Pirmasens
Pfälzischer Verein für Soziale Rechtspflege: Das steckt hinter der Einrichtung
Begonnen hat alles mit der Gründung des „Pfälzischen Vereins für Straffälligenhilfe“ am 7. Juli 1956 in Neustadt. „Mit großer Sorge blickt die Öffentlichkeit auf die starke Kriminalität, insbesondere unserer Jugend,“ lautet der erste Satz des Gründungsaufrufs. Der damalige Oberlehrer der JVA Zweibrücken, Karl Schüler, war der Initiator. Wie breit die Unterstützung für seine Idee war, zeigt sich an den Unterzeichnern des Aufrufs – vom Regierungspräsidenten und dem Bischof von Speyer über Unternehmensvertreter von BASF und Pfaff, bis zum DGB, der Handelskammer und Bauern- und Winzerverbänden.
Zweck des Vereins war die Betreuung von Inhaftierten und Haftentlassenen in Zusammenarbeit mit den Gefängnissen und Bewährungshelfern. Bald entstanden solche Vereine in allen Landgerichtsbezirken. Deshalb ist der Sitz des Vereins offiziell in Zweibrücken, obwohl die meiste Arbeit sich auf Pirmasens konzentriert, wo der größte Bedarf für die Angebote besteht.
Kirchbergwerkstatt gibt es seit 40 Jahren
Im Zuge dieser Entwicklung wurde 1983 in Pirmasens die Kirchbergwerkstatt für Inhaftierte und Strafentlassene gegründet. Der Name wurde auch nach dem Umzug 2003 vom gleichnamigen Stadtviertel in die Neue Häfnersgasse beibehalten. Die Kirchbergwerkstatt ist mit rund 250 Beschäftigten pro Jahr die größte Einrichtung des Vereins. Dazu gehören acht eigene Projekte, von Second-Hand-Baumarkt und -Kleidung („Mottenkugel“) bis zum „Trödelmax“ für Umzüge und Entrümpelungen.
Mit der Zeit entstanden über den ursprünglichen Zweck des Vereins hinaus zahlreiche andere Initiativen im sozialen Bereich, die die Arbeit der Behörden ergänzen und unterstützen. „Wir bieten Beratungs- und Beschäftigungsangebote für die unterschiedlichsten Lebenssituationen“, sagt Stefan Hellmann. Der Sozialarbeiter und Betriebswirt ist seit 25 Jahren im Verein, seit 2009 als Geschäftsführer. Eine besondere Stärke sei die enge und unkomplizierte Zusammenarbeit mit den kommunalen Ämtern und Behörden, erklärt Hellmann: „Wir können hier vor Ort schnell und unbürokratisch gemeinsam Lösungen finden; durch dieses Netzwerk sind wir flexibel und lösungsorientiert“, sagt er. „Außerdem legen wir Wert auf die individuelle Ansprache, um konkret helfen zu können.“
Zum großen Teil finanziert aus Geldbußen
23 Sozialarbeiter, Arbeitsanleiter, Arbeitspädagogen und drei Verwaltungskräfte sind bei der Organisation in Pirmasens beschäftigt. Die meisten von ihnen haben eine qualitativ zertifizierte Zusatzqualifikation, beispielsweise Mediation. Finanziert wird der Verein zum einen von staatlichen Stellen, wobei die meisten Angebote nicht pflichtfinanziert sind. Es besteht also kein Anspruch auf diese Leistungen und die Zuschüsse hängen von den Budgets der jeweiligen Behörden ab. Die zweite Finanzierungsquelle sind Geldbußen, die von Gerichten verhängt werden. Die Straffälligenhilfe etwa wird fast ausschließlich aus diesen Mitteln finanziert.
Wie der Verein konkret arbeitet, kommt auf den jeweiligen Bereich an. Bei der Opferhilfe ist häusliche Gewalt ein wichtiges Thema. In Pirmasens werden jährlich rund 200 solcher Fälle bearbeitet. Von Gewalt oder Stalking Betroffene finden hier Beratung und Unterstützung. Begleitet werden in diesem Bereich auch Opfer schwerer Gewalt- und Sexualstraftaten vor Gericht, um ihnen die Zeugenaussage zu erleichtern. Der Fachbegriff dafür ist Psychosoziale Prozessbegleitung. Auch mit Tätern wird gearbeitet – mit einem bemerkenswerten Ergebnis: Nach einer Untersuchung der Universität Landau ging in einem vergleichbaren Projekt im Landgerichtsbezirk Landau bei Tätern, die den Prozess durchlaufen haben, die Gewaltbereitschaft innerhalb eines Jahres nach der Tat signifikant zurück.
Arbeit am Wedebrunnen trägt Früchte
Die Ansprache von Randgruppen gehört ebenfalls zu den Leistungen. Ein konkretes Beispiel ist der Pirmasenser Wedebrunnen: „Durch unsere Erfahrung und die direkte Ansprache haben wir es in Zusammenarbeit mit der Stadt geschafft, die Situation dort zu beruhigen“, freut sich Stefan Hellmann. „Der Schlüssel dafür: Menschen nehmen, wie sie sind und gemeinsam mit ihnen einen Weg entwickeln.“
Auch um die Unterstützung von Flüchtlingen kümmert sich der Verein. Nach dem Zeitraum zwischen 2014 bis 2017 gibt es seit 1. Mai 2023 wieder eine Anlaufstelle für Asylbewerber. Die Leistungen umfassen Informationsvermittlung, Werte, Normen und Sprachunterricht. Auch hier gilt: lösungsorientiert und individuell ausgerichtet. Von den bisher 50 Teilnehmern der Kurse sind zwölf in geregelter Arbeit.
Sozialarbeiter stoßen an ihre Grenzen
„Wir sehen heute bei unseren Kunden mehr psychische Auffälligkeiten mit mehr als einem Problem,“ beantwortet Stefan Hellmann die Frage, was sich über die Jahre verändert hat. Sozialarbeiter stießen dann an ihre Grenzen und müssten eigentlich Psychotherapeuten einschalten. Da gebe es aber zu wenig Kapazitäten. Außerdem verdichte sich die Arbeit immer mehr und die Mitarbeiter müssten eine steigende Komplexität bewältigen.
Wie lassen sich all diese vielfältigen Aktivitäten zusammenfassen? „Die Projekte und Maßnahmen sind sehr unterschiedlich,“ so Stefan Hellmann. „ Das übergeordnete Ziel ist dabei immer die Gewalt- und Kriminalitätsprävention.“
Auf einen Blick
- Straffälligen- und Arbeitslosenhilfe: Kirchbergwerkstatt mit etwa 250 Beschäftigten; Betreuung von Verurteilten mit günstiger Sozialprognose während der Bewährung; Betreuung von Verurteilten bei vom Gericht angeordneter gemeinnütziger Arbeit oder Sozialstunden.
- Jugendhilfe: Anti-Gewalt-Kurse und soziale Trainings für straffällig gewordene Jugendliche.
- Unterstützung von Asylbewerbern: Informationsvermittlung, Sprachkurse.
- Opferhilfe: Beratung und Betreuung von Opfern häuslicher Gewalt oder Stalking; Treff für von Gewalt betroffene Frauen; Täter-Opfer-Ausgleich; Psychosoziale Prozessbegleitung.
- Betreutes Wohnen für Haftentlassene: Seit 1. Januar 2024 neu im Portfolio.
- Demokratieförderung: Arbeit mit Randgruppen, um soziale Kompetenz und Zusammenleben zu fördern.
Im Pfälzischen Verband für Soziale Rechtspflege e.V. gibt es Schwestervereine mit ähnlichen Aufgabenfeldern in Frankenthal, Kaiserslautern, Kirchheimbolanden, Landau und Ludwigshafen. Interessenten können sich persönlich über die Arbeit des Vereins zu informieren, Kontakt: Stefan Hellmann, Telefon 06331 44616.