ga-ui yeong-hwa« (»The Novelist’s Film«) geht es um eine Autorin (Lee Hyeyoung, ganz rechts), die einen Kurzfilm drehen möchte.
Preis der Jury: „Robe of Gems“ (Mexiko/Argentinien/USA) erzählt von einer zerfallenden Dorfgemeinschaft.
Preis der Jury: »Robe of Gems« (Mexiko/Argentinien/USA) erzählt von einer zerfallenden Dorfgemeinschaft.
Beste Nebenrolle: Laura Basuki (oben) in „Nana“. Sie spielt die Nebenbuhlerin der Titelfigur (Happy Salma), die dieser zur Freun
Beste Nebenrolle: Laura Basuki (oben) in »Nana«. Sie spielt die Nebenbuhlerin der Titelfigur (Happy Salma), die dieser zur Freundin wird.
Mit dem Regie-Bären geehrt: Claire Denis.
Mit dem Regie-Bären geehrt: Claire Denis.
Bekam den Drehbuch-Bären für ihre Arbeit an „Rabiye Kurnaz gegen George W Bush“: die deutsche Autorin Laila Stieler.
Bekam den Drehbuch-Bären für ihre Arbeit an »Rabiye Kurnaz gegen George W Bush«: die deutsche Autorin Laila Stieler.
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