Erstmals wird eine Fußball-Weltmeisterschaft nicht im Sommer gespielt. Kurz vor dem Start der umstrittenen WM hat sich die RHEINPFALZ bei Spielern und Trainern aus der Südwestpfalz umgehört.
Robert Jung, der mittlerweile 77 Jahre alte Trainerfuchs aus Pirmasens, hat schon mal ein Spiel gegen eine Mannschaft des heutigen Bundestrainers Hansi Flick gecoacht. Im Oktober 2005 gastierte Flick als Trainer der damals in die Zweite Bundesliga strebenden TSG Hoffenheim zu einem Testspiel auf der Husterhöhe und gewann mit 3:1 bei Jungs FK Pirmasens. Anschließend fuhren beide Mannschaften zum Oktoberfest auf den Beckenhof. „Wir haben am Büffet miteinander gesprochen und Flick sagte, dass der FKP taktisch sehr gut eingestellt gewesen sei“, erinnert sich der pensionierte Gymnasiallehrer noch genau. Beim Blick auf die aktuelle Lage sieht Jung Defizite in der Vorbereitung der Deutschen auf das wichtigste Fußballturnier. „Die Spieler hatten unmittelbar vor dem Flug in den Oman eine englische Woche, kamen um zwei Uhr nachts an, trainierten einmal und spielten dann gegen Oman. Da kann nicht viel Besseres herausspringen“, nimmt der ehemalige Zweitliga-Coach des FSV Mainz 05 die Profis in Schutz. Mit Füllkrug und Moukoko seien zudem zwei Debütanten zum Einsatz gekommen. Es komme bei dem Turnier viel auf den Bayern-Block an. „Von den sieben werden wohl sechs gleich spielen“, mutmaßt Jung. Achillesferse der Deutschen sei die Defensive, die bereits gegen Oman Schwächen gezeigt habe. Jung: „Gegen das konterstarke Japan kann das ins Auge gehen.“
Sein allererstes Gegentor in einem Herren-Pflichtspiel kassierte der heutige Nationalkeeper, Europa-League-Sieger und WM-Teilnehmer Kevin Trapp am 22. April 2008 in Kaiserslautern beim Oberligaspiel des FCK II gegen den FK Pirmasens. Es war FKP-Mittelfeldspieler Attila Baum, der in der 78. Minute den Ball an Trapp vorbei zum 1:1 ins Netz donnerte. Baum ist mittlerweile 36 Jahre alt und trägt sich aufgrund anhaltender Knieprobleme mit dem Gedanken, seine Spielerkarriere beim SC Weselberg zu beenden. So sehr er mit dem Fußball fast zeitlebens verbunden ist, so wenig will sich bei ihm WM-Stimmung einstellen. „Zum ersten Mal verspüre ich keine Vorfreude auf die WM. Ich weiß nicht einmal, gegen wen wir noch spielen außer Japan“, erzählt der Unternehmer. Er sei „übersättigt“ durch das Überangebot an Fußball. Ihn stört weiter, dass das „Thema Katar“ so in den Vordergrund gestellt werde und dadurch der Fußball an Wert verliere. Eines ist für ihn sicher: „Ich gucke mir längst nicht alles an, auch wenn ich die Deutschen wohl sehen werde.“ Sportlich gesehen habe er „keine hohen Erwartungen“, auch wenn „was entstehen“ könne. Dem DFB-Team fehle „ein Klasse-Mittelstürmer vom Kaliber eines Miroslav Klose oder Rudi Völler“. Den Kader habe Flick gut zusammengestellt. Allerdings vermisse er „so ein Typ wie Mats Hummels in der Innenverteidigung“. Der Weltmeister von 2014 sei „für Flick vielleicht ein zu großer Unruheherd“ gewesen. Baum: „Ich hätte mir zudem Gosens im Kader gewünscht.“
„Ich bin ein Freund von Trainer Hansi Flick und fand dessen Fußball bei Bayern München toll. Er wird die Jungs richtig einstellen und das Optimale aus ihnen herausholen“, sagt Trainer Florian Opitz, der im Sommer von der SG Eppenbrunn zum Landesligisten TSC Zweibrücken gewechselt ist. Angesichts der Kaderqualität sollten die Deutschen „unter die ersten acht kommen“, findet der 35-jährige Ex-FKP-Spieler und fügt hinzu: „Ich traue ihnen sogar den Titel zu.“ Natürlich hätte er sich „eine WM im Sommer gewünscht – die wäre doch viel attraktiver“. So wenig wie dieses Mal habe er sich noch nie mit einer WM befasst. „Dieses Mal lässt mich das alles viel kälter. Wie das alles mit der Vergabe bis jetzt in Katar lief, trug auch nicht dazu bei, mein Interesse an der WM zu wecken.“
„Ich habe noch nie so wenig Vorfreude auf eine WM verspürt wie dieses Mal“, stellt Björn Rieger, der Spielertrainer des SV Bottenbach, nüchtern fest. Die Kombination aus der Jahreszeit – „ich kann mir ein Public-Viewing mit Glühwein auf einem Weihnachtsmarkt gerade mal nicht vorstellen“ –, den Vergabemodalitäten und den Menschenrechtsverletzungen in Katar würden einen dunklen Schatten auf diese WM werfen. Er werde die Spiele keinesfalls komplett verfolgen. Er hoffe auf „mehr Tempo im Spiel und weniger Ballbesitzfußball wie noch unter Jogi Löw“. Die deutsche Elf sollte „die Gruppenphase zwar überstehen, aber nur als Gruppenzweiter“. Rieger: „Deutschland gehört für mich nicht zum engsten Favoritenkreis.“ Auch er hätte Hummels gerne im Kader gesehen. Der Dortmunder Profi sei stärker und erfahrener als etwa Schlotterbeck. Dennoch findet er die Kaderzusammenstellung „im Großen und Ganzen gut“.
„Das ist eine WM, in der wir keine klare Favoritenrolle einnehmen. Deshalb sind die Erwartungen nicht so hoch“, nimmt Maximilian Kochmann (27), Ex-Landesligaspieler in Eppenbrunn und Hauenstein, jetzt Spielertrainer des SV Großsteinhausen, Stellung zum Fußballgipfel. Kochmann: „Ich freue mich auf die WM und traue uns alles zu.“ Den jungen Coach, der in der Rückrunde nach überstandenem Kreuzbandriss wieder am Ball sein will, freut, dass Mario Götze den Sprung ins Team geschafft hat. Er kritisiert Flick, weil er Klostermann ins Aufgebot berufen hat: „Ihm fehlen Tempo und der Drang nach vorne.“ Dass die WM im November und Dezember ausgetragen wird, findet der SVG-Coach „kritisch“, zumal die Spieler keinen Tag Pause nach der Hinserie in der Bundesliga hatten. Die Vergabe an Katar sei falsch gewesen. „Da fehlt die komplette Fan- und Infrastruktur. Katar hat doch keinen Bezug zum Fußball. Da geht es in erster Linie ums Geld und nicht um unseren Sport.“