Geschichten aus der GEschichte
Wie die Bahn nach Neustadt kam
Wenn im Juni dieses Jahres die Pfälzische Ludwigsbahn von der damaligen Rheinschanze, dem heutigen Ludwigshafen, nach Neustadt und der Streckenabschnitt von Schifferstadt nach Speyer ihren 175. Geburtstag feiern, hat nicht nur Rheinland-Pfalz, sondern auch Neustadt Grund, einen Blick in seine Geschichte zu werfen. Hat doch die neue Ost-West-Verbindung die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt und der Pfalz entscheidend vorangebracht.
Der heute von der Deutschen Gesellschaft für Eisenbahngeschichte (DGEG) als Pfalzbahnmuseum genutzte Lokschuppen ist seit seiner Inbetriebnahme 1847 fast durchgängig in Betrieb. Eine europäische Rarität, auf die der Leiter der Neustadter DGEG-Ortsgruppe, Ralf Rudolph, immer wieder gerne hinweist. Der Hauptbahnhof kann je nach Blickwinkel und Betrachtung als der zweite oder dritte Bahnhof der Stadt an der Haardt bezeichnet werden.
Oberster Forstbeamter unter Napoleon
Geplant und gebaut wurde das alles von einem Mann, dessen Vater Pierre hier in Neustadt seine letzten Lebensjahre verbrachte: Ehemals Generalvikar von Châlons-sur-Marne, war Pierre Denis in den Zeiten der französischen Revolution zunächst Landwirt in Montier-en-Der geworden. Er heiratete eine adlige Grundbesitzerin. Mit ihr ging Pierre Denis ins linksrheinische Gebiet, er trat in den Dienst der napoleonischen Verwaltung, als oberster Forstbeamter. In Mainz war er Mitglied des Stadtrats. Nachdem die Pfalz an Bayern überging, wechselte Denis in bayerische Dienste. Er wurde Kreisforstmeister in Neustadt.
Die Familie wohnte in der Landschreibereistraße in Neustadt. Sohn Paul Camille besuchte in Paris das Lycée Louis-le-Grand und legte an der École Polytechnique sein Ingenieurexamen ab, bevor auch er in den Dienst der bayerischen Verwaltung trat. Vater Pierre, langjähriges Mitglied der Neustadter Lesegesellschaft, starb bereits 1816 und wurde – ebenso wie sein Sohn Albert, der Forstschüler in der bayerischen Verwaltung geworden war – auf dem damaligen Neustadter Friedhof in der Hetzelstraße beerdigt. Das geht aus einer Eingabe des Kreisbauingenieurs Paul Camille Denis aus dem Jahr 1826 hervor. Beantragt worden war, laut Neustadter Stadtarchiv, die Aufstellung eines Grabdenkmals.
Auftrag: Trassenführung überprüfen
Paul Camille Denis lebte damals – wohl auch mit seiner Mutter und weiteren Geschwistern – in Kaiserslautern. Über seinen Dienstort in Zweibrücken war er in engem Kontakt mit den dortigen Liberalen. Er entwickelte sich zu einer der tragenden Figuren für das Hambacher Fest, insbesondere durch die finanzielle Unterstützung, die er dem Deutschen Preß- und Vaterlandsverein gewährte. Der Verein war 1832 als Zusammenschluss deutscher Publizisten, Intellektueller und Politiker gegründet worden.
Der 190. Geburtstag des Hambacher Festes im Mai dieses Jahres wird Anlass für die Bezirksgruppe des Historischen Vereins, sich der politischen Seite des späteren Bahningenieurs zu widmen, der 1843/44 den Auftrag erhielt, die geplante Trassenführung für die neue Bahn in der Pfalz zu überprüfen.
Eine Frage der Richtung
Neustadt hatte bereits 1838 die feste Zusage erhalten, Station an dieser neuen Linie zu sein. In München ließ die Stadt daher eine Dankadresse an den König übergeben. Östlich von Neustadt war die Trassenführung jedoch zunächst unklar: Speyer oder die Rheinschanze konnten das Ziel sein. Im Fall eines Ziels Rheinschanze sollten – so stand es in der Speyerer Zeitung im März 1838 – Mußbach, Meckenheim und Hochdorf links liegen, da die Bahn direkt nach Mundenheim führen sollte.
Bei einer Trassierung nach Speyer sollten Speyerdorf links sowie Geinsheim, Hanhofen und Dudenhofen rechts liegen. Endgültig geklärt wurde die Richtungsfrage erst im Jahr 1843, obwohl auch der König zu einer direkten Linienführung tendiert hatte. Die Überprüfung des Gutachtens durch Denis lag 1844 vor; bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich im Leben in der Pfalz und in Neustadt bereits vieles verändert.