Zweibrücken
Taxifahrerin mit Herz: „Man ist auch sehr oft Seelsorger“
„Ich hätte nie im Leben gedacht, dass ich mal Taxi fahren würde“, erzählt Gabi Eckes. Gerade verlässt sie den Betriebshof des Zweibrücker Taxiunternehmens Witt und biegt in Richtung Oberauerbach ab. Als Mietwagenfahrerin – so werden Ruftaxis bezeichnet, die nur auf Bestellung Gäste transportieren – übernimmt sie hauptsächlich Krankentransporte und Dialysefahrten. „Ich mache das, weil ich den älteren Leuten helfen möchte. Die sind dankbar für die Gespräche. Und mir tut es gut, weil ich das Gefühl habe, gebraucht zu werden.“ Nachtschichten, am Taxistand auf Laufkundschaft zu warten oder „Süffcher“ abzuholen, wie sie betrunkene Fahrgäste liebevoll nennt, kann sie sich nicht vorstellen. Ihren Nebenjob sieht sie als Hobby, bei dem sie viele neue Menschen kennenlernt und dabei ihre Rente aufbessert.
Mehr als nur ein Nebenjob
Eckes fährt kein klassisches Taxi. Statt dem in vielen Bundesländern verpflichtenden Farbton Hell-Elfenbein glänzt ihr Mietwagen weiß in der Vormittagssonne. Ein Navigationsgerät braucht sie für die gewohnten Strecken in und um Zweibrücken nicht. Die ehemalige Postangestellte verlässt sich auf ihr Wissen aus über 20 Jahren im Auslieferungsdienst: „In Zweibrücken kenne ich fast jede Ecke.“ Die Ortskundeprüfung, die Voraussetzung für den Personenbeförderungsschein ist, war für Gabi Eckes ein Leichtes. Die zweite Hälfte ihres Arbeitslebens verbrachte sie beim Zweibrücker Autozulieferer QTEC Solution. „Da habe ich mich zur Teamleiterin hochgearbeitet und bin dann in Rente.“
Die ersten zwei Monate im Ruhestand seien „wunderbar“ gewesen. „Ich habe das Haus und den Garten auf den Kopf gestellt“, erinnert sich die Zweibrückerin. Obwohl Schulter- und Hüftprothese sie körperlich einschränken, möchte sie stets in Bewegung bleiben. Den Ruhestand auf dem Sofa zu verbringen, war keine Option. Über einen Bekannten kam sie zum Taxifahren. Drei Jahre sind seitdem vergangen. Drei Jahre, in denen sie viele Geschichten gesammelt und Stammgäste in ihr Herz geschlossen hat.
Persönliche Bindung zu den Fahrgästen
Einer von ihnen ist Herbert Meyer (Name von der Redaktion geändert). Als das Taxi in Oberauerbach anhält, wartet er dort schon mit seiner Frau. Neben den gemeinsamen Fahrten verbinden die beiden über 30 Jahre, die sie sich bereits kennen. Die Begrüßung ist entsprechend herzlich. Man ist per Du. Während Gabi Eckes dem Fahrgast beim Einsteigen hilft, nimmt seine Frau auf dem Rücksitz Platz. Die Bewegungsabläufe, mit denen sich die oft schwer kranken Patienten ins Auto hieven, kennt sie gut und gibt Hilfestellung, als könne sie deren Gedanken lesen. „Die Gabi macht alles für uns“, lobt Meyer. „Du weißt doch, wir sind immer für dich da“, erwidert die Fahrerin. Statt anonymer Beschallung aus dem Radio verkürzt ein persönliches Gespräch die Fahrtzeit. Gefragt wird nach dem letzten Urlaub und dem Wohlbefinden der Familie. Dass es sich bei der Fahrt um eine Dienstleistung handelt, verblasst mit jeder Minute auf dem Weg zur Arztpraxis in der Stadt. „Es ist schön, wenn man ein vertrautes Verhältnis mit den Fahrern hat“, erzählt Meyer. Statt einer Bezahlung mit Geld gibt es einen Schein, der die Fahrt der Krankenkasse in Rechnung stellt.
Schwere Schicksale bleiben in Erinnerung
Wenig später rollt das Auto in Richtung Nardini-Klinikum. Oft ist Gabi Eckes die erste Person außerhalb des Krankenhauses, der ein Patient nach einer schlimmen Diagnose oder Behandlung begegnet. Daher hat sie schon viele Momente erlebt, in denen ihre Passagiere auf dem Beifahrersitz in Tränen ausbrechen. Etwa als eine junge Mutter erfuhr, dass sie nicht mehr lange zu leben hat. „Die Frau hat mir ihre ganze Lebensgeschichte erzählt. Die hat mir so leidgetan. Wir saßen beide im Auto und haben geheult.“ In solchen Fällen sucht sie immer nach aufmunternden Worten. „Man ist als Taxifahrer auch Seelsorger“, erzählt sie. Das Erlebte nach Schichtende im Auto zu lassen, gelingt nicht immer.
Dabei spielen neben viel Empathie auch persönliche Grenzen eine Rolle. Gabi Eckes folgt nicht jeder Einladung zum Kaffeetrinken. „Zu manchen Menschen muss ich bewusst Distanz wahren“, erzählt die Zweibrückerin, während sie die Auffahrt zum Nardini-Klinikum hochfährt. Ein wenig wirkt ihr Weg ins Krankenhaus wie das Betreten eines Supermarkts. Mit einem Chip bewaffnet, steuert Eckes zielstrebig auf eine Reihe aneinandergeketteter Rollstühle zu, die wie Einkaufswagen erst nach dem Einschieben einer Münze den eigenen Bewegungen folgen. An der Dialysestation wird die Chauffeurin von einer älteren Dame schon erwartet. „Das ist eine von meinen Lieblingsfahrgästen“, erklärt Eckes auf dem Weg ins Auto. Sie weiß um den „ganz tollen Sohn und das Enkelkind“, die die 85-Jährige umsorgen, und teilt mit ihrem Stammgast eine Begeisterung für die USA. Während der Fahrt tauschen sie Erinnerungen und Anekdoten aus, die sie zumindest gedanklich an den entfernten Sehnsuchtsort reisen lassen.
Engagiertes Vereinsmitglied und USA-Liebhaberin
Ihre USA-Leidenschaft wurde auch in Zweibrücken lebendig. 23 Jahre lang hat Eckes den Squaredance-Verein als Präsidentin geleitet, bis sie aus gesundheitlichen Gründen aufhören musste. „Durch den Verein war ich weltweit mit Menschen aus anderen Tanzgruppen verbunden. Dadurch war ich schon immer so offen“, erzählt sie. Auch in Zweibrücken ist die Taxifahrerin nach 30 Jahren Handball beim SV64 bestens vernetzt. In ihren Erzählungen schrumpft die Stadt zu einem Dorf zusammen, in dem Gabi Eckes fast alle kennt oder zumindest schon mal im Taxi sitzen hatte.
Aktuell, so erzählt sie, kann sie es sich noch nicht vorstellen, ihr Hobby an den Nagel zu hängen. Ein gutes Jahr bleibt ihr noch, um sich an den Gedanken zu gewöhnen. „Ich mache noch bis nächstes Jahr Weihnachten. Dann läuft mein Schein aus und ich denke, dann reicht es auch“, lautet der Plan. Denn zusammen mit ihrem Mann habe sie noch viel vor. Eine Auswanderung in die USA stand im Raum. Die Vorstellung, auf das deutsche Gesundheitssystem und den sonntäglichen Besuch der drei Söhne und acht Enkelkinder zu verzichten, haben das Vorhaben jedoch ins Wanken gebracht. Egal ob in Zweibrücken oder den USA: Langweilig wird es Gabi Eckes auch im Ruhestand nicht werden. „Gemeinsam mit meinem Mann lebe ich sehr gerne und gut“, sagt sie zufrieden.