Zweibrücken
Der Sepp vom Hallplatz hat jetzt auch ein Buch geschrieben
Edgar Steiger wohnt in Zweibrücken. In seinem Haus wimmelt es nur so von Büchern und von Kunst. In diesem Ambiente entsteht „Der Sepp vom Hallplatz“. Am Computer in der Ecke. Die erste Folge erschien am 6. Februar 2001. Am Montag, 25. Oktober, erscheint die 1086.
Welche Nummer trägt der letzte Text?
1085, Stichwort Willy, weil der ausführlich erwähnt wurde. Ich schreibe immer ein Stichwort auf den Kalender, damit ich den Überblick nicht verliere. Und ich stelle mir vor, dass ich alles so den Leuten erzähle, wie ich es schreibe. Das ist mir wichtig.
Wie kam es zur der Kolumne?
Redaktionsleiter Georg Altherr fragte: „Möchtest du nicht etwas über Zweibrücken schreiben? Du weißt doch so viel über die Stadt!“ Am Anfang habe ich rumgeeiert, weil ich überlegt habe, wie ich das mache. Die erste Kolumne bezog sich auf einen Spaziergang in der Allee. Ich habe zwei Vorbilder: Richard Kirn (1905-1979), das war ein Frankfurter Lokaljournalist, und Siggi Sommer (1914-1996) in der Münchner Abendzeitung mit „Blasius, dem Spaziergänger“. Etwas Unterhaltsames, die Geschichte der Stadt und Geschichten aus der Stadt, sollte es sein. Am Anfang hatte ich noch keine Form und war nicht zufrieden. Es wurde dennoch gedruckt! Dann habe ich die Form gefunden, an der ich festhalte.
Georg Altherr hat Vorgaben gemacht?
Nein. Er sagte auch, ich kann mir einen Namen aussuchen. Da überlegte ich: Luiche kannst du nicht machen, das ist der Karl Meyer. Aber da ist diese schöne Figur auf dem Hallplatz, mach doch „Sepp vom Hallplatz“. Dann kam ein Fax mit einer Zeichnung des Karikaturisten Uwe Herrmann und der Frage: „Ist dir das recht?“ Ich sagte: „Ist mir recht.“ Und das war es dann. Es gab auch keine Vorgaben, was die Länge angeht. Eine Kolumne hat so um die 500 Wörter, eine Din-A4-Seite. Mir hat mal ein Mensch von Daimler-Chrysler gesagt, wenn er eine Vorlage macht für den Vorstand, dann darf die nicht länger sein als eine Din-A4-Seite, sonst wird sie nicht gelesen.
Sie drucken die Texte dann aus und heften Sie ab?
Nein, ich habe sie lange Zeit gelöscht!
Wie bitte? Sie haben alles gelöscht?
Ich bin Journalist. Ein Journalist schreibt für den Tag. Dann liest das ein Leser. Der sagt: „Es ist Mist“. Oder: „Es gefällt mir“. Und dann vergisst er es. Aber ich bin kein Buchschreiber. Für das Buch musste ich mir meine Texte von der RHEINPFALZ ausdrucken lassen. Aber jetzt lösche ich sie nicht mehr.
Sie haben zuvor nie Texte aufgehoben?
Doch!
Das war doch die Samstagsbeilage der RHEINPFALZ in den 50er und 60er Jahren!
Ja. Da schrieb ich so geistreiche Artikel wie den über einen Mann, dem einer auf den Kopf gehauen hat, als er heimgekommen ist. Er rief die Polizei. Der Polizist kam und hat den Gang abgesucht. Und dann hat er gesagt: „Alles einstellen! Ich bin eben auch auf den Rechen getreten.“
Waren diese Geschichten erfunden?
Absolut! Ich schrieb Krimis wie „Rache kann lange warten“, „Der letzte Urlaub“ oder „Der Selbstmörder“. Angefangen hat es 1968 mit „Der Großfürst Paul“, das war die erste Geschichte, die ich für das „Pfälzer Tagblatt“ in Landau geschrieben habe. Dann habe ich die Zeitungen bombardiert. Der „Pfälzische Merkur“ war derjenige, der gleich alles gedruckt hat. Der damalige Zeitungsverleger Günther Bartz fragte: „Wolle Sie Ihr Hobby nicht zum Beruf mache?“ Da ging mein Traum in Erfüllung. Mein Vater wollte ja, dass ich Maler werde wie er. Aber ich wollte zur Zeitung gehen.
Die Sepp-Geschichten sind aber echt ...
Ja. Aber jeder liest sie und macht eine eigene Geschichte draus. Seitdem veröffentlicht wurde, wer den Sepp schreibt, werde ich häufiger auf der Straße angesprochen: „Du hast mich an was erinnert.“ Karin Marschalek, die Pressesprecherin vom Arbeitsamt war, sagte zu mir, als ich über den Flugplatz schrieb. „Meine Mutter hat auf dem Flugplatz gearbeitet, in der Snackbar, und mein Vater hat sie abholen müssen.“ So entstehen die eigenen Geschichten.
Lange war nicht bekannt, wer der „Sepp vom Hallplatz“ ist. Warum?
Ich habe gesagt, dass mein Name nicht dabeistehen muss, so etwas wie „Blasius, der Spaziergänger“ reicht doch.
90 Prozent der Texte beginnen mit einem mundartlichen Zitat ...
Ja, wenn Rosemarie Pendt samstags kommt und sagt: „Wo hann dann Sie die Aussprüch her am Anfang, iss das Fantasie?“ Dann kann ich sagen: „Jetzt habe ich wieder einen Anfang.“ Ich muss manchmal Mundart schreiben. Selbst wenn ich nur statt Mutter die Mamme schreibe, es ist ehrlicher.
Ist sie eine Ihrer Informanten? Sie können sich doch nicht an alles erinnern ...
Nein. Es ist alles in meinem Kopf drin. Ich habe immer gesagt: Ein Journalist, der zu faul ist, sich etwas aufzuschreiben, braucht ein gutes Gedächtnis. Aber ich habe auch Angst, wenn mir mal ein Ausdruck nicht einfällt. Oder ein Name.
Manchmal ist aber zu lesen, dass die Anregung von jemand anders kommt, von Horst Müller beispielsweise, der einen Leserbrief geschrieben hat ...
Das ist die berühmte Leser-Blatt-Bindung! Horst Müller habe ich persönlich gekannt. Er ist verstorben. Ich wollte mal über die drei Sparkassenchefs schreiben: Werner König, Wolfgang Blessing und Hans Dickes, weil die so volksnah waren. Da fiel mir der Vorname von Dickes nicht mehr ein. Aber man kann doch nicht die Vornamen von den anderen beiden nennen und den einen nicht!
Man kann im Internet recherchieren ...
Ich habe ihn nicht gefunden. Dann habe ich als Vornamen geschrieben: die Sparkassendirektoren. Am nächsten Tag treffe ich Karl-Heinz Dettweiler (den verstorbenen Musikkritiker der RHEINPFALZ), der sagte: „Das finde ich schön, dass du über meinen Freund Hans geschrieben hast.“ Da sagte ich: „Das hättest du mir gestern sagen müssen.“
Das eine sind die Namen, das andere die Themen – wie bringen Sie das zusammen?
Gestern Abend bin ich spazieren gegangen und war noch themenlos. Dann kam mir der Gedanke, da war heute der Aufmacher in der RHEINPFALZ über das neue Notfallkrankensystem. Da überlegte ich: Wie war denn das früher? Da ist die Mutter zum Fehrentz gelaufen oder zum Langhauser und fragte: „Kann ich mal ihr Telefon benutzen?“ Sie hat beim Doktor Lesley angerufen und dann hieß es, nach der Sprechstunde kommt er. Da war der Einstieg in die Kolumne da. Es gab ja auch nicht immer Rettungswagen, nicht immer einen Notarzt, der mitgefahren ist. Da kam der Baumann damals mit dem Krankenwagen. Das sind die Zeilen, die ich aufgeschrieben habe. Beim Thema Pfarrhaus Heilig Kreuz habe ich über die Politiker geschrieben, die nach Zweibrücken kamen wie Wehner, Brandt. Mir fiel ein, dass ich Biedenkopf erlebt habe und Norbert Blüm, wie der sich die Ärmel hochgewickelt hat – das war im Pfarrheim Heilig Kreuz. Was war denn da noch? Dort hatte ich ein Gespräch mit Kurt Beck und wollte ihm entlocken, dass er sagt, ich werde mich morgen bewerben als Ministerpräsident. Hat er aber nicht gesagt. Und dann war da noch mehr, der Kindermaskenball und die Maifeier, mit dem Volkschor Niederauerbach. So kommt dann eins zum anderen. Das Thema macht sich manchmal selbstständig.
Wie viel Autobiografisches ist denn in den Geschichten?
Vieles, es sind ja viele Erlebnisse. Ich weiß nicht, ob die Geschichte mit Curd Jürgens im Buch drin ist ...
Nein!
Wir waren in Südfrankreich im Urlaub, in Saint-Paul-de-Vence. Da habe ich gehört, hier wohnt Curd Jürgens. Wenig später war Curd Jürgens in der Zweibrücker Festhalle. Ich habe gebeten, ein Gespräch mit ihm führen zu dürfen. Nach einer halben Minute habe ich zu ihm gesagt: „Ich habe Sie für einen feinen Pinkel gehalten, aber Sie sind ein ganz netter Mensch.“ Da sagte er: „Warum soll ich nicht nett sein, ich habe lange Zeit für sieben Pfennig die Zeile für das Berliner Abendblatt geschrieben.“ Dann sprach ich ihn auf den tollen Bouleplatz an: „Wenn Sie es meiner Frau nicht verraten, da habe ich schon ein Vermögen gegen Yves Montand verloren.“ Da verbindet sich Privates und Berufliches.
Chronologisch geht es manchmal aber durcheinander ...
Ja, da wird gesprungen. Weil es sich so ergibt.
Im Buch taucht nur zweimal eine Jahreszahl auf, manchmal etwas Vages wie 50er Jahre oder Nachkriegszeit. Woran liegt das?
Es geht um das, was war, nicht um die Jahreszahl. Ich habe kein Verhältnis zu Jahreszahlen, ich kann sie nicht behalten. Und ich habe eine Methode, die in der Redaktion beim „Pfälzischen Merkur“ immer belächelt wurde: Als erstes schreibe ich die Überschrift. Ich finde, dass Lokaljournalist der schönste Job der Welt ist.
Liest die Texte jemand vor der Veröffentlichung?
Ich habe eine Freundin in Kanada, der schicke ich den Text, wenn er fertig ist, noch vor der Veröffentlichung. Und Bärbel Philippi schicke ich den Text, nachdem er erschienen ist. Sie hat einen Verteiler. Da geht es nach Amerika, nach München. Hannelore Besel schickt ihn weiter, Edith Nagel auch. Die Damen schneiden ihn noch aus, stecken ihn in einen Umschlag und verschicken ihn. Ich vermute, dass sie diejenigen waren, die gesagt haben, ich soll ein Buch machen, weil sie Porto sparen wollten. (Er lacht)
Info
Edgar Steiger stellt sein Buch „Der Sepp vom Hallplatz“ am Freitag, 29. Oktober, 19 Uhr, in der Zweibrücker Himmelsbergkapelle, Obere Denisstraße 1, vor. In seiner Rolle als „Der Sepp vom Hallplatz“ nimmt sich Edgar Steiger in 74 Beiträgen Zweibrücker Straßen, Geschäfte und Bürger vor, erzählt vom Alltag von der Nachkriegszeit bis heute und von auch kleinen Sensationen. Das im Zweibrücker Echo Verlag erschienene Buch hat 130 Seiten, elf schwarz-weiße Fotos und kostet 16,80 Euro, für Besitzer der RHEINPFALZ-Card kostet das Buch nur 13,44 Euro, wenn sie es direkt beim Verlag bestellen per E-Mail an sowo-echo@gmx.de oder michaeldillinger@t-online.de und Nennung der RHEINPFALZ-Card-Nummer. Der Versand erfolgt portofrei.
Zur Buchvorstellung (parallel wird das ebenfalls im Echo Verlag publizierte Buch „Die Parkplatzbande“ von Bärbel Philippi vorgestellt, von ihrem Bruder Klaus stammen die meisten Fotos im „Sepp“), dürfen 60 Personen kommen, es gilt 2G. Der Eintritt ist frei, Anmeldung nötig per E-Mail an pfarramt.winterbach@evkirchepfalz.de, oder Telefon 06337 358.
