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Dienstag, 30. Juli 2019 Drucken

Kultur

Da geht einer

Von Saskia Henning von Lange

„Da geht einer. Er geht und geht, er wird kleiner, er bewegt sich schon gänzlich am Horizont, am Rand des Bildes...“ Foto: Picture Alliance/Westend 61

„Da geht einer. Er geht und geht, er wird kleiner, er bewegt sich schon gänzlich am Horizont, am Rand des Bildes...“ Foto: Picture Alliance/Westend 61

Eine Geschichte aus der RHEINPFALZ-Sommererzählreihe „Heimat, Liebe“ von der preisgekrönten Schrifststellerin Saskia Henning von Lange:

Da geht einer. Geht und geht. Und geht schon lange so. Will nicht fort und muss es doch. Musste los, muss weiter. Dreht sich nicht mehr um, hat sich schon lange nicht umgedreht. Was gäbe es auch zu sehen? Alle sind hinter ihm her, er flieht. Geht auf die Gefahr zu, durch sie hindurch. Die Gefahr ist überall. Er geht weiter, geradeaus, den Blick auf dem Boden. Was er hinter sich lässt, kann er nicht vergessen und hat es doch schon längst. Weil es das nicht mehr gibt. Ein verlassener Ort. Vor ihm kein offener Weg und er weiß doch nicht, wo er hin muss. Will nicht weg, will nirgendwohin und geht doch immer weiter und bleibt nicht stehen.

Er geht allein, auch wenn da andere sind, bleibt er für sich. Er geht allein. Die Hände sind frei. Das kleine Gepäck auf dem Rücken, vor der Brust, im ledernen Beutel, die Papiere. Der Pass, das Geld. Das ganze Geld. Das Geld eines ganzen Lebens. Und noch ein bisschen mehr. Von oben heiß die Sonne, zwingt seinen Blick auf den Boden, auf die eigenen Füße, wie sie immer noch einen Schritt gehen und noch einen, obwohl die Schuhe längst abgelaufen, die Füße auch schon fast, alle Schritte verbraucht sind. Obwohl alle Schritte längst verbraucht sind, auch den nächsten Schritt noch gehen, zur Not ohne Füße, und den nächsten, und auch den danach. Immer weiter gehen, durch den Schmerz hindurch, und lieber keine Gedanken denken, keine Gefühle fühlen, sich nicht fragen, für wen er hier eigentlich geht. Und schon gar nicht wohin oder was er hinter sich lässt, einfach nur gehen und sich nach nichts sehnen, immer weiter und weiter. Am liebsten auch in der Nacht nicht anhalten, immer weiter gehen, bis er umfällt vor Müdigkeit. Und dann liegen bleiben und schlafen und auch im Schlaf noch gehen. Am Rand des Schlafes eine schmale Gestalt, das Bild der Mutter. Und aufstehen. Und weiter.

Aber sich nicht gewöhnen, nicht ans Liegenbleiben, nicht ans Fortgehen, nicht an das, wo man herkommt, das es schon längst nicht mehr gibt. Das verschwunden ist in dem Moment, in dem er ihm den Rücken kehrte. Das schon vorher verschwunden war. Das es nirgendwo mehr gibt, nicht einmal als erfundene Gestalt der Erinnerung. Nicht daran denken. Nicht mal an den Körper denken, in dem er steckt, der er ist. Oder doch an den Körper denken, nur an ihn, diesen Nullpunkt der Welt, der Ort, an dem Wege und Räume sich kreuzen. Das, was einmal da war und das wohin er geht, das steckt alles noch in diesem Körper, steckt schon in ihm. Dieser Körper, den er spürt mit jedem Schritt, mit jedem Atemholen, mit jedem Schlag. Also doch an den eigenen Körper denken und an den Kopf, aber nicht an die Worte im Kopf, die da gar nicht mehr herausgehen, die er trotzdem nicht erreichen kann. Und die Worte nicht sagen, die man doch sagen könnte: Haus, Brücke, Brunnen, Tor. Sich an gar nichts gewöhnen, auch nicht daran, dass der nächste Schritt immer schon getan ist, dass der für immer noch vor ihm liegt.

Und dann redet ihn jemand an und er dreht doch den Kopf. Und er versteht kein Wort und hört doch Worte und dann zieht er seinen Mantel aus, hat keine Lust mehr auf das Bild, das er abgibt, das ein anderer Blick ihm überstülpt. Legt auch Hemd und Hose noch ab und ist ja doch nicht nackt, kann gar nicht nackt sein, weil ich nicht aufhöre, ihn anzuschauen. Ich bin es, die ihn mit ihrer Schreibweise betrachtet, die aus ihm etwas macht, das er nicht ist und das er selbst in sich niemals gesehen hätte. Die mit ihren Worten ein Anderswo behauptet und da doch nicht hinkommt. Die ihm das Bild eines Sprechens aufzwingt, das lange vor seinem Gebrauch bereits erfunden worden ist. Und die ihn aus diesem Bild nicht mehr herauslässt. Die einen Blick erfindet, in dem er enthalten ist.

Da geht einer. Er geht und geht, er wird kleiner, er bewegt sich schon gänzlich am Horizont, am Rand des Bildes, ein Ereignis meines Blicks, gleich ist er verschwunden. Er dreht sich nicht um, er zuckt nicht mit den Schultern, nicht die kleinste Geste, er ist nicht mal mehr ein Sandkorn in diesem unscharfen Bild und doch ist er noch da, weil ich ihn nicht fortlasse und nicht aufhöre, ihn mit meinem Schreiben immer wieder hervorzuholen, ihn in die Mitte dieses Bildes zu setzen, dessen Leere selbst nicht leer ist.

Denn er ist ja doch da, auch in diesem Moment, wo ich zögere, das hier aufzuschreiben. Er ist da, auch wenn ich ihn nicht kenne, auch wenn ich nichts weiß von ihm und von dem, was er hinter sich gelassen hat. Was er verloren hat und was noch nicht vorbei ist. Ich habe ihn mir nicht ausgedacht. Er ist da, und erreicht gerade jetzt die Küste. Und da sind noch andere, und da sind viele. Das Boot winzig, wie sollen sie da nur alle hinein. Und jetzt denkt er, dass er da nicht hinein will, ein Wahnsinn, so ein winziges Boot auf so einem endlosen Wasser, dass er lieber immer weiter gehen würde, über das Meer hinaus und weiter.

Und jetzt lasse ich ihn da stehen, weil ich Angst habe vor der Falschheit einer nicht gemachten Erfahrung, weil ich ihn nicht ertrinken lassen will, weil ich ihn nicht retten kann. Nicht mit diesen Worten hier. Und er hat Angst vor dem Meer. Er zögert, aber er bleibt nicht stehen. Er steigt in das Boot, er sitzt ganz am Rand, immer mehr steigen dazu, das Boot schwankt, jetzt legt es ab. Ich kann ihn trotzdem noch sehen.

Und wenn ich denke, dass Heimat ein ortloser Ort ist, ein erfundenes Bild, das erlischt, wenn man sich nach ihm umdreht, ein Begriff, mit dem ich herumspielen kann oder von dem ich mich distanzieren muss, dann kann ich das nur denken, weil ich mich selbst danach noch nicht umdrehen musste.

Das hier ist keine Geschichte. Ich muss sie hinschreiben.

Zur Autorin

  • Saskia Hennig von Lange ist Schriftstellerin und Kunsthistorikerin. Sie lebt mit ihrem Mann und den drei Kindern in Frankfurt am Main. Zuletzt erschien ihr Roman „Hier beginnt der Wald“, Jung und Jung, 2018.