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Andreas Pflügers Thriller „Wie Sterben geht“
Wer hätte das gedacht: Spionage-Thriller wie von John Le Carré gibt es auch in Deutschland. Fans des 2020 verstorbenen britischen Schriftstellerskönnen auch gleich mit Andreas Pflügers neuestem Roman „Wie sterben geht“ anfangen, obgleich er davor schon sechs andere aus demselben Milieu geschrieben hat.
„Wie Sterben geht“ spielt von 1981 bis 1983, in der Zeit des langsam zu Ende gehenden Kalten Krieges. Die Sowjetunion ist auf dem absteigenden Ast, Breschnew halb und gegen Ende des Romans gänzlich dement, was im Westen niemand merkt. Die internationalen Geheimdienste, der KGB und die CIA, aber auch die verschiedenen, oftmals geradezu gegeneinander arbeitenden westdeutschen „Dienste“ haben freilich keinen Grund, in ihrer Wachsamkeit nachzulassen. Im Gegenteil, der Pegel der allseitigen Paranoia und Angst vor einem Atomschlag ist so hoch wie selten.
Von Pullach nach Moskau
Dass Andreas Pflüger seinen Roman als dramatischen Austausch gefangener Spione auf der berühmten Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam inszeniert, erweist sich dabei als wunderbarer Griff in die erzählerische Trickkiste. Auch dass das Unternehmen schief geht, gehört dazu. Denn bevor die Verbindungsoffizierin Nina Winter ihren lange nicht mehr gesehenen Agenten Rem Kukura identifizieren und in Empfang nehmen kann, geht schon die Bombe hoch und gibt dem Autor – der das ja alles angerichtet hat – Gelegenheit, die Strahler seiner Rückblenden weit in die Vergangenheit greifen zu lassen.
Nur so auch kann er auch den vielen miteinander befreundeten und verfeindeten Protagonisten dieses verschachtelten, handwerklich gekonnt und literarisch souverän geschriebenen Romans auch vermitteln, wie alles kam. Sprich, warum Nina Winter, die im Verlauf der Handlung noch unter einigen anderen Namen unterwegs ist, von ihrer Arbeit im Archiv der BND-Zentrale in Pullach abgezogen, als Kulturbeauftratge der deutschen Botschaft in Moskau eingestellt und in den gefährlichen kommunistischen Alltag verfrachtet wird.
Tote Briefkästen und „Reinigungsschleusen“
Die plötzliche Hektik des Bundesnachrichtendienst hat einen Grund: Die seit sieben Jahren im Zentrum des KGB sitzende „Quelle“ Pilger (alias Rem Kukura) braucht einen neuen Führungsoffizier, da der alte getötet wurde. Kühl kalkulierend und intuitiv richtig liegend fordert Rem Kukura die 10.000-Meter-Läuferin und Slawistikstudentin Nina Winter aus Pullach an, deren kritischer Essay über die deutsche Russlandpolitik ihm einst aus der Seele gesprochen hatte.
Also lernt die junge Frau bei einem strengen Ausbilder, mit dem sie später in höchster Gefahr zusammenarbeitet, nicht nur, wie man tote Briefkästen anlegt, „Schüttelstrecken“ und „Reinigungsschleusen“ benutzt, um Verfolger loszuwerden, was stundenlang dauert kann, bis sie ihr Ziel erreicht hat. Sie muss auch KGB-Observierungstechniken studieren und, wo immer sie sich aufhält, in der U-Bahn, im Museum, in ihrer Plattenbau-Wohnung oder auf der Straße, ihr westliches Gehabe ablegen, was ihr am schwersten fällt.
„Tatort“-versierter Autor
Andreas Pflüger, geboren 1957 in Thüringen, aufgewachsen im Saarland, verdiente sich nach Abbruch seines Theologie- und Philosophiestudiums als Taxifahrer und Koch sein Geld, bevor er Musicals und Theaterstücke und danach annähernd 30 „Tatort“-Drehbücher schrieb. Auslöser für seine im Milieu der Spionage- und Gegenspionage spielenden Romane allerdings war die Begegnung mit Hans-Ludwig Zachert, dem Präsidenten des Bundeskriminalamtes (BKA), der dem Autor drei Wochen lang Einblick in seine Erfahrungen bezüglich der inneren und äußeren Sicherheit des deutschen Staates gewährte, was am Ende 15.000 Seiten Tonbandprotokolle ergab: jede Menge Informationen über die Strukturen der verschiedenen Sicherheitsbehörden und jede Menge Stoff für viele kommende Romane.
Letztlich aber sind es nur die äußeren Gegebenheiten, mit der Pflüger seinen Thriller möblieren kann. Das, was den Charme des Romans „Wie Sterben geht“ wirklich ausmacht, ist jedoch die Atmosphäre in der untergehenden Sowjetunion, der Umgang Ninas mit ihrer russischen „Quelle“ Rem, die Treffen auf verschiedenen Friedhöfen mit ihm, ihre endlosen Läufe im winterlichen Moskau, ihre immer mehr verfeinerten Methoden, lästige Schatten abzuhängen, wobei sie nicht nur ihre Verfolger im Blick hat, sondern auch meditiert und über ihr Leben nachdenkt. Sie verliebt sich in Rems Sohn Leo, lernt Boxen bei ihm und wird für die komplexe Choreografie dieses Sports genauso empfänglich wie für das verhängnisvolle Maskenspiel von Verrat und Treue, von Liebe und Hass, das sich jeden Tag aufs Neue vor ihr entfaltet.
Abründige Empathie
Stalins großer Terror von 1937 sei auch in den 1980er-Jahren noch nicht vorbei, versichern ihr Rem und Sohn. Weswegen sie die beiden gerne in den Westen schleusen will, im Gefangenenaustausch auf der „Bridge of Spies“, wie die US-Amerikaner die Brücke nennen. Aber: Siehe oben! Und: So schließt sich der Kreis.
Von Ian Flemings James-Bond-Romanen könnte man nicht behaupten, dass er Spionage und Gegenspionage als Sinnbild für die Janusköpfigkeit unseres Lebens betrachtet, Actionszenen sind ihm lieber, wobei auch Pflüger ein starkes Faible für akribische Beschreibungen derselben hat, da macht sich der Drehbuchschreiber in ihm bemerkbar. Spätestens bei diesem Buch jedoch ist Pflügers Referenzadresse deutlich John le Carré. Seine Melancholie und Ironie, literarische Verweistechnik und ausgeprägte, wenn es sein muss, abgründige Empathie für alles, was sich in der zweiten Welt hinter der ersten Welt abspielt, sind auch Pflügers Sache.
Lesezeichen
Andreas Pflüger: „Wie sterben geht.“; Suhrkamp; 448 Seiten; 25 Euro.