Speyer
Waldsee: Facharzt Serkan Sertel spricht über Tinnitus
„Der störende Mann im Ohr: Tinnitus“ heißt der Vortrag, den Professor Dr. Serkan Sertel am Dienstag, 21. Januar, bei der Volkshochschule Waldsee hält. Lilly Wiedemann hat mit dem Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde vorab über die Tücken des Ohrenleidens gesprochen und darüber, ob die Forschung den Betroffenen Hoffnung machen kann.
Herr Professor Sertel, Ihr Vortrag trägt den Namen „Der störende Mann im Ohr: Tinnitus“. Kann Tinnitus Betroffene in den Wahnsinn treiben?
Das ist tatsächlich möglich. Allerdings ist es oft schwer zu sagen, was zuerst da war: Der Tinnitus, dessen Störung stark in die Psyche eingreifen kann, oder ein seelisches Problem, das den Tinnitus erst ausgelöst hat.
Wie schnell ist es möglich, etwa bei Konzertbesuchen, einen Tinnitus zu bekommen?
Das hängt immer davon ab, wie groß die Lärmbelastung ist und wie nah man sich an den Lautsprecherboxen befindet. Mit ein wenig Vorsorge lassen sich Beschwerden gut vermeiden.
Was kann man denn präventiv tun, um einen Tinntius zu verhindern?
Grundlegend sollte zunächst eine hohe Lärmbelastung vermieden werden. Wenn man aber in bestimmten Berufen arbeitet, etwa als Bauarbeiter, geht das nur schlecht. In solchen Fällen empfehle ich einen Gehörschutz in Form von Ohrenschützern oder Ohrstöpsel. Dasselbe gilt auch für Konzertliebhaber.
Ab welchem Zeitpunkt raten Sie an, einen Arzt aufzusuchen?
So früh wie möglich. Existiert der Tinnitus erst seit den letzten drei Monaten, spricht man von einem „akuten Tinnitus“, der weit bessere Behandlungsmöglichkeiten zulässt. Grundsätzlich gilt: Je früher der Tinnitus behandelt wird, desto besser stehen die Chancen für eine Heilung.
Wie viele Ihrer Patienten kommen aufgrund eines Tinnitus-Leidens in Ihre Praxis?
Wir sehen jede Woche durchschnittlich 250 bis 280 Patienten, ungefähr zehn Prozent kommen wegen Tinnitus zu uns. Immer wieder kommt es auch zu Häufungen, die sich jedoch nicht einem bestimmten Ereignis zuordnen lassen.
Wie wird das Ohrenleiden von den Patienten beschrieben?
Ein Tinnitus ist eine individuelle Störung, die ganz unterschiedlich wahrgenommen wird. Über Pfeifen und Brummen bis hin zu doppelten Tönen ist alles dabei. Die Patienten hören die Töne oft vor dem Schlafengehen, wenn ihre Umgebung ruhig ist.
Was macht die Behandlung von Tinnitus so schwierig?
Zunächst gibt es sehr viele Ursachen für die Töne im Ohr. Sie reichen von Lärmbelastungen über physische Störungen bis hin zu psychosomatischen Problemen und gehen oft Hand in Hand miteinander. Auch unsere heutige Leistungsgesellschaft hat häufig einen großen Anteil am Leidensdruck der Patienten. Es ist also oft schwer, den genauen Grund für den Tinnitus herauszufinden. Gleichzeitig gibt es auch verschiedene Arten des Tinnitus, etwa den idiopathischen Tinnitus, bei dem die Ursache ungeklärt ist, oder den objektiven Tinnitus, den sogar der behandelnde Arzt hören kann, da die Töne im Ohr hier durch Körpergeräusche verursacht werden. Tinnitus-Beschwerden sind also breitgefächert und oft bleibt der genaue Grund ihres Auftretens im Dunkeln, was eine Behandlung erschwert.
Gibt es Hoffnung, dass die Diagnostik und Behandlung von Tinnitus-Leiden in naher Zukunft einfacher wird?
Die Forschung ist auf diesem Gebiet bis jetzt noch nicht sehr fortgeschritten. Ich selbst bin der Meinung, dass Traditionelle Chinesische Medizin, speziell die Akupunktur, ein vielversprechender Weg ist, Tinnitus zu behandeln. Ich betreue selbst Doktoranden, die diesbezüglich Wirksamkeitsstudien durchführen.
Waren Sie selbst schon einmal betroffen?
Tatsächlich, ja. Durch eine Physiotherapie wurde meine Halswirbelsäule manipuliert, es war also ein rein physischer Auslöser. Ich bin mit dem Piepen im Ohr eingeschlafen und aufgewacht, kann nun also noch mehr nachempfinden, welche Belastung ein Tinnitus für die Patienten darstellt. Zum Glück wurde ich meine Beschwerden aber relativ schnell wieder los.
Termin
Der kostenfreie Vortrag der VHS Waldsee zum Thema „Tinnitus“ findet am Dienstag, 21. Januar, um 19 Uhr im Raum 20 der Hermann-Gmeiner-Schule in Waldsee statt. Um eine Anmeldung unter 06236/4182103 oder über die E-Mail-Adresse Brigitte.domke@vg-rheinauen.de wird gebeten.
Zur Person
Professor Dr. med. Serkan Sertelll, Jahrgang 1974, studierte Medizin in Münster, war 15 Jahre lang an der Uniklinik in Heidelberg tätig und leitender Oberarzt in der HNO-Abteilung des Klinikums Frankfurt Höchst. Heute betreibt er eine Praxis in Ludwigshafen und ist Belegarzt der HNO-Klinik des St.-Marien-Krankenhauses. Zudem lehrt er an der Universität Heidelberg.