Deidesheim
Für Gitarrenbauer Jens Ritter ist Krise ein Fremdwort
Seit fast 20 Jahren hat Jens Ritter sein Domizil in der Weinstraße 19 in Deidesheim. In dem einstigen Winzerhaus mit der rückwärtig gelegenen Scheune befindet sich die Manufaktur, wo er mit seinem kleinen Team in handwerklicher Detailarbeit seine inzwischen weltweit gefragten Gitarren und Bässe herstellt. Auch in der Zeit der Pandemie herrscht dort kein Stillstand, die Nachfrage brummt. „Bei uns läuft es“, sagt Ritter. Nur eines hat sich durch Corona geändert. Der Firmengründer ist derzeit viel öfters als sonst persönlich in der Werkstatt oder in seiner Galerie anzutreffen. Das hat einen einfachen Grund: „Meine Reisetätigkeit ist inzwischen auf null gesunken“, erzählt der 48-Jähriger, der sonst vermutlich jetzt gerade in den USA oder in Japan unterwegs wäre, den Hauptabnehmer-Ländern für seine edlen Designer-Instrumente.
Ritter fertigt exklusiv nach individuellem Kundenwunsch
Aber Ritter klagt nicht. Dafür gibt es auch keinen Anlass, auch wenn er einräumt, dass ihm die persönliche Betreuung seiner Kunden ganz besonders am Herzen liegt. Er hat aber deshalb nicht weniger zu tun und überrascht dann mit der Nachricht, dass er derzeit so viele Bestellungen wie schon lange nicht mehr in den Büchern habe. Und das in einer Zeit, wo die Kultur fast völlig stillsteht. Verkehrte Welt? Nein. „Unsere Instrumente werden praktisch nicht mehr als einfache Arbeitsgeräte gekauft, sondern eher als Liebhaber- und Sammlerstücke“, erklärt Ritter. Der gebürtige Pfälzer aus Wachenheim und inzwischen längst in Deidesheim als „Rebstock-Besitzer“ fest verwurzelt, stellt eben keine Standardinstrumente her, sondern fertigt exklusiv nach individuellen Wünschen seiner Kunden. Dieser Unterschied führt dazu, dass Ritter-Instruments, wie er sein Unternehmen nennt, weit besser als andere durch die Krise kommt.
„Es gibt bei uns keine Gitarre aus dem Katalog oder von der Stange“, erklärt Ritter. Und seine Kunden sind eben nicht nur die Gitarristen und Bassisten internationaler Pop- und Rockbands, sondern Sammler, die Ritters Instrumente als Kunstobjekte einschätzen, oder wohlhabende Geschäftsleute, die sie als Kapitalanlage sehen. Diese nutzen gerade jetzt in der Zeit der Pandemie, wo Urlaubsreisen und viele andere schöne Ablenkungen nicht erlaubt sind, einfach die Gelegenheit, sich etwas Schönes, etwas Besonderes zu leisten.
Eine Gitarre für Otto Waalkes ist gerade in Arbeit
„Viele fühlen durch die aktuelle Pandemie eventuell auch eine Art außergewöhnliche Bedrohung, und entscheiden sich jetzt, bevor es zu spät ist, sich endlich den langersehnten Traum zu erfüllen“, schildert Ritter eine aktuelle Beobachtung. „Der eine oder andere hat auch für sich die Lust entdeckt, einfach Gitarre zu lernen und leistet sich ein ganz persönliches Stück.“ Sein Metier sei hier durchaus vergleichbar mit exklusiven Uhrenherstellern, bei denen die aktuellen Auftragszahlen derzeit auch sehr hoch seien, so der Gitarrenbauer. Mit dieser Entwicklung habe er keineswegs gerechnet. „Es finden aktuell ja keine Messen statt, und bei vielen anderen Herstellern gehen die Bestellungen zurück“, sagt Ritter. „Es ist schon etwas verrückt.“ Zugute kommt ihm dabei eben gerade der Umstand, dass er längst mehr Sammler als Musiker als Käufer hat. „Würde ich nur für Musiker bauen, dann würde es finanziell sehr eng werden“, schätzt er die Lage ganz realistisch ein. Seine Philosophie, ausschließlich Einzelstücke nach den individuellen Wünschen der Kunden herzustellen, sei der Schlüssel, auch in der Zeit der Pandemie erfolgreich zu sein. Dabei zeigt Ritter großes Mitleid mit denen, die als Künstler von der Musik leben müssen und ohne Konzerte auch ohne Geld dastehen. „Das ist eine echte Katastrophe. Die Musikbranche hat es verdammt schwer.“
Dabei blickt er auf ein Instrument vor sich, das er gerade in Arbeit hat. Dies ist nun gerade kein reines Sammlerstück, sondern soll tatsächlich bespielt werden. Es ist eine Gitarre, die der Komiker Otto Waalkes für seine Tour 2021 bei Ritter bestellt hat. „Bis Mai soll das Stück fertig sein.“ Es ist detailreiche Handarbeit mit edlen Hölzern, die Ritter weltweit von ausgesuchten Lieferanten bezieht. Auch sonst setzt er oft auf äußerst exklusive Accessoires. Eine Gitarre in knalligem Grün zum Beispiel ist mit Knöpfen aus Massivgold verziert. Der Lack kommt frisch aus dem Labor der BASF.
Am Anfang wurde Ritter von vielen belächelt
Über ein Jahr beträgt dabei gewöhnlich die Zeit von der Bestellung bis zur Fertigstellung, und mindestens 7000 Euro muss ein Sammler für ein exklusives Stück von Ritter hinblättern. „Bei mir gibt es keine Massenfertigung“, sagt der Künstler. Er setze auf Besonderheit und Qualität. wobei er auch auf außergewöhnliche Kundenwünsche einzugehen weiß. Einige der Instrumente, die er in diesem Jahr geschaffen hat, sprechen dafür eine deutliche Sprache. Ein Kunde aus der Schweiz, der leidenschaftlicher Koi-Liebhaber ist, wollte zum Beispiel eine Gitarre mit dem Muster seines Lieblingsfisches. Ein Niederländer wünschte sich Wattenmeer-Optik für die Oberfläche seines Basses. Ein japanischer Sammler überließ Ritter freie Hand im Detail und gab nur als allgemeines Thema „Positive Energie“ vor. Das Ergebnis ist ein Instrument, das geflammtes Ahornholz, wie es schon Stradivari einsetzte, mit englischen, deutschen und japanischen Wort-Applikationen aus dem 3D-Drucker verbindet. „Es gibt nichts, was nicht geht“, sagt Ritter
Mit seiner exklusiven Manufaktur ist der Deidesheimer also gut im Geschäft. Das ist auch der Grund, weshalb er mehrere Angebote zur Ausweitung seiner geschäftlichen Aktivitäten in Richtung Asien abgelehnt hat. „Ich habe immer mein eigenes Ding gemacht, deswegen wurde ich anfangs auch ausgelacht. Aber ich habe an meine Sache geglaubt und meinen Style als Marke etabliert.“ Dass er es damit sogar ins Metropolitan Museum in New York schaffte, macht ihn stolz. „Es ist schon sehr erfüllend zu wissen, dass deine Energie in den Instrumenten weiterleben wird, wenn du eines Tages stirbst“, sagt er. Noch aber ist es nicht soweit, und es warten in der Weinstraße 19 noch viele gute Ideen auf ihre Verwirklichung.