Ludwigshafen
Wie mutig sich Künstler zu Flucht und Exil positionieren: Ausstellung im Bloch-Zentrum
Flucht und Exil zögen sich durch die gesamte Geschichte der Menschheit, sagte zur Einführung Immacolata Amodeo, die Leiterin des Ernst-Bloch-Zentrums. Im Mittelpunkt der Reihe stehen hier zwar Vorträge über den Exilanten Ernst Bloch in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur. Begleitend ist aber eine Ausstellung mit dem Titel „Warum gibt es denn Kunst, wo es doch Kriege gibt?“ Der freischaffende Kurator Andreas Pitz hat dazu fünf Künstler ausgewählt.
Provozierende Anspielungen
Der provozierend paradoxe Titel ist einer Arbeit Felix Droeses entnommen. Der politisch engagierte Künstler, der bei Joseph Beuys an der Kunstakademie Düsseldorf studiert hat und 1988 auf der Biennale in Venedig vertreten war, hat ihn mit rotem Farbstift auf Karton geschrieben und dazu Abfallreste aus Sperrholz gestellt. Eine Anspielung auf Trümmer und Zerstörung, wie sie noch öfter in der Ausstellung begegnen. Eine andere Arbeit Felix Droeses zeigt oben einen Holzdruck mit der Aufschrift „freiheit“, unten nur eine Leerstelle. Mit dieser will der Künstler den sprachlichen Verdrehungen und Verkehrungen der Politik entgegentreten.
Papst: Kunst als „kritisches Gewissen“
Mit der Teilnahme von Künstlern an der Ausstellungseröffnung hatte das Ernst-Bloch-Zentrum kein Glück. Der 73-jährige Felix Droese fand wegen der für Donnerstag angekündigten Unwetterwarnungen keinen Zug, der ihn von Berlin nach Ludwigshafen gebracht hätte. Die Landauer Bildhauerin, Performance- und Videokünstlerin Madeleine Dietz nahm just an diesem Tag auf Einladung von Papst Franziskus an einer Audienz in der Sixtinischen Kapelle teil. Dabei würdigte das Kirchenoberhaupt die Kunst als „kritisches Gewissen der Gesellschaft“. Mit ihren vielfach ausdeutbaren Beiträgen zur Ausstellung bewahrheitet Madeleine Dietz diesen Anspruch. „Ent-festung, 2021“ zeigt ein von Erde durchbrochenes Stahlgehäuse: lebendige Natur überwindet kaltes Material. Die eigens für die Ludwigshafener Ausstellung angefertigten Arbeiten „Ohne Morgen“ und „Kein Weg zurück“ aus ungebranntem Ton auf Stahl wiederholen diesen Kontrast und bringen mit ihren Titeln die oft perspektiv- und hoffnungslose Situation von Flüchtlingen auf den Punkt.
Mit bemerkenswertem Mut
An der Eröffnung teilnehmen konnte die seit 1991 im deutschen Exil lebende Iranerin Parastou Forouhar. Mit bewundernswertem Mut hält sie alljährlich in Teheran – so auch im vergangenen Herbst während der Massaker an der demonstrierenden Bevölkerung – in ihrem Elternhaus eine Gedenkfeier für ihre 1998 dort vom Geheimdienst ermordeten oppositionellen Eltern ab. Ihr Schreiben an den Präsidenten der obersten Justizbehörde, in dem sie von ihren Nachforschungen berichtet, wer für den Tod ihrer Eltern verantwortlich ist, ist ausgestellt. Die Schilderung vom Dschungel der Bürokratie steht Franz Kafkas albtraumhaften Erzählungen in nichts nach. Eine andere Arbeit Parastou Forouhars, die größte der Ausstellung, erscheint auf den ersten Blick wie eine ornamentale Wand, entpuppt sich aber bei näherem Hinsehen als nicht minder albtraumhaft. Ein Wandgestell ist übersät mit Augen, Augen, Augen; manchmal ragen zwischen ihnen Arme, Beine, Körperteile hervor: ein Bild des Überwachungs- und Folterstaates Iran.
Ein Reigen im zerstörten Haus
Großformatig sind auch die Bilder des vor dem syrischen Bürgerkrieg geflohenen und in Berlin lebenden Tammam Azzam. Sie zeigen Trümmer und Zerstörung in seinem Heimatland, oft anhand von Montagen. Am stärksten wirkt der Kontrast auf dem Foto eines zerstörten Hauses, in das Henri Matisses berühmter Reigen Nackter montiert ist.
Den aktuellsten Bezug haben die Bilder der Ukrainerin Lisa Bukreyeva. Sie führt seit dem Überfall Russlands auf ihr Heimatland eine Art Fototagebuch. In Ludwigshafen zu sehen sind einige zwischen dem fünften und dem 109. Tag des Krieges in Kiew entstandene Schwarzweiß-Aufnahmen. Oft hat die 30-Jährige ihren jüngeren Bruder fotografiert, etwa im Luftschutzkeller. Den heftigsten Eindruck hinterlässt ein fast völlig schwarzes Foto, in dessen Mitte der Blick unweigerlich auf einen weit aufgerissenen Mund mit gebleckten Zähnen fällt. Ein Schrei oder eine Drohung? Lisa Bukreyevas Serie ist eine einzige Anklage des Krieges.
Termin
Bis 19. Dezember im Ludwigshafener Ernst-Bloch-Zentrum (Walzmühlstraße 63). Öffnungszeiten Di und Mi 14-17, Do 14-20 Uhr