Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel „Mainz bleibt Mainz“: Speyerer Gitarrist spielt in Musikkapelle mit

In über 40 Berufsjahren schon alles gespielt: Christoph Stadtler.
In über 40 Berufsjahren schon alles gespielt: Christoph Stadtler.

Wenn am Freitagabend die Fasnachtssendung „Mainz bleibt Mainz“ im ZDF ausgestrahlt wird, ist bestimmt auch mal Christoph Stadtler zu sehen. Der Speyerer Gitarrist hat bei der Aufzeichnung in der Musikkapelle mitgespielt. Selber gucken kann er nicht, weil er um die Zeit schon den nächsten Gig hat.

Es ist ein Job für versierte Profis. „Die Künstler kommen rein, verteilen ihre Noten, dann hab’ ich etwa drei Minuten Zeit, um drüber zu schauen, dann wird gespielt“, erklärt Stadtler, der im vergangenen Oktober seinen 60. Geburtstag feierte. Fehlerfreies Blattspielen ist unter Gitarristen eher selten, dass er es so gut kann, sei einer seiner größten Vorteile, sagt er. Zudem könne er auch nach Dirigat spielen, was für Theater- und Musicalproduktionen unabdingbar ist. Und er hat in seinen über 40 Berufsjahren schon alles gespielt: Klassik, Jazz, Schlager, Bierzelt – Stadtler ist sich für nichts zu schade.

„Ich musste schon früh Geld verdienen und zwei Kinder ernähren, ich konnte nicht darauf warten, mich als Künstler zu verwirklichen“, sagt er. Und so schlüpfte er jetzt in Mainz in ein Kostüm und setzte sich eine Narrenkappe auf. Auf zwei Tourneen durch die USA hat er bei einer Volksmusik-Combo mitgespielt, natürlich in Lederhosen. „In den USA hast du als deutscher Musiker nichts verloren, es sei denn, du kommst eben in Lederhosen“, sagt Stadtler, der so auch in Chicago in einem Brauhaus gespielt hat. Auch in Japan und China hat er Musik in Brauereien gemacht. Und in China hat er dabei noch ganz besonderes Glück gehabt und seine heutige Frau kennengelernt, die dort die Dolmetscherin für die Musiker war. Mit ihr lebt Stadtler heute in Speyer – wenn er nicht gerade irgendwo anders arbeitet.

Als 16-Jähriger auf Platte zu hören

Aufgewachsen in den 1970er-Jahren habe er, wie alle Jungs, nur die Wahl zwischen Rockstar oder Fußballstar gehabt – und hat sich für die Musik entschieden. Vom älteren Bruder kannte er die angesagte Rock-Platten, sein Vater, Edgar Stadtler, war Lehrer und Kirchenmusiker. In der schwierigen Pubertätszeit sei die Gitarre für ihn ein wichtiger Halt geworden. „Ich habe mich mit Gitarrespielen identifiziert und Selbstvertrauen gewonnen“, sagt er. Mit einer Schülerband spielte er im Speyerer Jugendhaus, wo Wolfgang Schuster ihn entdeckte. So wurde er Teil der legendären Blues & Bloedel, zu der noch Klaus Fresenius gehörte. Zusammen nahmen sie den „Altpörtel Blues“ auf. Und dass Stadtler schon als 16-Jähriger auf einer richtigen Schallplatte zu hören war, machte auf die Mitschüler großen Eindruck.

Nach dem Abitur 1981 am Schwerdt-Gymnasium lernte er in Heidelberg Musiker kennen, die amerikanische Clubs bespielten. 1982 ging Stadtler mit einer Band nach London und lernte dort Bill Kenwright kennen. Der ist der wichtigste britische Musical-Produzent, und so kam es, dass Stadtler im Londoner Westend im Orchestergraben landete und in Musical-Orchestern mitspielte. Und für viele deutsche Schlagerstars, wie Cindy & Bert, Andy Borg und weitere hat er als Studio- und Tourgitarrist gearbeitet. Seine Flexibilität half dem Musiker auch durch die 90er-Jahre. „Die Gitarre war auf einmal out, Synthesizer waren angesagt. Da hab ich dann meistens Keyboards gespielt“, erzählt Stadtler.

Namentlich nicht groß bekannt

Gelernt habe er sein Handwerk vor allem durch das ständige Spielen. Musik auf Lehramt und Musikwissenschaft habe er mal studiert, aber nicht abgeschlossen. Auf der staatlich anerkannten Schule von Werner Pöhlert hat er danach Jazz studiert und sein Diplom gemacht. „Aber eigentlich war ich schon immer im Beruf“, sagt er. 250 Muggen (Auftritte) im Jahr waren keine Seltenheit, bis heute seien es über 8000 geworden.

Stadtler ist kein Musiker, der einem großen Publikum namentlich bekannt ist – aber unter Produzenten und Künstlern steht er im Telefonverzeichnis ganz oben. Am Staatstheater Darmstadt läuft derzeit „Don Quichotte“ als musikalische Komödie von Jules Massenet. Der Gitarrist fiel kürzlich aus, Stadtler wurde angerufen, bekam vormittags die Noten, spielte abends seinen Part – so gut, dass der Kapellmeister sich ausdrücklich bei ihm bedankt.

Pandemie zur Entschleunigung genutzt

Wenn am Freitagabend „Mainz bleibt Mainz“ ausgestrahlt wird, ist Stadtler in Frankfurt und begleitet die New Yorker Sängerin Katalina Olea im Jazzklub Artbar. Das nächste Musical ist „Saturday Night Fever“ in Darmstadt, mit Alexander Klaws in der Hauptrolle.

Obwohl er niemandem dazu raten würde, Musik zum Beruf zu machen, ist er für sich selbst damit zufrieden – auch wenn es nicht einfach war. „Ich hatte immer Existenzängste und habe deshalb immer 120 Prozent gearbeitet“, sagt er. Die Familie sei deshalb oft etwas zu kurz gekommen. Heute ist Stadtler etwas entspannter. Er betreibt eine private Musikschule in Speyer, er habe früh Geld gut angelegt, was sich jetzt auszahle. Deshalb habe ihn die Corona-Krise und der Lockdown nicht so hart getroffen wie etwa junge Kollegen. „Ich habe es als Entschleunigung erlebt und meiner Frau sagt, das sei die schönste Zeit, weil ich endlich mal zu Hause war“, sagt er mit einem Lächeln.

Fernseh-Tipp

Die Aufzeichnung der Fernseh-Fasnachtssitzung „Mainz bleibt Mainz“ aus dem Kurfürstlichen Schloss ist Freitagabend ab 20.11 Uhr im ZDF zu sehen.

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