Neustadt
Kameras, die bei 2000 Grad cool bleiben
70 Tote und 1000 Verletzte sind zu beklagen, als auf der US-Airbase Ramstein ein Inferno losbricht. Es ist der 28. August 1988, ein Sonntag. Bei Vorführungen der italienischen Kunstflugstaffel „Frecce Tricolori“ stürzen drei Maschinen ab, eine rast brennend in die Zuschauermenge. Bei den Helfern des Roten Kreuzes vor Ort: Thomas Striegel, damals 18 Jahre alt. Das Unglück hat ihn erschüttert, aber auch geprägt. Nicht zuletzt beruflich. „Ereignisse erkennen, bevor sie zur Gefahr werden.“ So umschreibt er die Maxime des Neustadter Unternehmens TTS (Tec Trade Solution), das er 2005 gemeinsam mit seinem heutigen Co-Geschäftsführer Manfred Kratschmer gründete.
Es geht, einfach gesagt, um Hightech-Kameras, 1,3 Kilo schwer, eher klein, 2000 bis 6000 Euro teuer, je nachdem, was sie leisten sollen. Sie sind explosionsgeschützt und halten extreme Temperaturen aus, sind in schwierigsten und gefährlichsten Umgebungen, etwa innerhalb von Anlagen der chemischen Industrie, positioniert, um rechtzeitig zu erkennen, wenn etwas fürchterlich schief zu laufen droht. Und vor allem: um eine Abnormität auch weiterzugeben, an Leitstände zum Beispiel. Wenn mehrere Kameras „Alarm“ melden, kann die Elektronik aber auch ohne menschlichen Eingriff eine Anlage abschalten.
Stichwort Früherkennung
Der TTS-Chef und Tochter Michelle, die nächste Generation im Unternehmen, schildern ein einfaches Beispiel: Ein Lkw kommt zu einer Verladestation, um aus riesigen Tanklagern mit Chemikalien betankt zu werden. Kameras überwachen, dass der richtige Lkw, erkennbar am Kennzeichen, zum richtigen „Reaktor“ fährt. Das ist ein turmhohes Behältnis, in dem sich Chemikalien befinden.
Reaktoren in der Chemie haben also nichts mit Atomkraft zu tun, können aber fast so gefährlich werden, betont Thomas Striegel. Denn Chemikalien können, wenn etwas schief läuft, auf furchtbare Weise miteinander reagieren. Der TTS-Chef hat auf seinem Handy Videos, die das zeigen. Ein gigantischer Feuerball, Verwüstung, Bilder wie aus einem Krieg. Genau das gilt es zu verhindern. „Unser Thema heißt: Sicherheit, Gefahrenfrüherkennung.“
Empathie spürbar
Ein eigentlich lapidarer Satz. Aber wenn Striegel ihn formuliert, wird Empathie spürbar: Da ist Respekt vor dem Risiko, da ist die Hilfsbereitschaft – „anerzogen“, wie Striegel betont, da ist aber auch die Begeisterung des Technikers, der Lösungen schaffen will. „Wir haben in der chemischen Industrie rund 1000 unserer Kameras platziert“, erläutert er. Unter den TTS-Kunden sind Schwergewichte wie BASF, Bayer und Lanxess, aber auch kleinere, deren Aufgabenstellung nicht minder anspruchsvoll ist.
Kameras also als Schlüssel zur Inferno-Verhinderung. Die Software, die Elektronik der Kameras, ihre Funktionsweise wird erdacht, geplant und endgefertigt von einem guten Dutzend Technikern und Ingenieuren in den Betriebsräumen in der Julius Leber-Straße. Man setzt sehr auf Kooperation, auf Zulieferung von anderen Unternehmen. Aber Striegel lässt keinen Zweifel daran, dass das Knowhow-Herz in Neustadt schlägt.
Zündende Slogans
Und auch, dass man hier einen guten Nerv hat für Marketing, für zündende Slogans, die schmunzeln lassen, aber nicht flapsig sind – was ungebührlich wäre, angesichts der Risikopotenziale. „Die Kamera muss den Finger heben“, formuliert Striegel. „Nur gucken, nichts anfassen“, lautet ein Slogan, der von optischen und thermischen Bilddaten handelt, mitten in einer mehrere Häuserblocks großen Anlage der chemischen Industrie.
Ein gutes Händchen für Marketing hat TTS auch mit Namen aus der griechischen Mythologie. „Cerberus“ nennen sie etwa „das Gehirn“ der Prozessüberwachung, das Abnormitäten ausfindig macht, analysiert und weitermeldet. „Cerberus“ hieß bei den alten Griechen der mehrköpfige Hund, der den Eingang zur Unterwelt bewachte. Positiv gesehen: einer, der extrem gut aufpasst.
Griechische Mythologie
Die Industriekamera, die auch bei 2000 Grad Celsius noch einen kühlen Kopf behält, ist nach Helios benannt, dem Sonnengott. „Morpheus“ ist eine „robuste Industriekamera, die Dinge erkennt, die selbst den schärfsten menschlichen Blicken entgehen“, so TTS. Morpheus ist eigentlich der Gott der Träume, aber manchmal werden ja auch Wunschträume wahr.
Nicht zuletzt: Auch „Prometheus“ ist eine Thermalkamera, die auf besondere Langlebigkeit ausgelegt ist und Temperaturabweichungen in Industrieanlagen erkennt. „Prometheus sieht, was du nicht siehst“, lautet der TTS-Slogan. In der Mythologie ist Prometheus ein Titan, der den Menschen – gegen den Willen von Göttervater Zeus – das Feuer bringt, damit sie nicht frieren.
Wichtig in Pandemie
Wichtige Erkenntnisse brachte die Prometheus-Schleuse von TTS zu Spitzenzeiten der Corona-Pandemie zum Beispiel in Krankenhäusern, Chemie-Unternehmen und Hotels. Die Thermalkamera zur Fiebermessung, um ein Corona-Risiko zu entdecken? So einfach mache es sich Prometheus nicht, dahinter stecke mehr Aufwand, erläutert der TTS-Chef.
Der Aufwand wurde mit dem Innovationspreis Rheinland-Pfalz 2021 belohnt. Die Laudatio vermittelt technische Einblicke: „Das Kamerasystem misst nicht den tatsächlichen Temperaturwert der Hautoberfläche, sondern sucht thermische Abweichungen. Ein stetig lernender Algorithmus setzt dafür verschiedene Messwerte untereinander in Beziehung und berücksichtigt so auch die Umgebungstemperatur, Wind und andere Einflüsse.“
Hilfe für Mayschoß
Kompliziert? „Der Algorithmus schafft das“, meint Thomas Striegel und lächelt. Er wirkt wie einer, den letztlich nichts umwirft, der zwar durchaus mal geschockt ist von großen Katastrophen, daraus aber sofort Überlegungen anstellt, wie Technik die Gefahr künftig bannen könnte. Zum Beispiel im Ahrtal. Hochwasserkatastrophe im Juli 2021. „Wir sind mit dem Unimog nach Mayschoß gefahren, gemeinsam mit der Feuerwehr Neustadt“, erzählt Thomas Striegel.
Tochter Michelle fuhr mit, „viele junge Leute sind zum Helfen gekommen, das ist ein gutes Zeichen“, betont er. An Bord des Unimogs: Notstromaggregate und Getränke. Fürs Erste. Seitdem wurden es 18 Einsatztage, „wir haben Gefahrstoff-Räumung betrieben in Säureschutzanzügen, haben Ölfässer eingesammelt, mussten mit Chlor umgehen, mit chemischen Stoffen haben wir ja Erfahrung.“ Und vieles mehr. Striegel erzählt das ruhig, aber man spürt, dass ihn die Katastrophe hart getroffen hat.
Jetzt definiert er für sich und die Seinen eine neue Aufgabe: „Die Gefahrenfrüherkennung im Hochwasserschutz muss besser werden.“ Er hat konkrete Vorstellungen und will mit einem anderen Unternehmen zusammenarbeiten. „Wir müssen Daten zusammenführen: Temperatur, Wetter und nicht zuletzt müssen die Pegelstände besser Auskunft geben.“ Es dürfe nicht sein, dass ein Pegel nur deshalb nicht steige, weil eine Hochwasserwelle in einem Engpass aufgehalten werde und dann plötzlich hereinbreche.
Alarm bei Waldbrand
Neustadt, 3. August 2022. In der Nähe des Hambacher Schlosses brennen acht Hektar Waldfläche. Nicht wenige in der Region machen sich Gedanken, was passiert wäre, wenn die Flammen übergegriffen hätten. Ohnehin: Mit dem Klimawandel steigt die Waldbrandgefahr überall enorm. Gemeinsam mit dem Forstrevier Edenkoben hat TTS ein Waldbrand-Präventionsprojekt gestartet. Thermalkameras beobachten ein Waldgebiet, wenn es zu Temperaturabweichungen kommt, wird Alarm geschlagen.
Aber der Teufel steckt im Detail. „Wie kriege ich das Alarmsignal und die Bilder aus dem Wald heraus zu den Leitstellen? Im Wald gibt’s ja meistens nicht mal Handyempfang!“ Und wo bekomme man den Strom her? Das seien die Probleme. Für die er, wie er bekräftigt, Lösungen in petto hat. Allerdings will er keine Geschäftsgeheimnisse ausplaudern, nennt nur zwei Stichworte: „Richtfunk“ und „Solaranlagen“.
Aber man müsse auch scheinbare Kleinigkeiten im Blick haben. „Wenn ich sehe“, raunt Striegel, „dass jemand brennende Zigarettenkippen im Wald wegwirft, dann werde ich fuchsteufelswild.“