Speyer
Vor 150 Jahren ankerte ein Zirkusschiff im Rhein
80 Meter lang und 21 Meter breit war das Zirkusschiff, mit dem der deutsch-amerikanische Unternehmer Theodor Lent aus New York City auf dem Rhein viel Geld machen wollte. Vorbild war ein Zirkusschiff, das auf dem Mississippi fuhr. Beim Stadtbauamt beantragte er den Bau des Schiffes. Der Leiter des städtischen Bauwesens, der Architekt Max Siebert, genehmigte nicht nur das Vorhaben. Er entwarf es auch.
Die hölzerne Halle verfügte über drei Galerien und eine Manege von zwölfeinhalb Metern Durchmesser. Um sie herum waren Sitzplätze für bis zu 2000 Zuschauer arrangiert. Die Halle bot zudem Platz für Kassen, Garderoben, Küchen, Büffets, Pferdeställe und Gas-Aggregate zur Beleuchtung. Kleine Restaurants in Bug und Heck ergänzten den schwimmenden Vergnügungspalast.
Im Krieg Verdacht erregt
Gebaut wurde das Schiff in einer Werft im baden-württembergischen Maxau. Im Juni 1870 wurde es vom Stapel gelassen und für den Aufbau des Decks einige Kilometer vor die Tore von Maximiliansau auf rheinland-pfälzischer Seite gezogen. Der Ausbruch des Deutsch-Französischen Kriegs am 19. Juli verkomplizierte die Fertigstellung des Kahns aber. Das Projekt galt als „höchst verdächtig“ aufgrund seiner Nähe zum Elsass.
Das Schiff wurde in den Hafen der Festung Germersheim geschleppt, dort aber offenbar nicht richtig festgezurrt. Denn ein Sturm beförderte das halb fertige Zirkusschiff am 28. Oktober auf eine Sandbank. Größeren Schaden nahm es jedoch nicht. Die kriegsbedingte Aufregung legte sich im Frühjahr 1871 und das Schiff wurde wieder nach Maxau geschleppt, um dort fertiggestellt zu werden.
In Speyer verlängert
Am 19. Mai 1871 feierte das Zirkusschiff Premiere. In Erwartung des Gastspiels in Speyer berichtete damals der „Speierer Anzeiger“ ausführlich darüber, dass „die großherzogliche Familie aus Karlsruhe zu Besuche gekommen“ war. Hohen Besuch gab es auch einige Wochen später beim Auftritt in Germersheim. Dorthin war am 9. Juni der Gouverneur der Festung gekommen und hatte 300 kriegsgefangenen Franzosen den Besuch einer Vorstellung erlaubt. Am 15. Juni legte dann das Zirkusschiff vor Speyer an. „Endlich ist es wahr geworden! Lents schwimmender Zirkus ist heute früh 5 Uhr unter Böllerschüssen hier angelandet“, hieß es damals im „Speierer Anzeiger“.
Die große Nachfrage in Speyer veranlasste den Zirkusdirektor schließlich, das für 18. Juni geplante Ablegen zu verzögern. Erst Ende des Monats zog ein Schlepper das Schiff Richtung Mannheim, Worms und Mainz. Rheinabwärts ließ das Besucherinteresse nach. Lent verkaufte seinen schwimmenden Zirkus. Auch dem neuen Besitzer, einem Illusionisten, gelang es nicht, mehr Besucher anzulocken. Er verkaufte das Schiff an Ludwig Strack, der das Zirkusboot schließlich abwracken ließ.