Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Amerikanische Spuren in Speyer: Autos, Baseball, Cupcakes

Baseball-Pionier: Frank Brzoska.
Baseball-Pionier: Frank Brzoska.

Dass auch Speyer morgen gebannt auf die Präsidentschaftswahlen in den USA blicken wird, hat mit dem spannenden Rennen zwischen Trump und Biden um das mächtigste Amt der Welt zu tun. Aber auch damit, dass die amerikanische Kultur tiefe Spuren rund um den Dom hinterlassen hat. Woher kommt deren Faszination?

US-Cars: Rühriger Freundeskreis

Willkommen sind Fahrzeuge aller US-Jahrgänge sowie Leute mit Interesse am ,American Way of Drive’.“ Die Einladung für die monatlichen Treffen der US-Car-Freunde Speyer auf dem Gelände des FC 09 sagt schon viel aus über die rührige Gruppe. Zwischen zehn und 20 Teilnehmer, natürlich mit dem entsprechenden fahrbaren Untersatz, sind regelmäßig dabei, berichtet Alfred Isselhard, Mitbegründer vor zwölf Jahren. Wie dem 80-Jährigen geht es vielen Aktiven: Er hat in den 1970ern im Nordamerika-Urlaub erste Erfahrungen mit US-Oldtimern gemacht und ist seither fasziniert von den „Straßenschlitten“.

Einen 67er Chevrolet Camaro und einen 77er Cadillac nennt Isselhard heute sein Eigen. Er kann viel erzählen über die Autos, die so anders sind als deutsche Innenstadt-Minis. Vom 78-jährigen „Superschrauber“ bis zum 21-Jährigen Jungspund reiche seine Gruppe. Natürlich kennt Isselhard über sein Hobby das Land, das diese Woche vor einer politischen Richtungsentscheidung steht. 2012 sei er dort stilecht die „Route 66“ gefahren: „Quer durch Amerika – der Wahnsinn. Die Landschaften sind so herrlich, da kommt nichts mit.“ Wer jetzt glaubt, ein solch großer Amerika-Freund aus Speyer könnte sich Donald Trumps „America-first“-Geschrei zu Eigen machen, der irrt gewaltig: „Etwas Schlimmeres als den dabbischen Trump hätten die gar nicht wählen können.“

Baseball: Regionaler Vorreiter

Auch vorige Woche hat sich Frank Brzoska wieder einen Teil der Nacht um die Ohren geschlagen, um im TV den Meisterschaftsgewinn der Los Angeles Dodgers in der nordamerikanischen Baseball-Liga MLB zu verfolgen. Die Übertragungen der für die USA so typischen Schlagsportart waren es auch, die einen Freundeskreis um Purrmann-Gymnasiasten Ende der 1980er Jahre den Sport nach Speyer holen ließen. „Wir haben nicht nur die Spiele angeschaut, wir wollten auch das amerikanische Drumherum erleben“, berichtet Brzoska. „Barbecue und so gehörte dazu.“

Sportlich wurde das Ganze schnell zur Erfolgsgeschichte, der 1. BSV Turtles Speyer zum ersten starken Baseball-Standort in der Pfalz, zum Zweiligisten und zur Heimat für um die 100 Sportler. Bis 2005 hätten auch in der Region stationierte US-Soldaten in den Teams gestanden, sagt Brzoska, der seit 20 Jahren den Vorsitz innehat und auch 47-jährig noch begeistert mitspielt. Gerade haben die „Schildkröten“ das Infield des von der Stadt gepachteten Sportplatzes am Judomaxx restauriert und um eine Anzeigetafel ergänzt. Der amerikanische Traum lebt weiter in Speyer-Südwest.

Cupcakes: Süße Spur

Wer die Maximilianstraße in Richtung Dom hinunterläuft, kann amerikanische Donuts kaufen, und er kann bei Diana Heller einkehren, der „Cupcake-Fee“ mit dem kleinen Café in der Grasgasse. Amerikanisches Backwerk hat in den vergangenen Jahren in Speyer stetig an Beliebtheit gewonnen. „Als ich 2014 eröffnet habe, war das Interesse gleich da“, sagt Heller, deren „Tassenkuchen“ mit Belag kleine Kunstwerke sind. Aus England über die USA nach Europa geschwappt ist der Cupcake-Trend, an dem Experten zufolge auch die US-Serie „Sex and the City“ ihren Anteil gehabt hat.

Zu Halloween hat Heller am Samstag nochmals alles gegeben, ihre Cupcakes mit Spinnen, Blutspritzern und Kulleraugen in Mumien-Manier dekoriert. Ihre Kunden lieben es. Für sie brechen ab heute im erneuten Lockdown wieder harte Zeiten an. Nach der ersten Schließung sei es wieder gut gelaufen, so Heller, die befürchtet, dass es jetzt mit neuerlichen vier Wochen nicht getan sein wird. Apropos Halloween: Die „Schreckensnacht“ wird auf amerikanische Art längst auch in Speyer gefeiert, unter anderem im Historischen Museum der Pfalz (!). Nur im Jahr 2020 muss die alljährliche Party natürlich pausieren …

Verwaltungsuniversität: Beliebte Anlaufstelle

Verwaltungs-, Rechts- und Politikwissenschaftler der Speyerer Universität blicken seit jeher genau auf die USA. Die älteste durchgehende Demokratie der Welt ist für sie ein wichtiges Forschungsobjekt. Mit „Public Administration“ gibt es an der Uni einen noch relativ neuen Masterstudiengang, der ganz bewusst der amerikanischen Tradition folgt. Ansonsten dominieren Kontakte mehrerer Lehrstühle zu Hochschulen in Los Angeles und Bloomington die transatlantischen Beziehungen der Speyerer Verwaltungswissenschaftler, so Sprecher Klauspeter Strohm. „On the Rhine“ heißt das Programm, zu den jedes Jahr 25 US-Masterstudenten für einen sechswöchigen Blockkurs nach Speyer kommen. „In diesem Jahr mussten wir es wegen Corona leider auf den letzten Drücker absagen“, so Strohm. „Sogar die Flüge waren schon gebucht gewesen.“

Auf die US-Wahl schauen die Speyerer Forscher stets auch aus professionellem Interesse. Wenn es zum Präsidentenwechsel komme, werde jeweils gut sichtbar, „dass Verwaltung in den USA etwas anders funktioniert als in Deutschland“, erklärt Strohm. Der Chef wechselt, aber die Ministerialbürokratie arbeitet hinter den Kulissen unaufgeregt weiter an denselben Projekten? Nie und nimmer: „Da werden Ministerien besenrein übergeben, es kommt zu umfassenden Personalwechseln.“

Für US-Car-Freunde unverkennbar: Heckpartie eines Ford Thunderbird.
Für US-Car-Freunde unverkennbar: Heckpartie eines Ford Thunderbird.
Vielseitig: Cupcakes.
Vielseitig: Cupcakes.
US-erfahren: Uni.
US-erfahren: Uni.
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