Ludwigshafener Geschichte(n) RHEINPFALZ Plus Artikel Wie die BASF für den Krieg produzierte

In solchen Anlagen wurde Buna, künstlicher Kautschuk, hergestellt.
In solchen Anlagen wurde Buna, künstlicher Kautschuk, hergestellt.

Die BASF hat in den beiden Weltkriegen eine wichtige Funktion als Rüstungsbetrieb: Der Chemiekonzern lieferte Grundstoffe für Munition und Fahrzeugreifen sowie Benzin. Das führte dazu, dass sich das Werk in Ludwigshafen vergrößerte – und sich aufs dunkelste Kapitel der Firmengeschichte zubewegte.

Der heute zehn Quadratkilometer große geschlossene BASF-Industriekomplex gilt als größtes zusammenhängendes Chemie-Areal der Welt. Früher bestand die BASF aus zwei getrennten Werken auf Ludwigshafener und auf Oppauer Gemarkung. Das Ludwigshafener Stammwerk war im Jahr 1865 gegründet worden. Das Werk Oppau kam 1913 dazu und machte Oppau zu einem Industrie-Standort.

Das 1910 patentierte „Haber-Bosch-Verfahren“ der beiden Chemiker Fritz Haber und Carl Bosch war eine bedeutende Erfindung zur künstlichen Herstellung von Ammoniak als Dünger für die Landwirtschaft, aber auch als Schießpulver für die kriegswichtige Rüstungsindustrie. Die neuartige Methode katapultierte die BASF an die Spitze der Chemieindustrie und hatte große Auswirkungen auf die Stadtentwicklung: Die unternehmerische Entscheidung für den Bau eines Stickstoffwerkes rund 1,5 Kilometer nördlich der bisherigen BASF-Fabrikanlagen auf einem rund 500.000 Quadratmeter großen Gelände in der Gemarkung von Oppau fiel im November 1911. Dann ging es ganz schnell: Baubeginn war am 7. Mai 1912, die Einweihung der ersten Ammoniaksynthese-Anlage der Welt fand am 9. September 1913 statt.

Kriegswichtige Rohstoffe

Die Startproduktion belief sich 1913 auf 30 Tonnen Ammoniak pro Tag, die Jahresproduktion auf etwa 36.000 Tonnen. Einer amtlichen Statistik zufolge musste Deutschland in diesem letzten Vorkriegsjahr noch etwa 130.000 Tonnen Salpeter aus dem südamerikanischen Land Chile einführen. Mit dem Ersten Weltkrieg und der britischen Seeblockade versiegte jedoch diese Rohstoffquelle. Salpeter wurde dringend für die Herstellung von Munition, Bomben und Granaten gebracht. BASF-Chef Bosch gab der Obersten Heeresleitung damals das Versprechen („Salpeterversprechen“), für einen Teil dieses kriegswichtigen Rohstoffs zu sorgen.

Die Produktion von Stickstoff und die Hochdrucksynthese waren fortan die wichtigsten Betriebstätigkeiten des Oppauer Werkes, dessen bauliche Struktur noch heute aus der Luft bestens zu erkennen ist, auch wenn die Industrieareale miteinander verschmolzen sind: Während das alte Werk Ludwigshafen in Nord-Süd-Richtung parallel zum Rheinverlauf angelegt wurde, ziehen sich die Straßen und Anlagen des Oppauer Werkes überwiegend in Südwest-Nordost-Richtung hin. Im Ludwigshafener Werksteil wurden damals Farbstoffe, anorganische Chemikalien oder sogenannte Zwischenprodukte hergestellt. Zwischen beiden zeitweise kaufmännisch miteinander konkurrierenden BASF-Werken gab es zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg auf einer Länge von etwa 1,5 Kilometern nur freies Feld – eine riesige unverbaute Fläche. Daran änderte sich auch nichts, als die BASF 1925 in der Interessengemeinschaft (IG) Farben unter anderem mit Bayer, Hoechst und Cassella aufging: dem größten Chemieverbund der Welt.

Ersatzprodukte entwickelt

Auch im folgenden Zweiten Weltkrieg (1939-1945) wurde die BASF zum Teil der deutschen Rüstungsindustrie, um sich von internationalen Rohstofflieferungen so gut wie möglich unabhängig zu machen. So wurde schon früh synthetisch gewonnenes Benzin („Leuna-Benzin“) durch Hydrierung von Braun- und Steinkohle entwickelt und über etwa 4000 Gasolin-Tankstellen (eine befand sich an der Ecke Maudacher/Bruchwiesenstraße) vertrieben.

Für die Produktion von Reifen und sonstigen Produkten auf Kautschukbasis gab es kaum noch Rohstoffe, also entwickelten die Chemiker aus dem aromatischen Gas Butadien und Natrium einen künstlichen Kautschuk namens „Buna“. Ein erstes Buna-Werk von später insgesamt vier Werken entstand in Schkopau bei Merseburg, ein zweites im westdeutschen Hüls und dann war Ludwigshafen an der Reihe: Ab 1941 wurde auf dem freien Gelände zwischen BASF-Stammwerk Ludwigshafen und dem Oppauer Werk eine Buna-Fabrik gebaut.

Das gummiartige Produkt in der Produktion.
Das gummiartige Produkt in der Produktion.

Wie aus der „BASF-Unternehmensgeschichte“ hervorgeht, wurden insgesamt 113 Millionen Mark in dieses Projekt investiert, durch das die beiden BASF-Werke in Ludwigshafen und Oppau zusammenwuchsen. Da die Produktion von Buna mehrere technisch-chemische Zulieferer benötigte, entstand auf der bisherigen Freifläche gewissermaßen eine dritte große BASF-Fabrik. Entlastung für die nun drei deutschen Buna-Werke in Schkopau, Hüls und Ludwigshafen sollte eine vierte Großanlage im polnischen Monowitz schaffen. Neben dem Einsatz von über 30.000 Zwangsarbeitern in Ludwigshafen begann damit ein dunkles Kapitel der Firmengeschichte.

KZ der IG Farben

Ende Oktober 1942 eröffnete die IG Farben ihr firmeneigenes Konzentrationslager Buna/Monowitz zur Unterbringung der zumeist jüdischen Häftlinge, die auf dem IG-Werksgelände Auschwitz Zwangsarbeit leisten mussten. Das Lager entstand an der Stelle des polnischen Dorfes Monowice, dessen Einwohner vertrieben worden waren. In den folgenden zwei Jahren wurden von der SS aus den in das Vernichtungslager Auschwitz deportierten Juden Zehntausende Männer zur Zwangsarbeit in Buna/Monowitz selektiert.

Ihre Angehörigen, Eltern, Frauen und Kinder wurden zumeist direkt nach der Ankunft in Auschwitz ermordet. Die meisten Häftlinge des KZ Buna/Monowitz, etwa 25.000 bis 30.000, gingen an der miserablen Ernährung und durch die harten Arbeitsbedingungen zugrunde, wurden auf der Baustelle ermordet oder bei einer Selektion in die Gaskammern nach Birkenau geschickt, wie in dem Gedenk- und Dokumentationsportal „Wollheim Memorial“ der Goethe-Universität Frankfurt nachzulesen ist.

Das IG Farben-Lager in Monowitz.
Das IG Farben-Lager in Monowitz.

Die „Mordfabrik“ Monowitz und die Verwicklungen der BASF darin wurden in Ludwigshafen nach dem Krieg lange nicht thematisiert. Das IG Farben-Werk Auschwitz wurde maßgeblich in Ludwigshafen geplant, Mitarbeiter aus dem Werk Ludwigshafen waren in verantwortlicher Position am Bau und Betrieb beteilig, wie eine Ausstellung des Fritz-Bauer-Instituts im Ludwigshafener Stadtmuseum 2015 zeigte. Von „dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte“ und von „bis heute unbegreiflichen Geschehnissen“ im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz sprach Kulturdezernentin Cornelia Reifenberg (CDU) bei der Eröffnung. Die Zwangsarbeiterlager der IG Farben in Polen waren ein wirtschaftlicher Misserfolg. Im Buna-Werk wurden lediglich kleine Mengen Öl und überhaupt kein Buna für die Kriegswirtschaft produziert.

Produktion eingestellt

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs ging auch die „Buna-Zeit“ in Ludwigshafen vorbei. Zwar wurde dieser „Ersatzkautschuk“ in der Nachkriegszeit weiter dringend benötigt, doch dafür benötigte man unverhältnismäßig viel Energie. Und die war damals ebenfalls „Mangelware“. Die Franzosen als Besatzungsmacht ließen deshalb die ohnehin bescheidener gewordene Produktion in Ludwigshafen einstellen.

1949/50 wurden die Ludwigshafener Buna-Betriebe mit weiteren zwei Dutzend Produktionsanlagen der BASF als Reparationsleistungen im Zuge einer flächendeckenden Demontage abgebaut und nach Frankreich transportiert. Was aus ihnen dort geworden ist, weiß heute in Ludwigshafen keiner mehr ...

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