Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Warum die Pfalz beim Tourismus ein „schlafender Riese“ ist

Auch ein touristisches Markenzeichen: die Wahl der Pfälzische Weinkönigin im Saalbau. Im Bild die amtierende Hoheit Lea Baßler (
Auch ein touristisches Markenzeichen: die Wahl der Pfälzische Weinkönigin im Saalbau. Im Bild die amtierende Hoheit Lea Baßler (Mitte) mit ihren Prinzessinnen Sandra Eder (links) und Lea Lechner.

Katastrophale Umsatzrückschläge in Corona – manche Wunden werden da nie ganz heilen, sagt Martin Franck, Geschäftsführer der Neustadter Tourist-Gesellschaft, im Gespräch mit Reinhard Breidenbach. Aber für 2023 hat er auch eine sehr gute Nachricht.

Herr Franck, im Jahresbericht der TKS steht ein bitterer Satz: „Die Coronakrise hat alle massiv betroffen. In Neustadt verzeichneten die Beherbergungsbetriebe 2020 einen Einbruch von 50 Prozent bei den Gästeankünften und 40 Prozent bei den Übernachtungen.“ Wen hat es am schlimmsten erwischt?
Eigentlich alle. Gastrobetriebe, Hotellerie und Veranstaltungsunternehmen haben unglaublich gelitten. Manche touristischen Anbieter schrammten ganz knapp an einer Insolvenz vorbei. Vor allem bei den Caterern gab es aber auch Unternehmer, die einfach sagten: Es reicht, wir werfen hin.

Martin Franck
Martin Franck

Manche Wunden sind mittlerweile hoffentlich verheilt oder vernarbt?
Ja, aber manche Wunden bleiben. In der Gastronomie ist sehr viel qualifiziertes Personal abgewandert, die kommen nie mehr zurück. Es gibt Orte ohne jedes Gastronomie-Angebot, vor allem in ländlicheren Randregionen der Pfalz. Wir müssen die Attraktivität von Gastronomie-Jobs dringend steigern, das ist eine der ganz wichtigen Herausforderungen der Zukunft. Es gab in der Coronazeit in diesem Bereich aber auch sehr kreative, findige Unternehmer, die mit neuen Ideen über die Runden kamen, vor allem im To-go-Bereich. Ein dickes Lob für diejenigen, die gekämpft und durchgehalten haben.

Umsätze halbiert, jetzt haben wir 2023. Ist die Branche aus dem Tal der Tränen heraus?
Wir sind noch nicht auf dem Vor-Corona-Niveau. Aber es gibt sehr gute Neuigkeiten: Bei Gästeankünften und Übernachtungen lagen wir in Neustadt im Januar und Februar 2023 mit 86 beziehungsweise 88 Prozent im Plus im Vergleich zu 2022.

Selbst für 2021, als im Inland zeitweise wieder gereist werden durfte, gibt es durchaus eindrucksvolle Zahlen: 30 Millionen Euro Wertschöpfung durch Übernachtungs- und Tagesgäste und deren Konsum „drumherum“ in Neustadt. Wer meint, das sei viel, dem gibt eine Studie der Industrie- und Handelskammer für die Pfalz und der Pfalz Touristik eine Ohrfeige: Der Tourismus in der Pfalz schöpfe sein Potenzial bei weitem noch nicht aus. Wer macht da seine Hausaufgaben nicht?
Die Pfalz ist im Tourismus ein schlafender Riese. In den vergangenen zwei Jahren entstanden Analysen, das Problem ist zumindest erkannt. Die Dachmarke Pfalz ist zwar bekannt, aber da ist noch deutlich Luft nach oben, sie muss vor allem in Richtung Ausland noch massiv gestärkt werden, durch Qualität, aber auch mit massivem Marketing. Das kostet Geld, Ausstattung, Personal. In der Pfalz sind wir gerade dabei, ein Höchstmaß an Einigkeit zur Stärkung der Dachmarke Pfalz zu erreichen, sowohl in der Politik als auch unter den Touristikern.

Das klingt staatstragend. Aber man muss vermuten, dass auf dem Weg zur Einigkeit Streitigkeit auch eine Rolle spielte?
Alle haben erkannt, dass in der Einigkeit eine Riesenchance für die gesamte Region liegt.

Nehmen wir Beispiele. Der Reisemobilmarkt boomte während Corona und boomt weiter. Neustadt sei bei Stellplätzen aber „in die Jahre gekommen“, steht im TKS-Bericht.
Wir müsse da aufrüsten. Der Stellplatz Martin-Luther-Straße ist über 20 Jahre alt. Wir sind dabei, mithilfe spezialisierter Unternehmen vor allem in puncto Digitalisierung und Ausstattung auf ein neues Level zu kommen.

Auch das Wandern ging während Corona steil nach oben, gerade bei jüngeren Leuten. Werden den Wanderern rund um Neustadt Wege geebnet oder Knüppel zwischen die Beine geworfen?
Ich gebe zu: Wir haben da lange gebraucht, aber jetzt liegt für die Wege ein Plan auf dem Tisch, ein Besucherlenkungskonzept.

Natur, Schorle und Dubbeglas: Schoppengläser des Pfälzerwald-Vereins Hambach.
Natur, Schorle und Dubbeglas: Schoppengläser des Pfälzerwald-Vereins Hambach.

Gruseliger Name.
Mag sein, auch inhaltlich sind da ein paar Brocken zu bewältigen. 40 bis 50 Prozent der bisherigen Wanderwege sollen aus Sicht des Tourismusmanagements in Zukunft nicht mehr gepflegt und beworben werden. Es geht nicht um einen willkürlichen Kahlschlag, sondern darum, sich auf vielversprechende Wege zu konzentrieren. Rundwege sollen nicht langweilig sein, sondern attraktiv, indem sie zum Beispiel eine historische Geschichte nacherzählen und spürbar machen.

Lassen Sie mich raten: Es gibt dann Kommunalpolitiker, die sagen: Unser Weg hier ist nicht langweilig und darf nicht durchs Raster fallen.
Manchmal ist das so, aber insgesamt war der Prozess der Besucherlenkung vom gegenseitigen Verständnis geprägt, denn allen war klar, dass Wege reduziert werden mussten - wegen des hohen Pflegeaufwandes und des Naturschutzes. Dies ist auch schon in anderen Gemeinden gelungen. Nun hoffen wir auf die baldige Zustimmung unserer Partner zu unserem Wegekonzept.

Was im TKS-Bericht auffällt: Beim Thema Nachhaltigkeit wird schmallippig formuliert: Nachhaltigkeit spiele „langsam aber stetig eine wachsende Rolle bei der Wahl von Reisezielen.“
Ich gebe zu, dass wir bei diesem Thema unsicher sind, es ist ein ständiger Lernprozess, ein weites Feld, ein Marathonlauf. Aber wir sind dran. Ein Beispiel: via Pfalzcard mehr Gäste dazu bringen, den Öffentlichen Personennahverkehr vor Ort und schon bei der Anreise zu nutzen.

Wie schätzen Sie das Hotelangebot in Neustadt ein?
Sagen wir mal so: Die Hotelausstattung in Neustadt ist nicht so wie zum Beispiel in Deidesheim. Der Neubau am Bahnhof wird uns guttun, die Fertigstellung sollte im nächsten Jahr klappen. Aber eins will ich bei diesem Thema nochmal unterstreichen: Die Leistungsfähigkeit von Hotelbetreibern und Vermietern von Ferienwohnungen finde ich großartig. Das hilft der Region. Da ist enorm viel Qualität, da sind auch Liebhaberprojekte, bei denen oft nicht im Vordergrund steht, jeden Cent Gewinn hereinzuholen.

Hotels in Neustadt: Laut Tourist-Gesellschaft ist der Bedarf nicht gedeckt.
Hotels in Neustadt: Laut Tourist-Gesellschaft ist der Bedarf nicht gedeckt.

Wie lautet Ihr Urteil beim Kulinarischen?
Wir haben im Gegensatz zu anderen Regionen Glück, noch eine ausreichende Zahl gastronomischer Betriebe zu haben, die mit großer Auswahl und guter Qualität überzeugen. Und wir sind froh, in Neustadt auch ein Sterne-Restaurant zu haben. Das sind Pfunde, mit denen wir werben können.

Essen hin oder her, Wein bleibt in Neustadt das allerwichtigste Thema?
Wir sind Wein- und Demokratiestadt, und es wird eine Herausforderung sein, uns noch stärker darauf zu fokussieren. Auch beim Thema Wein, bei dem manche sagen, man könne sich gar nicht stärker auf ein Thema konzentrieren als es Neustadt beim Wein tut. Noch besser zu werden geht immer. Ich nenne da nur mal die Weinlegendenführung. Für die Zukunft ist zum Beispiel auch angedacht, neu aufleben zu lassen, was es schon mal gab: Stichwort Gästeweinberg, Gäste übernehmen Patenschaften für einen Weinberg.

Die jüngsten „Weinlegenden“ Helmut Dönnhoff (links) und Angelo Gaja.
Die jüngsten »Weinlegenden« Helmut Dönnhoff (links) und Angelo Gaja.

Reisen kostet Geld. Und die Teuerung in Deutschland hat Ausmaße angenommen, die jahrzehntelang undenkbar waren. Könnte es im Tourismus deswegen massive Umsatz-Einbrüche geben?
Kann ich mir nicht vorstellen. Der Tourismusforscher Jürgen Schmude von der Universität München sagt: Reisen hat sich zu einem Grundbedürfnis entwickelt. Und laut der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) sparen die Deutschen nicht am Urlaub, sondern eher bei Gütern des täglichen Bedarfs, durchaus auch bei Lebensmitteln aus dem Supermarkt.

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