Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Zwischen Totalitarismus und Pluralismus: Das Nationaltheater beschäftigt sich mit Freiheit

Frei wie ein Vogel in der Luft, sagt man. Also wohl so frei wie dieser aufgepäppelte Mauersegler, der wieder fliegen kann. Doch
Frei wie ein Vogel in der Luft, sagt man. Also wohl so frei wie dieser aufgepäppelte Mauersegler, der wieder fliegen kann. Doch bedeutet Freiheit, tun und lassen zu können, was man will?

Das Stück „Wir sind so frei“ des Stadtensembles ist der Dreh- und Angelpunkt eines Themenwochenendes des Mannheimer Nationaltheaters. In dem Stück geht es zwar eher um den Begriff der Würde, aber nebenbei auch um den mit ihm eng zusammenhängenden Begriff der Freiheit. Unter Tiziana Jill Becks die Aufführung flankierenden Bildern ist so auch die Darstellung eines Vogelmenschen. Daneben das lapidare Wort „frei“.

Freiheit ist einer der schwierigsten und umstrittensten Begriffe überhaupt. Nicht wenige scharfsinnige Denker bestreiten nämlich mit guten Gründen, dass es Freiheit gibt. Der Philosoph Immanuel Kant hat beide Positionen, Freiheit und Determinismus, einander gegenübergestellt. Einerseits, stellt er fest, ist alles in der Natur, also der Mensch als Naturwesen eingeschlossen, nach Gesetzen bestimmt und determiniert. Andererseits aber, führt er aus, hat der Menschen das Vermögen, sich der Gewalt der natürlichen Ursachen zu widersetzen, vulgo: seinen Egoismus zu überwinden. So kann er die Ursache-Wirkungskette durchbrechen und spontan, das heißt aus e i g e n e m Antrieb, also frei, „eine neue Reihe“ kausaler Determinationen in Gang setzen; um hier einmal dieses arg strapazierte Wort zu gebrauchen: einen Neuanfang setzen.

Manche verstehen unter Freiheit nun, dass ihnen erlaubt ist, zu tun und zu lassen, was immer sie wollen. Während der Corona-Epidemie wehren sie sich gegen Bevormundung und weigern sich, Masken zu tragen oder irgendwelche Rücksichten zu nehmen. Solch eine Einstellung ist kein Beweis von Freiheit, sie zeugt vielmehr von Willkür, die meint, sich über jegliche Beschränkung einfach hinwegsetzen zu können. Dagegen erweist sich Freiheit, wie Kants Nachfolger schlossen, in der Einsicht in die Notwendigkeit, also in einer zwischen Determination und Freiheit vermittelnden Position. Naturgesetze oder natürliche Heimsuchungen wie Epidemien kann kein Mensch einfach außer Kraft setzen, indem er sie ignoriert. Nur indem er sie versteht und ihre Wirkungsweisen durchschaut, kann er ihnen vorbeugen und sie beherrschen.

Stadtrundfahrt zu „Rechten Räumen“

Dem Nationaltheater geht es mit seinem Themenwochenende jedoch vorrangig um politische Freiheit, das heißt um Rechte und Pflichten im Zusammenleben, wie sie im Grundgesetz verankert sind, eben um das „Gesetz der Freiheit“, wie der Titel der dreitägigen Reihe lautet. Etliche Veranstaltungen finden online statt, was ja während der Corona-Epidemie gang und gäbe geworden ist. Höhepunkte aber neben dem Theaterstück „Wir sind so frei“, das jeden Tag dreimal aufgeführt wird, sind die Stadttour „Rechte Räume“ am Samstag um 11 Uhr und die Podiumsdiskussion mit Sapir Heller, Necati Öziri und Max Czollek am Samstag um 20 Uhr im Schauspielhaus. Beide Veranstaltungen umreißen Freiheit eher negativ: einmal als von totalitärer Staatsgewalt unterdrückte Freiheit des Einzelnen in der Vergangenheit, dann als noch nicht verwirklichte Freiheit im Sinne von Pluralismus in der Zukunft.

„Rechte Räume“ ist ein Forschungsthema des Instituts für Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen an der Universität Stuttgart. Mit seinen Forschungen an der Schnittstelle von Raum und Architektur, Ökonomie und Technik, Medien und Kultur hat das Institut schon in München, Berlin und Frankfurt in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut und der Bundeszentrale für politische Bildung. Städte in Ostdeutschland sollen demnächst folgen.

Diskussion über „Gegenwartsbewältigung“

In Mannheim werden die Stadttour der Institutsdirektor Professor Stephan Trüby und sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Philipp Krüpe moderieren. Experten, darunter Historiker, Literatur- und Kulturwissenschaftler, werden an Ort und Stelle referieren. Die meisten Anlaufpunkte beschäftigen sich mit dem Nationalsozialismus. So wird mit dem Bus die erhaltene NS-Mustersiedlung in Schönau angesteuert, das alte Rathaus als Beispiel für die NS-Städtebaupolitik unter dem damaligen Leiter des Hochbauamts Josef Zizler genommen, das Stadtarchiv als Ort einer Ausstellung des Architekten Albert Speer aufgesucht und an der Kunsthalle an die Verfemung „bolschewistischer Kunst“ erinnert. Auf dem Friedrichsplatz spüren die Teilnehmer der Kunst- und Gartenbauausstellung von 1907 nach, und als gegenwärtiges Beispiel statten sie der Rechtsanwaltskanzlei Thor von Waldsteins, eines Vertreters der Neuen Rechten, einen Besuch ab. Die Tour ist auf 25 Teilnehmer begrenzt und daher schon ausgebucht. Es wird aber während der Fahrt ein Film gedreht, den sich Interessenten später ansehen können.

Max Czollek hat vor zwei Jahren mit seinem Buch „Desintegriert euch!“ auf sich aufmerksam gemacht. Darin hat er Integrationspolitik und Leitkultur eine Absage erteilt und ihnen kulturelle Vielfalt entgegengesetzt. In seinem neuen Buch „Gegenwartsbewältigung“ verleiht er dieser Forderung nach Pluralismus statt Uniformität erneut Nachdruck. Eine Lesung aus seinem Buch wird den Ausgangspunkt für eine Diskussion mit dem Hausautor des Nationaltheaters Necati Öziri und der in München lebenden israelischen Theaterregisseurin Sapir Heller bilden. Die Podiumsdiskussion ist Teil der seit 2. Oktober und noch bis 11. November in zwölf Städten laufenden „Tage der Jüdisch-Muslimischen Leitkultur“. Lesungen, Diskussionen und Performances sollen eine Gesellschaft der „radikalen Vielfalt“ (Czollek) fördern und zeigen, dass die Kunst bereits über den Status quo hinausweist.

Das Programm: „Gesetz der Freiheit“

Für wen gelten unsere Grundrechte? Und inwieweit machen wir von ihnen Gebrauch? Welchen Raum nehmen wir uns, welchen Raum nehmen und geben wir anderen? Parallel zu dem Projekt „Wir sind so frei“ des Mannheimer Stadtensembles werden an einem Themenwochenende von Freitag bis Sonntag im Nationaltheater künstlerische, wissenschaftliche und aktivistische Perspektiven auf Regeln des Zusammenlebens, auf Freiheits- und Menschenrechte geworfen.

Freitag, 16. Oktober

  • 17.30 Uhr, 19 Uhr und 20.30 Uhr: „Wir sind so frei“: Das Mannheimer Stadtensemble beschäftigt sich im Studio Werkhaus in seiner Aufführung mit dem Grundgesetz und Begriffen wie Menschenwürde, Freiheit und Gleichheit. Die Texte hat die Laientheatertruppe mit Gerhild Steinbuch erarbeitet.
  • 18 Uhr: „Wie frei bist du?“ Online-Gespräche zu Recht und Gerechtigkeit. Es werden Mannheimer Perspektiven auf Privilegien, rassistische Diskriminierung, intersektionalen Feminismus sowie Asylpolitik eröffnet, diskutiert und reflektiert. Mit Gästen aus der Region werden in drei Gesprächen (die ersten beiden wurden schon am 9. und 12. Oktober geführt) Kontroversen sowie mögliche Lösungsansätze aufgezeigt. Der Austausch wird von der Poetress und Bildungsreferentin Melanelle B. C. Hémêfa moderiert.
  • 19 Uhr: Digitale Eröffnung „Gesetz der Freiheit“ online via Zoom: „We Travel the Space Ways“. Eine Online-Performance mit dem kainkollektiv. Das international arbeitende Künstler-Team arbeitet an theatralen Partituren zwischen Theater, Installation und Performance. In der in Kamerun, Madagaskar und Deutschland entstehenden Work-in-Progress-Performance verhandeln sie die Bedingungen „des Menschen“ zwischen (post-)kolonialer Geschichte und (afro-)futuristischer Zukunftsvision neu. Um 19.30 Uhr findet eine Nachbesprechung via Zoom statt.

Samstag, 17. Oktober

  • 11 Uhr bis circa 14.30 Uhr: „Rechte Räume Mannheim“ Eine Stadttour von Stephan Trüby und Philipp Krüpe. Der Stadtspaziergang führt an Orte in Mannheim, die in der Zeit vor 1933, während des Nationalsozialismus und nach 1945 als ideologisch umkämpfte „Rechte Räume“ gelesen werden können. Experten berichten über deren Geschichte und politische Instrumentalisierung. Treffpunkt für die Teilnehmer ist am Schauspielhaus.
  • 16 Uhr: „Gott Vater Einzeltäter – Operation Kleist“ Lesung im Schauspielhaus aus dem Stück des neuen Hausautors Necati Öziri.17.30 Uhr, 19 Uhr, 20.30 Uhr: „Wir sind so frei“. Ein Projekt des Mannheimer Stadtensembles im Studio Werkhaus des Nationaltheaters.
  • 20 Uhr: „Die Kunst der Gegenwartsbewältigung“: Podiumsdiskussion mit Max Czollek, Necati Öziri und Sapir Heller als Teil des dezentralen Kongresses „Tage der Jüdisch-Muslimischen Leitkultur“. Die Diskussion im Schauspielhaus dreht sich um Fragen wie: Verhindern Begriffe wie „Leitkultur“ und „Integration“ eine plurale Demokratie? Auf welche Weise können Kunst und Literatur über sie hinausweisen? Max Czollek liest dazu aus seinem neuen Buch „Gegenwartsbewältigung“.

Sonntag, 18. Oktober

  • 11 bis 13 Uhr: Virtuelles Frühstück mit Beata Anna Schmutz, der Autorin Gerhild Steinbuch und Mitgliedern des Stadtensembles. Im digitalen Frühstücksraum lässt sich online via Zoom alles über die Arbeitsweise und über die Entstehung der Inszenierung „Wir sind so frei“ erfahren.
  • 14 bis 17 Uhr: How to be an Ally? Workshop der Initiative für Solidarität am Theater. Im Werkhaus können sich Kulturschaffende mit Machtstrukturen und (eigenen) Privilegien auseinandersetzen und Strategien entwickeln.
  • 17.30, 19 Uhr und 20.30 Uhr: „Wir sind so frei“. Ein Projekt des Mannheimer Stadtensembles im Studio Werkhaus des Nationaltheaters.
  • Ab 18 Uhr online verfügbar: „(Exit)Happyland“. Film und Gespräch. Der Jugendclub (Exit)Happyland des Jungen Nationaltheaters hat sich, ausgehend von Tupoka Ogettes Buch „exit Racism. Rassismuskritisch denken lernen“ mit Rassismus, weißen Privilegien und Ausgrenzung beschäftigt. Daraus ist ein dokumentarischer Film entstanden.
  • Anmeldungen sind unter Tel. 0621/1680-150 oder ntm.stadtensemble@mannheim.de erforderlich.huf
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