Blieskastel
Förster Ulrich Matheis hütet sorgsam Bäume, Ameisen und Käfer
Was Ulrich Matheis so alles über das Ökosystem Wald zu sagen hat, erzählt er auf Rundgängen – mal auf eigene Faust mit Bekannten, mal im Auftrag der Stadt Blieskastel mit Gästen. So will er das Verständnis für den Wald stärken und zugleich etwas zu dessen Schutz beitragen.
Selbst in einem Försterhaushalt aufgewachsen, hat Matheis von klein auf den Wert jedes Lebewesens im Wald erkannt: Manches Wildtier haben sie in der Familie aufgepäppelt, manches Flaschenkind großgezogen. Auch kleinste Wesen vom Mistkäfer über Spinnen bis hin zu Ameisen schätzt und schützt er. Mahnt beim Spaziergang über Wald- und Feldwege, den Blick auch auf den Boden zu richten, damit möglichst keine Käfer, Heupferde oder andere Tiere zertreten werden. Spricht’s und hilft einem auf dem Rücken gedrehten Sechsbeiner wieder in die richtige Position.
Vom Sozialleben der Bäume
Wertschätzung bringt er allen Facetten des Lebenskreislaufes entgegen: Alles im Wald hat seine Funktion und Berechtigung. Das Lebende und das Zerfallende, von Flechten über Moose und Farne bis hin zu abgestorbenen Bäumen, die nicht nur Lebensräume für Waldbewohner bieten, sondern auch noch im darniederliegenden und dahinrottenden Zustand wertvolle Wasserspeicher und natürliche Kühlakkus fürs Kleinklima darstellen.
Wie Ulrich Matheis beobachtet hat, führen Bäume ein Sozialleben. Weniger lichtabhängige neigen sich zur Seite, um solchen mehr Sonne zukommen zu lassen, die es nötiger haben. So wachsen sie über Jahrzehnte nebeneinander und schützen sich gegenseitig. In der Nähe der Bliestalklinik bei Lautzkirchen hat er eine uralte Douglasie entdeckt, die seit vielen Jahren eine andere ernährt. Letztere ist ganz unauffällig mit ihr verbunden; an sie hatte einst ein Baumfäller die Säge angesetzt. Am Fuße des Baumriesen findet sich unter dichtem Moos der etwa 40 Zentimeter breite Stumpf des abgesägten Schützlings. Beim Blick unter das Moos fand Matheis heraus, dass der Baumstumpf nicht vermorscht ist, sondern auf der Schnittstelle eine Borke gebildet hat. So lebt er weiter – uneigennützig ernährt vom intakten Partnerbaum.
Geheimnisvolles Netzwerk aus Pilzen
Aber das soziale Leben der Bäume ist noch viel weitreichender und geheimnisvoller: Über weite Entfernungen hinweg können sie miteinander kommunizieren. Ein unterirdisches Netzwerk aus Pilzen ermöglicht das. Als Mensch, der auf seine Kommunikationsnetze so stolz ist, kann man da schon ins Grübeln kommen.
Obwohl Ulrich Matheis als Förster sehr genau weiß, wie man einen Wald ökonomisch, aber auch ökologisch sinnvoll bewirtschaftet, ist ihm in all den Jahren klargeworden, dass die Natur ohne das Eingreifen des Menschen sich sehr gesund selbst entwickelt. Klar, man kann Bäume pflanzen, Gelände aufforsten. Aber viel stabiler, ökologisch wertvoller entwickle sich ein Baumbestand von alleine. Deshalb investiert der Pensionär in Waldgrundstücke. Auf diesen gibt er der Natur Flächen zurück, auf denen sie (fast) ganz alleine schalten und walten darf. Matheis greift nur minimal ein, indem er etwa schmale Pfade frei schneidet, um die Geländestücke begeh- und erlebbar zu machen.
Der Natur lässt Matheis ihre Ruhe
Freude bereitet ihm ein großes Grundstück, das sich in Blieskastel an einem Hang oberhalb des Wertstoffhofs steil emporstreckt. Die Vorbesitzer hatten es kahlgeschlagen. Doch seit Ulrich Matheis das Areal in Ruhe lässt, keimen dort Laub- und Nadelhölzer. Um Menschen darauf aufmerksam zu machen, wie kraftvoll die Natur ist, wenn man sie lässt, hat er ein Holzschild anfertigen lassen. „Hier entsteht ein natürlicher Wald“ erklärt die kleine Tafel Spaziergängern, die oberhalb des Grundstücks Richtung Biesingen und Ballweiler unterwegs sind. Eine zweite Fläche nahe Homburg widmet Ulrich Matheis ebenfalls diesem Zweck.
Der Wald wird ihm also auch weiterhin Universität sein. In Blieskastel, aber auch in der ganzen Region bei seinen täglichen Wanderungen durch Wälder und Felder, zu seinen Lieblingsbaumgruppen, zu Eichen, die den Dreißigjährigen Krieg erlebt haben, zu keltischen Grabhügeln, auf denen vermooste Buchen mystisch fußen, über Wege, in deren Gestein er oft Fossilien findet. Dort macht er sich selbst und seinen Mitwanderern gewärtig, wie relativ die Zeit eines einzelnen Menschen ist.