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Mittwoch, 12. Dezember 2018 Drucken

Zweibrücken: Kultur Regional

„Ein bodenständiger, tatkräftiger Schlag“

Die Zweibrücker Künstlerfamilien Rinck und Ohler sind zu fünft im neuen Rheinland-Pfalz-Lesebuch vertreten

Von Andrea Dittgen

Der zweite Band der literarischen „Gegend Entwürfe“ ist erschienen.

Der zweite Band der literarischen „Gegend Entwürfe“ ist erschienen. ( Foto: Verlag)

Jürgen Rinck schreibt eher Blogs als Bücher. Er veröffentlicht sie unter dem Namen irgendlink im Internet – zusammen mit den Fotos von seinem literarischen Fahrradreisen.

Jürgen Rinck schreibt eher Blogs als Bücher. Er veröffentlicht sie unter dem Namen irgendlink im Internet – zusammen mit den Fotos von seinem literarischen Fahrradreisen. ( Archivfoto: Steinmetz)

Birge Amondson, geborene Ohler, schreibt erstmals seit Jahren wieder einen Text.

Birge Amondson, geborene Ohler, schreibt erstmals seit Jahren wieder einen Text. ( Foto: Ohler)

Die beiden großen Zweibrücker Künstlerfamilien mit fünf Mitgliedern vereint in einem Buch – das gab es noch nie! Wahrscheinlich muss erst ein Auswärtiger wie Michael Au aus Mainz darauf kommen. Denn der Leiter des Referats Literaturförderung im Kultusministerium sprach die Rincks und die Ohlers gezielt an für das Kapitel „Familiengeschichten“ im neuen Rheinland-Pfalz-Lesebuch „Gegend Entwürfe“.

Die Unterschiede sind schnell ausgemacht. Während die Geschichten von Wolfgang Ohler und seinen Kindern Norman Ohler und Birge Amondson in Afrika und Brandenburg spielen, bleiben die Rincks eher in der Region.

Monika Rinck, die Lyrikerin, die in diesem Jahr mit einem Stipendium des Bundesrepublik Deutschland in der Villa Aurora in Los Angeles weilte, findet in dem Gedicht „Landschaft ist Topf am Bahnhof“ sogar Interessantes am Bahnhaltepunkt Pirmasens Nord. Ihr Cousin, der Konzeptkünstler Jürgen Rinck, steuert zwei Blogtexte zu seiner Rheinland-Pfalz-Radtour (wir berichteten) bei, die Lust machen, das Blog zu lesen. Dass es in „The Omelette Situation“ auch um einen Bahnhof geht, ist jedoch wohl eher Zufall. An einem Bahnhof (wo, wird nicht verraten) trifft Jürgen Joseph. „Er jenseits des Gleises, ich diesseits. Winke ihm zu. Er winkt zurück.“ Schreibt Jürgen Rinck, dessen kurze Sätze schon ein bisschen an die Lyrik der Cousine erinnern. Jürgen radelt mit seiner neuen Bekanntschaft, dem Amerikaner, der den Zug nach Kusel verpasst hat, weiter. Der lädt ihn ein in sein Haus und backt ein Omelette, das Jürgen von dem einen Ende und Joseph von dem anderen Ende her aufzuessen beginnt. Vorher hatten sie über Kunst geredet: „Künstler sind so Wesen, die man beargwöhnt. Künstler sind keine Bäcker. Sie sind wie die Welt. Vieles in Einem und alles miteinander in Korrespondenz.“ Allein schon wegen dieser Definition sollte man Jürgens Blog mal ins Auge fassen: irgendlink.de heißt es. Von den Rincks fehlen übrigens Stefan, der Bildhauer (Monikas Bruder), und Ute, die Malerin (Monikas Mutter). Schade, denn ein paar Fotos hätten dem dicken Buch schon gut getan.

Apropos Definition: In dem Ausschnitt, den Norman Ohler aus seinem Historienroman „Die Gleichung des Lebens“ (Kiepenheuer & Witsch, 2017) für die Anthologie aussuchte, werden die Zweibrücker definiert: „Ein angeblich bescheidener, tatkräftiger, bodenständiger Schlag. Ohne störrisch zu sein oder auf Eigenständigkeit zu bestehen. Sind nur zu früh aufgebrochen in ihre glorreiche Zukunft.“ Gemeint ist zwar der Sommer 1747, aber viel geändert hat sich eigentlich nicht. Eine listige Textwahl.

In einer Mischung aus Erzählung und Briefroman erzählt Birge Amondson, Normans jüngere Schwester, die seit ihrer Heirat mit einem Filmemacher in Berlin und Los Angeles lebt, von einem Erlebnis in Afrika, in Accra. Plastisch beschreibt sie die Eindrücke in dem fremden Land, die auf sie einwirken: „Die offenen Abwasserkanäle, die sich manchmal meterbreit durch die Straßen schlängeln, wie dicke schwarze Adern durchziehen sie die Stadt. Das Wasser ist dick vor Schmutz und wirft grüne Blasen, die Moskitos brüten ihre Eier darin.“ Doch vor allem fällt ihr Blick auf einen Hund, der im Sterben liegt, was ihren einheimischen Wohnungsgeber kalt lässt – und viel über den Kulturunterschied Deutschland-Ghana sagt.

Auch Wolfgang Ohler (Sonnhild, seine Frau, die Malerin, fehlt) beschreibt Afrika: Dakar (Senegal) – in einem Mix aus Tagebuch und Kurzgeschichte. Seine Geschichte ist universell, distanziert, geheimnisvoll – und hat einen Cliffhanger. Vielleicht macht er ja ein Buch daraus. Kultur

Lesezeichen

—Michael Au/Alexander Wasner (Herausgeber): „Der Mensch ist frei – Gegend Entwürfe 2018. Lesebuch für Literatur aus Rheinland-Pfalz 2018. Band 2“; Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2018, 300 Seiten, 24,80 Euro.

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