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Sonntag, 09. Dezember 2018 Drucken

Sport

Sexismus im Sport: Geschmacklose Grätschen

Von Anja Kunz

Da kann’s einem schon mal die Sprache verschlagen, wenn der Moderator die weltbeste Fußballerin statt nach ihren sportlichen Leistungen zu allererst nach einem sexy Tanz fragt. Viel mehr Ignoranz gegenüber der sportlichen Leistung geht nicht.

Da kann’s einem schon mal die Sprache verschlagen, wenn der Moderator die weltbeste Fußballerin statt nach ihren sportlichen Leistungen zu allererst nach einem sexy Tanz fragt. Viel mehr Ignoranz gegenüber der sportlichen Leistung geht nicht. ( foto: dpa)

Warum ist eine geringschätzige, herablassende Haltung gegenüber Frauen im Sport auch 2018 noch so verbreitet? Eine Einschätzung.

Es war ein feiner, festlicher Abend vergangenen Montag im Grand Palais in Paris. Beim Ballon d’Or wurden der Kroate Luka Modric und die Norwegerin Ada Hegerberg als weltbeste/r Fußballspieler/in geehrt – eine schöne Sache, ein würdiger Rahmen, beste Laune bei Gästen und Gekürten. Bis Moderator und DJ Martin Solveig ins Mikrofon dampfplaudern durfte. Er fragte Hegerberg nicht nach ihrem Champions-League-Sieg oder ihren Fähigkeiten als Torschützenkönigin der französischen Liga, sondern er fragte sie, ob sie auf der Bühne „twerken“ wolle, also tief in die Hocke gehen und anzüglich mit Po und Hüfte wackeln. Hegerberg, 23, einst für Turbine Potsdam, mittlerweile für Olympique Lyon am Ball, verlor abrupt ihr zauberhaftes Lächeln, sagte „Nein“ und wandte sich mit versteinertem Gesicht ab.

Solveigs Verirrung war an Geschmacklosigkeit und Dummheit kaum zu überbieten. Es war Sexismus in Reinform: Den Kollegen Modric hätte man nie und nimmer in Verlegenheit gebracht, auf solch anstößigen Nonsens zu reagieren.

Auf einen "Witz" herausgeredet

Im Grunde hätte es in Paris nicht schlimmer laufen können: Da wird erstmals endlich auch eine Frau mit der prestigeträchtigen Trophäe ausgezeichnet, die es seit 1956 nur für Männer gab; da glaubte man gar, hier und dort zuletzt einen Schritt vorangekommen zu sein – und plötzlich ballert Solveig die Gleichberechtigung (fast) ins Aus.

Dass der Moderator sich später für sein sexistisches Eigentor entschuldigte, von einem Witz sprach, das machte die Sache nicht besser. Auch dass Hegerberg hernach relativierte, sie habe es nicht als Sexismus verstanden, verschlimmbesserte den Fauxpas eher. Man wünschte sich, die Norwegerin wäre dem Franzosen in die Parade gegrätscht und hätte ein klares Statement abgegeben und zum Rundumschlag gegen Macho-Männer ausgeholt.

"Leistungen von Fußballerinnen entwertet"

Solveigs Peinlichkeit entfachte in sozialen Netzwerken und einigen Gazetten eine neuerliche Debatte. Sexismus im Sport ist so präsent wie Plätzchenbacken im Advent. Es muss wieder darüber geredet, geschrieben, gesendet werden. Wir sind sogar so weit (oder eben nicht), dass die Frage aufkam: Darf eine Autorin einen Text wie diesen hier vorliegenden überhaupt schreiben?

Allein, dass er geschrieben werden muss, ist kein gutes Zeichen. Aber im Jahr 2018 haben „Frauen viel zu streiten“ (Hegerberg). Die Soziologin Bettina Rulofs von der Deutschen Sporthochschule in Köln bestätigt: „Da Sexismus ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, bleibt auch der Sport davon betroffen.“ Durch solche öffentlichen Redeweisen wie Solveigs werde die „Leistung von Fußballerinnen entwertet“, sagt Rulofs. Immerhin trage die aktuelle Debatte zur Sensibilisierung bei.

Anfeindungen gegen die Kommentatorin

Und mit etwas Glück passieren dann auch solche Zwischenfälle wie in diesem Sommer nicht mehr: Da interviewte der ZDF-Reporter Martin Wolff die Tennisspielerin Angelique Kerber nach ihrem historischen Wimbledonsieg und fragte sie zuallererst, wo und wie sie anschließend feiern, trinken und flirten werde. Im Juni war die ZDF-Moderatorin Claudia Neumann heftigen, niveaulosen, unter die Gürtellinie gehenden Anfeindungen ausgesetzt, weil sie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Spiele der Männer-Fußball-WM kommentierte. Und weil sie es anders tat als die Kollegen.

Petra Tzschoppe, Gleichstellungsbeauftragte des Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), forderte daraufhin eine „Rote Karte für verbale Gewalt“. Sie will „Chancengleichheit für Frauen und Männer auf allen Ebenen des Sports“. Als Trainer, Experten, in Verbänden und unter Journalisten sind Frauen noch immer unterrepräsentiert. Nicht jeder will sich dem schonungslosen Chauvinismus aussetzen.

Beim rheinland-pfälzischen Landessportbund (LSB) sind laut Oliver Kalb, Abteilungsleiter für Gesellschaftspolitik, keine Fälle von offenem Sexismus bekannt. Es wird ihn trotzdem geben; nicht jeder Fall dringt an die Öffentlichkeit – und nicht jeder wird als solcher erkannt oder wahrgenommen. Die Grenzen des guten Geschmacks sind fließend.

Grid Girls - unnötig wie ein Kropf

Und trotzdem werden sie auch weiterhin ganz gern als schmückendes Beiwerk für die bewundernswerten Leistungen männlicher Kollegen gewählt. Bei der Tour de France geben Modelmaß-Mädels dem Etappensieger Küsschen. Die Nummerngirls beim Boxen braucht eigentlich kein Sportler, es reicht, wenn ihm der Trainer sagt, wie viele Runden er schon überstanden hat. Und die glitzernden Grid Girls in der Formel 1 sind so unnötig wie ein Kropf. Anfang des Jahres sollten sie abgeschafft werden, aber nicht jeder Grand-Prix-Ausrichter hält sich dran.

Manche stellten den Damen ein männliches Model zur Seite; in der Formel E und im Motorrad-Zirkus dagegen tänzeln die Mädels noch durch die Boxengassen. So mancher Handball-Bundesligist lässt Wischergirls übers Parkett fegen. Bei der Erfindung all dieser Phänomene ging es einst darum, Aufmerksamkeit für den Sport mit Schönheit und Sex-Appeal von Frauen zu erheischen. Frauen sind süß, hübsch, grazil, sexy; Männer stark, kräftig, leidensfähig.

Keine Goldfee mehr beim DFB

Immerhin: Beim Darts wurden die Walk-on-Girls abgeschafft, beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans werden den Siegern keine Frauen mehr als Zierde zur Seite gestellt. Im Beachvolleyball ist der Knappe-Höschen-Zwang Geschichte, Spielerinnen müssen nicht mehr in Bikinis baggern und pritschen, sondern dürfen das sogar in Burkinis. Selbst der Deutsche Fußball Bund hat sich diesbezüglich modernisiert: Er lässt keine als Goldfee verkleidete Sportlerin mehr stolzierend den Pokal fürs Herrenfinale ins Berliner Olympiastadion tragen. Wurde auch Zeit, denn es hat mit Sicherheit noch nie jemand in Erwägung gezogen, Männer in güldenen Gewändern den Frauen-Pott bringen zu lassen.