Endlich Wochenende
Ungewohnte Aussichten: Tour über zwei Flüsse zum Hafen
Die Lage an zwei Flüssen ist ein Geschenk. Ende des 19. Jahrhunderts ist in Mannheim ein großer Hafen entstanden, der die Entwicklung der Stadt erst ermöglich hat. Auf einer Schiffstour über Neckar und Rhein können Interessierte einiges über die Geschichte Mannheims erfahren. Der Verein Rhein-Neckar-Industriekultur organisiert sie.
Die zweieinhalbstündige „Dämmerungsschiffstour“ mit der „Kurpfalz“ führt vom Anlegeplatz an der Kurpfalzbrücke über die Neckarspitze in den Rhein. Nach ein paar Kilometern rheinabwärts biegt das Schiff in die Mündung des Friesenheimer Altrheins ein und gelangt so zur riesigen Wasserfläche des Industriehafens. Es bieten sich nicht nur jede Menge spannende Ausblicke. Fast zu jedem der vielen Industriebetriebe, an denen man vorbeifährt, haben Barbara Ritter und Veit Lennartz vom Verein Industriekultur interessante Geschichten auf Lager.
Der Duft von Kakaobohnen
Schon lange vor der Abfahrt ist das mittlere und obere Deck der „Kurpfalz“ gut gefüllt. Die Teilnehmer, vor allem ältere Semester, haben an den Tischen und Bänken Platz genommen und genießen das gastronomische Angebot an Bord ausgiebig. Gleich nach dem Ablegen wird das ehemalige Museumsschiff „Mainz“ passiert, das leer steht und ziemlich heruntergekommen wirkt. Der 1929 gebaute Raddampfer sei der größte noch existierende in Deutschland. Er soll zur Überholung in eine Kölner Werft geschleppt werden und anschließend wieder nach Mannheim kommen, erzählt Lennartz.
Vorbei geht es am sogenannten Salzkai mit der Schokoladenfabrik „Schokinag“ im Hintergrund. Bis heute wird hier aus Kakaobohnen eine Schokoladenrohmasse zur Weiterverarbeitung in andere Produkte hergestellt. Nach der Neckarspitze auf dem Rhein erscheint auf linker Seite die schier endlose Reihe der BASF-Fabriken. Beim kleinen historischen Exkurs erläutert Barbara Ritter, dass mit der Rheinbegradigung von Gottfried Tulla 1860 ein abgetrennter Rheinbogen plötzlich rechtsrheinisch war. Er wird daher „Friesenheimer Insel“ genannt.
Treffen mit „Emma“
1895 begann die Stadt Mannheim dort mit dem Bau des Industriehafens, was die Voraussetzung für das rapide Wachstum der Industriestadt schuf. Als das Schiff rechts in den Altrhein fährt, wandelt sich der Anblick. Rundherum ist dichte grüne Natur. Seit 1979 gibt es hier ein Landschaftsschutzgebiet. Etwas weiter treffen wir auf „Emma“, die Altrheinfähre nach Sandhofen. „Sie ist die älteste noch fahrende Grundkettenfähre in Deutschland“, erklärt Lennartz. In der Muskator-Mühle rechts werde Tierfutter hergestellt, inzwischen unter belgischer Leitung. „Links kommt die Zellstoff“, sagt der Reiseleiter und benutzt dabei den Traditionsnamen Zewa, der für Zellstofffabrik Waldhof steht. Das Werk für Hygienepapiere heißt heute „Essity“.
Während rechts der begrünte Mannheimer „Müllberg“ auftaucht, leuchtet linker Hand die Firma Roche Diagnostics, ehemals Boehringer, in der Abendsonne. Über Curt Engelhorn, Enkel des Unternehmensgründers Friedrich Engelhorn Jr. und Urenkel des BASF-Gründers Friedrich Engelhorn, seinen milliardenschweren Firmenverkauf und hemmungslosen Drang zur Steuervermeidung kann Ritter einiges erzählen.
Luxuswohnungen am Ufer
Vor dem Hintergrund der ehemaligen „Spiegelfabrik“ Saint-Gobain kommen direkt am Wasser die neuen Häuser mit Luxuswohnungen des Projekts „Joy am Ufer“ in den Blick. Unter der markanten Diffenébrücke hindurch geht es in den Industriehafen, dessen Wasserfläche so groß ist wie ein See. Die gesamte Uferlinie wird gesäumt von alten und neuen Unternehmen. „Die Firma Hutchinson, Mannheimer sagen „die Hutsch“, produziert noch immer alles aus Kautschuk und Gummi“, erläutert Ritter. Etwas weiter türmen sich riesige Berge von Metallschrott. In der Ölmühle Bunge wird inzwischen auch Biodiesel hergestellt. Daneben befindet sich die Kammerschleuse zum Neckar. Sie überwindet 40 Zentimeter Höhenunterschied und verhindert das Verschlammen des Hafens.
Neben der Graphitmühle Richard Anton erinnern große alte Backsteingebäude daran, dass Mannheim einmal der wichtigste Mühlenstandort im Südwesten war. Im roten Klinkerbau der Pfalzmühle mit ihren vielen Fenstern wurde einst Mehl der Marke Goldpuder hergestellt. Ein architektonisch besonderes Bauwerk ist die Mühle der einstigen Konsumgenossenschaften. Gemahlen wird hier schon lange nicht mehr. Dagegen stellt die Club-Mühle noch immer Tiernahrung her. Neu und modern glänzen die Silo-Behälter der Hildebrand-Mühle. Ein Gebäude aus dem Jahr 1907 ist noch erhalten. Hier werden inzwischen Couscous und Bulgur hergestellt.
BASF hell erleuchtet
Während die Sonne untergeht und es zu dämmern beginnt, führt die Fahrt zurück an der einstigen Wintershall-Raffinerie vorbei. Hier soll künftig der Wasserstoff abgefüllt und verteilt werden, der in der BASF produziert und durch ein Rohr unter dem Fluss herübergeleitet wird, erzählt Lennartz. Wieder auf dem Rhein, geht es kilometerlang an der nun hell erleuchteten BASF entlang. „Wir hätten nicht gedacht, dass der Mannheimer Hafen so groß ist. Das war sehr interessant“, sagen Roland und Hildegard Schwarz aus Offenburg, die zum ersten Mal hier zu Besuch sind. Die Tour lohnt sich aber gewiss auch für Menschen aus der Region.
Noch Fragen?
Bis September finden weitere Dämmerungsschiffstouren mit der Kurpfalz statt. Termine und Preise sind auf der Internetseite www.rhein-neckar-industriekultur.de zu finden.
Die Serie
Der Titel „Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten“ ist vergeben. Den für Mannheim zu beanspruchen, wäre etwas zu dick aufgetragen. Aber: In der Stadt mit den Quadraten geht einiges. Was das sein kann, wollen wir in der Serie „Endlich Wochenende“ in bunten Geschichten erzählen.
Die vorangegangene Folge finden Sie hier