Pirmasens
Heimatgeschichte: Neues Buch über das Maschinengewehrbataillon 10
Zwei Heidelberger haben sich der Geschichte des Maschinengewehrbataillons 10 (MGB10) angenommen und mit dem Buch „Gesichter des Krieges“ viele Feldpostbriefe und Fotos ausgewertet. Der Rechtsanwalt Stefan Sauer und der Fotograf Wolfgang Steche sammelten über Jahre hinweg die Briefe. Für eine Fotosammlung reiste Sauer sogar noch Tokio, wo ein Japaner einen großen Bestand an Wehrmachtsfotos besitzt.
1200 Fotos, ebenso viele Briefe und mehrere Notizbücher der Soldaten haben Sauer und Steche zusammengetragen und damit ein Bild der Einheit gezeichnet, das über die normale Geschichtsschreibung hinausgeht. Die direkten Schilderungen der Soldaten, von denen beispielsweise einer regelmäßig an seine Braut in Waldfischbach schrieb, erzählen eine andere Seite des Krieges, wenngleich die Grausamkeit und Brutalität in den Briefen eindeutig weggelassen wurde. „Viele wollten die Leute daheim nur beruhigen“, fasst es Sauer zusammen. „Mir geht es gut.“ „Wir sind angekommen.“ Solche Sätze seien oft zu lesen gewesen. Dazwischen finden sich aber auch andere Schilderungen.
Die Geschichte des MGB10 beginnt im Oktober 1937. Die Pirmasenser sollen damals ganz begeistert über den Einzug der Soldaten gewesen sein. Im Ersten Weltkrieg waren bereits 2000 Soldaten in der Stadt stationiert. Jetzt kamen wieder 1005 Soldaten des MGB10 plus das Grenz-Infanterieregiment 128. Für letztere wurden die noch stehenden Kasernen auf der Husterhöhe gebaut.
Die Soldaten des MGB10 wurden über die ganze Stadt verteilt. Der Bataillonsstab war in der früheren Schuhfachschule in der Kaiserstraße 12. Die Soldaten in der Wittelsbachschule, einer Fabrik in der Lemberger Straße und einem Barackenlager entlang der Winzler Straße, wie Recherchen von Sauer ergaben.
Eroberung von Liederschiedt
Der erste große Einsatz war die Eroberung von Liederschiedt am 11. November 1939. Dann ging es über Luxemburg und Belgien quer durch Frankreich. Die Pirmasenser Truppe, die meist aus Pfälzern zusammengesetzt wurde, war hauptsächlich mit der Eroberung und Sicherung von Flussübergängen beschäftigt. Ende Juni war die Kampfphase vorbei. Längeres Quartier wurde bei Nantes und Mayenne bezogen. Hier entstanden dann Aufnahmen, die das Soldatenleben als Sommerfrische erscheinen ließen. Weiß gekleidete Soldaten unter einem Sonnenschirm, die in die Kamera lachen.
„Da, wo ich mich jetzt befinde, ist es wunderbar. Es ist ein altes Schloss, alles ruhig und still. Die Gärten stehen in voller Blütenpracht und alles tief im Walde versteckt“, schrieb ein Landauer an seine Braut in Waldfischbach von einer der Stationen auf dem Frankreichfeldzug.
Das wohl angenehme Leben als Besatzer endete 1941. Im Februar wurde das Bataillon für einen Monat nach Paris verlegt. Fotos zeigen eine Kolonne deutscher Soldaten unter dem Triumphbogen. Dann geht es nach Osten. Der Überfall auf die Sowjetunion wird vorbereitet. Im April 1941 hoffte der Landauer noch auf eine Verlegung in die Nähe seiner Liebsten in Waldfischbach, wie er schrieb. Es ging aber nach Ostpreußen und dann über Riga bis vor Leningrad. Hier war die Pirmasenser Truppe an der grausamen Belagerung der Stadt beteiligt.
Russische Fastnacht
„Das einzige was ich fürchte, ist der Winter. Hier hat es schon zwei Tage Schnee und dazu ist es eisig kalt. Stellt Euch mal das vor. Die Zivilisten, die Kühe und Pferde haben, können das Vieh jetzt dann bald abschlachten. Kein Heu, kein Stroh und überhaupt nichts haben die Leute, denn in ihrer Erntezeit mussten sie ja fort“, schrieb ein anderer Soldat im Oktober 1941 an seine Eltern. Fotos einer Weihnachtsfeier an der Front folgen und ein Fahrer, der im Hinterland eingesetzt war, hatte im Februar 1942 Gelegenheit, der russischen Fastnacht beizuwohnen. „Heut war russische Fastnacht. Die Bevölkerung in dieser Gegend lebt ja noch einigermaßen friedensmäßig. Ein Maskentreiben wie es bei uns üblich ist, gibt es nun hier nicht, dafür eine Art Heiratsmarkt“, wie er an seine Familie schrieb.
Von den Erfrierungen und dem lächerlichen Schutz mit Papiersäcken gegen minus 42 Grad Celsius schrieben die Soldaten nichts. Stattdessen wurden Fotos nach Hause geschickt, die junge Männer zeigen, die mit Dreitagebart im Schnee stehen, das Eiserne Kreuz an der Brust.
1943 wurde die Truppe zum Granatwerferbataillon G10 umgegliedert mit Sitz in Horb am Neckar. Die Soldaten hatten gehofft, zuhause umgegliedert zu werden. Dafür war aber keine Zeit mehr. Der Rückzug führte sie in das Kurland und von dort für die meisten in sowjetische Gefangenschaft. Ein Heltersberger kam nach Auschwitz in ein dortiges Kriegsgefangenenlager der Sowjets.
Lesezeichen
„Gesichter des Krieges, auf den Schlachtfeldern Europas 1939 – 1945“ von Stefan Sauer und Wolfgang Steche, 165 Seiten, 132 Fotos, ISBN 978-3-89801-380-2, 29,80 Euro.