Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Kammerkonzert im Saalbau: Es rüttelte an der Seele

Präsentierte sich wieder einmal in Bestform: das Mandelring Quartett.
Präsentierte sich wieder einmal in Bestform: das Mandelring Quartett.

Das Mandelring Quartett eröffnete am Samstag seine zwölfte Klassik-Reihe im ausverkauften Saalbau mit dem Programm „Esprit et Couleurs“ und einer deutschen Erstaufführung. Wieder einmal wurde „große Oper“ auf die Bühne gebracht.

Jetzt, wo allerorten der Konzertbetrieb aus seinem Dornröschen-Schlaf erwacht, reisen sie wieder: Sebastian, Nanette und Bernhard Schmidt sowie Andreas Willwohl, der Bratscher; nach Kempten, Duisburg, Berlin, Madrid, Barcelona und überhaupt in die Welt.

Neustadt aber, dem Ort seiner künstlerischen Genese, hat das Mandelring Quartett jenseits aller kosmopolitischen Ausflüge stets die Treue gehalten. Und so öffnete es mit Teil 1 seiner siebenteiligen Klassik-Reihe 2021/2022 auch gleich sehr prominent und hochkarätig die Pforten in die winterliche Saalbau-Saison. Ein Kammermusikabend, der sozusagen „große Oper“ aufs Podium vor den Vasarely-Bögen zauberte.

Vielfältige Entdeckungen

Das Mandelring Quartett spielt seit Jahrzehnten in einer Liga, wo es nicht mehr allein darum geht, das klassische Repertoire auf Spitzenniveau zu präsentieren. Stets zählte auch das Ausspähen abseitiger Regionen des Genres zum Credo des Ensembles, blieb die erkundende Neugier Stimulans für vielfältige Entdeckungen.

Ein solche ist zweifelsohne das Streichquartett G-Dur Nr. 1 des hierzulande wenig bekannten französischen Komponisten und langjährigen Pariser Hochschullehrers Jean Rivier, das an diesem Abend in deutscher Erstaufführung erklang. Schwer traumatisiert durch den Frontdienst im Ersten Weltkrieg führte Rivier ein eher stilles, unspektakuläres, sehr diszipliniertes Leben, hinterließ ein Œuvre von immerhin mehr als 200 Kompositionen, von denen zumindest das G-Dur-Quartett – 1924 im Alter von 28 Jahren komponiert – als gleichwohl spektakulär zu bezeichnen ist; ein fabelhaft durchkonzipiertes Opus, dessen Reichtum an Melos und kraftvoll emotionale Aufschwünge das Motto des Programms, „Esprit et Couleurs“ eindrucksvoll bebilderten.

Tanz auf dem Vulkan

Schon der Eingangssatz „Andantino quasi allegretto – Allegro“ – das liest sich zunächst etwa kryptisch – führt in dieses irrlichternde Wechselspiel der Gefühle. Die ungemein sanfte, fast elegische Einleitung mündet unversehens ins Furiose, steigert sich in einen regelrechten Tanz auf dem Vulkan (gar nicht unpassend zum Zeitgeist der 1920er Jahre). Und so geht es noch drei Sätze lang weiter, stets im flirrenden Atem emotionaler Kontraste, rhythmisch wie harmonisch ein wahrer Farbenrausch.

Wer eine solche Hexenküche dergestalt zur klanglichen Offenbarung zu beleben weiß, wie eben das Mandelring Quartett, hat das Publikum ausnahmslos auf seiner Seite. Natürlich – sie könnten auch das Telefonbuch spielen, so perfekt, so unnachahmlich unverwechselbar und beredt interagieren die Vier seit langem. Aber das Feuer in der Präsentation dieser Neuentdeckung, in dem zwischen hingebungsvollem Schmelz und aufgepeitschtem virtuosem Gestus auch all die Nuancen, das undefinierbare Zwischenreich der in den Tiefen der Partitur schlummernden Deutungen zum Leuchten kommt, ist eben einmalig. Ist eben Mandelring Quartett.

Entfesselter Kosmos

Den Rahmen um Revier bildeten zwei Quartette von ebenfalls singulärer Bedeutung innerhalb des Genres. Claude Debussy komponierte sein einziges Streichquartett im Alter von 31 Jahren. Was die Zeitgenossen mehrheitlich verwirrte, galt und gilt den Nachfolgenden als richtungsweisend. Und was heißt auch komponierte – er dichtete, malte, polterte, klagte, und das auf eine so dramatisch ausgefeilte Weise, dass man sich hörend in einem permanenten Sog befindet. Zumal das Mandelring Quartett auch diesen zuweilen entfesselten Kosmos wie eine Laterna magica ausbreitete, gleichweise mit Furor (etwa in den Pizzicato-Stellen des zweiten Satzes) wie Sinnlichkeit und unendlich berückendem Klang umkleidete. Zuweilen so behutsam, dass man das Atmen kaum mehr wagte.

Das Es-Dur-Quartett (KV 428) von Wolfgang Amadeus Mozart – es hatte den Abend eröffnet – lenkte vor den Klangräuschen des französischen Impressionismus das Ohrenmerk auf die Königsdisziplin eines jeden Kammerensembles: die Klassik. Und gerade mit diesem, dem wohl signifikantesten aus der Reihe der Joseph Haydn gewidmeten Quartette, das sich so herrlich querständig, witzig bis aberwitzig, aber zuweilen auch mit einer Prise Melancholie gewürzt gebärdet, stellte das Mandelring Quartett eindrücklich sein absolut unverwechselbares Klangprofil ins Schaufenster: Jedes noch so winzige Detail, jeder ausklingende Ton, jeder gemeinsame Einatmer, jedes insistierende Crescendo stimmte auf Sekunden hinterm Komma; geschenkt. Was letztlich an der Seele rüttelte, war einfach dieser traumhaft schöne, durch und durch authentische Mozart. Irgendwie leibhaftig geworden.

Zwei Werke - Revier und Debussy - aus diesem Programm, mit dem das Mandelring Quartett im Dezember noch einmal in der Berliner Philharmonie gastieren wird, finden sich auf der neuen CD des Ensembles, die ab 5. November im Handel erhältlich ist.

x