Speyer
Schüler aus der Ukraine: Schicksale abseits behüteter Kindheit
Kinder aus allen Jahrgangsstufen und noch mehr Nationalitäten haben sich an den Vierertischen in der Klasse im dritten Obergeschoss verteilt. Hier unterrichtet Petra Heißler Deutsch als Zweitsprache. „Zum Glück haben wir die Materialien noch, die wir 2015 für geflüchtete Schüler aus Syrien und Afghanistan angeschafft haben“, sagt sie. Damit sei der Einstieg an einer deutschen Schule einfacher, betont die Lehrerin. „Hier spricht man Deutsch, weil das die einzige Sprache ist, die alle einigermaßen verstehen“, so ein syrisches Mädchen. Für die Ukrainer gilt das Prinzip noch nicht ganz.
Lisa beispielsweise ist vor zwei Monaten aus Charkiw gekommen. Die Siedlungs-Realschule plus besucht sie seit zwei Wochen. „Mit Englisch und dem Google-Übersetzer geht die Verständigung schon ganz gut“, berichtet die Zehntklässlerin aus der Praxis. Ihr Deutschheft hat sie fertig ausgefüllt. Mose, Ester, Dascha und Jelsaveta bauen ein Brettspiel auf, Keti setzt sich dazu. Sie schreibt ihren Namen auf einen Zettel und malt ein Herz dazu. „Gute Schule“, sagt sie auf Deutsch.
Zurück in die Kindheit
„Sie sind viel erwachsener, als sie es sein sollten“, beschreibt Heißler die „Päckchen“, die die Schüler mitbringen, teilweise traumatisiert von Krieg und Gewalt in der Heimat, von Verlust, Sehnsucht nach Vater, Verwandten und Freunden, von Heimweh, Angst und Sorgen, die sie und die Mütter gleichermaßen belasteten. In der Schule entspannten sie sich, seien motiviert und wissbegierig, sagt Schulleiterin Barbara Ebrecht. „Gemeinsame Spiele holen sie zurück in die Kindheit.“ So groß wie die Herausforderung sei die Bereicherung für die Schulgemeinschaft.
Valeria Diener, Lehramtsstudentin mit ukrainischen Wurzeln, sei zuständig für die 16 Mädchen und sechs Jungen aus unterschiedlichen Regionen der Ukraine. Landesministerium und Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) hätten für die Finanzierung alle Hebel in Bewegung gesetzt, berichtet Ebrecht. „Nächste Woche bekommen wir 23 I-Pads“, kündigt sie digitale Landesunterstützung für die Ukrainer und die zuständige Lehrkraft an. Vier von ihnen sind demnach der fünften Klassenstufe zugeteilt, sechs der sechsten, drei der siebten, sieben der neunten und zwei der zehnten.
Ohne Eltern geflohen
Die Zwillinge Violetta und Veronika vervollständigen zusammen mit Viktor deutsche Sätze. Sie mussten mit ihrer Mutter aus Mariupol fliehen. „Heute lernt ihr ich, du, er, sie, es“, weiht sie eine syrische Mitschülerin in ein Geheimnis der deutschen Sprache ein. Drei Geschwister seien ohne Eltern, begleitet nur von der 18-jährigen Schwester, aus Kiew geflohen, erwähnt Ebrecht Schicksale abseits behüteter Kindheit. Sie und auch die meisten anderen seien privat in Speyer und Waldsee untergebracht, nur wenige in der städtischen Unterkunft im Birkenweg.
„Wir freuen uns alle, dass die Ukrainer unsere Schüler geworden sind“, betont Ebrecht. Weitere Kinder könne die Schule indes aktuell nicht verkraften. Räumliche Kapazitätsgrenzen seien mit 290 Schülern und rund 40 Lehrern erreicht. Ein ukrainisches Mädchen im Rollstuhl habe wegen fehlender Barrierefreiheit nicht von der Siedlungs-Realschule plus aufgenommen werden können. „Aber ein Aufzug soll kommen“, kündigt die Schulleiterin an. Derzeit suche die ADD nach einer Lehrkraft mit ukrainischen Wurzeln für ihre Schüler. „Jeder mit Lehrbefähigung kann sich bewerben.“
Erfolge in Trigonometrie
Zur besseren Eingliederung nähmen die ukrainischen Schüler in den Regelklassen am Sport-, Kunst-, Englisch- sowie Mathematikunterricht teil, berichtet Ebrecht. Sie zeigten schnelle Erfolge beispielsweise in Trigonometrie, einem Teilbereich der Mathematik, den sie selbst unterrichtet. Nächste Woche sind wegen Bauarbeiten im Außenbereich der Schule Bundesjugendspiele und zwei Wandertage angesetzt. Keti und die anderen freuen sich schon darauf – ebenso wie auf das Schulfest zum 50. Geburtstag der Siedlungs-Realschule plus am 8. Juli. „Da sind wir dabei“, betont Mose, vorsichtshalber auf Englisch. Ein deutsches „Danke“ fügt er noch hinzu.