Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel PEN-Literaturtag in der Heim’schen Sektkellere

 In Neustadt: Astrid Vehstedt (Mitte) im Gespräch mit Barbaros Altug und Stella Nyanzi.
In Neustadt: Astrid Vehstedt (Mitte) im Gespräch mit Barbaros Altug und Stella Nyanzi.

Regionalgruppen sind beim PEN Deutschland noch eine ganz junge Erscheinung. Die Sektkellerei Heim in Neustadt war Sonntag Premierenort der brandneuen PEN-Regionalgruppe Pfalz & Kurpfalz.

„Deutschland lebt von der Stärke seiner Regionen“, begründet Michael Landgraf, der aus Neustadt stammende Generalsekretär des PEN, die Rückbesinnung auf das weite Land jenseits der Metropole Berlin, die man durchaus auch als Seitenhieb auf den 2022 entstandenen Konkurrenz-Verein in der Hauptstadt verstehen kann. Der Begriff Heimat und die Verwurzelung in derselben spielte denn auch bei fast allen Beiträgen des „Literaturtags“ in der Sektkellerei in irgendeiner Form eine Rolle – und sei es auch nur im negativen Sinne, dass man ihrer verlustig gegangen ist, so wie Stella Nyanzi und Barbaros Altuğ, zwei von 15 Autorinnen und Autoren, die das PEN-Zentrum Deutschland als Stipendiaten in seinem Writers-in-Exile-Programm unterstützt.

Die Uganderin und der Türke stellten sich im Gespräch mit Astrid Vehstedt, der aus Berlin stammenden Exilschriftsteller-Beauftragten des PEN, vor, und insbesondere die Gender-Forscherin, Anthropologin und Dichterin Nyanzi, eine der erbittertsten Gegnerinnen des autoritär regierenden ugandischen Präsidenten Yoweri Museveni, bewies mit ihren engagiert vorgetragenen Gedichten, von denen eines sie sogar ins Gefängnis brachte, dass der Kampf für die Freiheit des Wortes in vielen Ländern der Welt eben anders als in Deutschland kein bloß historisches Phänomen darstellt. „Für die Freiheit des Wortes“ lautete zwar das Motto der Veranstaltung in Neustadt, bei der sich rund 30 Zuschauer unter großen Sonnenschirmen zusammendrängten, doch so aktuell-existenziell wie bei Nyanzi und Altuğ, der sein Land nach dem Putschversuch von 2016 verlassen musste und seinen auch auf Deutsch erschienenen Roman „Ausländer“ vorstellte, ein berührendes Buch über den Verlust von Heimat, ging es ansonsten nicht mehr zu.

Autoren aus der Pfalz

Mit Daniel Emling (Bellheim), der erst 2022 in den PEN aufgenommen worden ist, und Peter Reuter (Kapellen-Drusweiler), der 2021 zugewählt wurde, hatten zwei Pfälzer Autoren den Nachmittag eröffnet. Emling, durch die harte Schule der Darmstädter „Textwerkstatt“ von Kurt Drawert gegangen, trug Gedichte vor sowie zwei Kapitel aus seinem 2021 erschienenen Roman „Daniels Hang“ über einen jungen Mann zwischen Beruf, Familie und seiner wahren Leidenschaft, dem Schreiben, Reuter etwas spröde, essayhaft-philosophische Kurzprosa zu verschiedensten Themen sowie Haikus.Die eher ungewöhnliche Erfahrung, bei einer Literaturlesung mit der Gattung Reiseführer konfrontiert zu werden, bot dem Publikum Landgraf, der das Kapitel zur demokratischen Tradition Neustadts aus seinem jüngst erschienenen Stadtführer las sowie auch sein Gedicht „Bunte Pfalz“ und eine Annäherung an das Hambacher Schloss.

Sein Auftritt wurde flankiert von Liedermacher Uli Valnion, der über den Nachmittag neben vielem anderen auch den Klassiker „Die Gedanken sind frei“ in hochdeutscher und pfälzischer Version und einen frechen Anti-Trump-Song zu Gehör brachte.

Literatur und Politik

Zuvor hatte die Heidelberger Hilde-Domin-Biografin Marion Tauschwitz die politische Seite der 2006 verstorbenen deutsch-jüdischen Dichterin hervorgehoben, auf deren Engagement zum Beispiel ganz wesentlich die Aufhebung der Verjährungsfrist für NS-Verbrechen zurückgegangen sei, wie Tauschwitz betonte.

Astrid Vehstedt, Vizepräsidentin des PEN, lenkte in ihrem Beitrag den Blick auf den Irak, ein Land, das sie gut kennt und liebt – und zwar auf den Anti-Terror-Krieg der Amerikaner ebenso wie auf die hierzulande kaum beachtete Revolution von 2019/20, die sie als Zeichen der Hoffnung für die Region interpretierte. Den Abschluss machte PEN-Präsident José F. A. Oliver, der weltläufige deutsch-spanische Dichter aus dem Schwarzwald, der unter anderem einen Gedichtzyklus vortrug, der bei einem Arbeitsaufenthalt in Sydney entstand, sowie ein andalusisches Klagelied. Als Ausklang rezitierte er Rose Ausländer, eine weitere große jüdische Dichterin deutscher Sprache, die in Czernowitz geboren wurde, einer Stadt, die heute zu einem Land gehört, das gleichfalls sehr um seine Freiheit kämpft.

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