Ludwigshafener Geschichte(n) RHEINPFALZ Plus Artikel Was Ernst Bloch über die Stadt dachte

War ein Freund des Studentenführers Rudi Dutschke: der Ludwigshafener Philosoph Ernst Bloch.
War ein Freund des Studentenführers Rudi Dutschke: der Ludwigshafener Philosoph Ernst Bloch.

Hässlich und gesichtslos sind keine wirklich netten Beschreibungen für eine Stadt. Sie stammen ausgerechnet aus dem Mund eines bedeutenden Sohns Ludwigshafens.

Für den Philosophen Ernst Bloch (1885-1977) war seine Geburtsstadt Ludwigshafen „häßlich und geschichtslos“, die in Bad Dürkheim geborene zeitweise in der Stadt am Rhein lebende Münchener Schriftstellerin Anna Croissant-Rust (1860-1943) war „deprimiert und schockiert von der Atmosphäre“ und sah ihre durch Ehemann Hermann berufsbedingten neun Jahre in Ludwigshafen „nicht als Heimat, sondern als Verbannung“. Und der Publizist und Übersetzer Friedrich Burschell (1889-1970) war bitter enttäuscht, dass ihm trotz seiner internationalen beruflichen Erfolge seine Heimatstadt Ehrenbürgerschaft und Ehrenring verweigerte. In ihrer erst 170-jährigen Geschichte war die in „amerikanischem Tempo“ gewachsene jüngste Großstadt am Rhein wohl nicht dazu geschaffen, viele Schriftsteller, Musiker, Maler, Philosophen oder Schauspieler zu größeren Taten und Werken zu inspirieren.

So hält sich der Kreis der Geisteswissenschaftler und Künstler mit Ludwigshafener Herkunft in Grenzen, die auf ihre Weise den anspruchslosen Ruf der von Industrie und Handel geprägten verhältnismäßig jungen Stadt nachhaltig verbessert hätten. Und doch haben nahezu drei Dutzend einfallsreiche Dichter, Denker und Kunstinterpreten aus der Arbeiterstadt am Rhein einen Platz in Nachschlagewerken gefunden oder wurden als Namensgeber für Straßen und Plätze in der Stadt meist posthum geehrt. Dann aber auch nur, wenn ihr politischer oder künstlerischer „Hintergrund“ stimmte. Bei dem in seinem kurzen Leben zum Rechtsextremismus neigenden Juristen, Publizisten und Politiker Edgar Julius Jung (1894-1934) war das nicht so: Der einstige Redenschreiber von Ex-Reichskanzler Franz von Papen, der 1934 von den Nationalsozialisten ermordet wurde, ist heute fast vergessen.

Der Blick über den Rhein

Nicht jedermanns politischer Ansicht war zeitlebens auch der Philosoph Ernst Bloch, der aus seiner Sympathie für den Marxismus nie einen Hehl machte. Und der seine Heimatstadt als Gegensatz zum angenehm „bürgerlichen“ Mannheim 1928 so beschrieb: „Ludwigshafen bleibt der Fabrikschmutz, den man gezwungen hat, Stadt zu werden...“ Die Stadt ernannte ihn 1970 dennoch zum Ehrenbürger und schuf für ihn das „Ernst-Bloch-Zentrum“ und den mit 10.000 Euro dotierten „Ernst-Bloch-Preis“, der alle drei Jahre vergeben wird. Der einstige Freund des Studentenführers Rudi Dutschke, der mit seinen Gedanken zu „Das Prinzip Hoffnung“ (1938-1947) und „Atheismus im Christentum“ für philosophisches Aufsehen sorgte, lebte als junger Mensch zeitweise im Rheinblock, wo an der Hausnummer 54b ein Stolperstein an ihn erinnert.

Der Philosoph Ernst Bloch, der vorübergehend an der Uni Leipzig und später an der Uni Tübingen lehrte, ist noch heute in aller Welt bekannt. Dieser Ruhm verblasst allmählich bei einem anderen einst weltbekannten Ludwigshafener: Wilhelm „William“ Dieterle (1893-1972) sorgte als Bühnen- und Filmschauspieler, vor allem aber als Regisseur zwischen 1920 und 1955 für Sternstunden – vor allem mit seinem „Glöckner von Notre Dame“ (1939). Doch als der auf dem Hollywood-„Walk of Fame“ mit einem Stern geehrte Mundenheimer 1955 wieder nach Deutschland zurückkehrte, musste er kleine Brötchen backen: 1958 wurde er zwar Intendant und Regisseur der Bad Hersfelder Festspiele – aber dann war er mit seinem Tourneetheater „Der grüne Wagen“ zum Tingeln gezwungen. 1971 kam er letztmals mit „Die chinesische Mauer“ von Max Frisch in seine Geburtsstadt, die ihm in Mundenheim mit dem William-Dieterle-Platz am Bahnhof eine Erinnerung widmete.

Vorwurf an die Industriellen

Mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Pfalzpreis für Literatur wurde 1969 Friedrich Burschell (1889-1970) ausgezeichnet – aber sein Wunsch nach einer offiziellen Ehrung durch seine Vaterstadt blieb in diesem Jahr für ihn unerfüllt. Der Schriftsteller und Übersetzer, der nach seiner politischen Ausbürgerung 1938 bis zum Jahr 1954 in Oxford/England lebte, war vorübergehend militärischer Adjutant des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner (1867-1919), der einem Attentat zum Opfer fiel. Burschell hatte als Ludwigshafener wenig Freude an den Industriellen der Stadt, „die hier viel Geld verdienen, das sie aber anderswo – vor allem in Heidelberg – ausgeben“. Burschell, der wie sein lebenslanger Freund Bloch und der Maler Julius Exter (1808-1880) in seiner Jugend am Ludwigsplatz wohnte, verdiente sein Geld als Übersetzer englischer und französischer Literatur ins Deutsche.

Maler wie der in Oggersheim geborene Franz Eduard von Heuß (1808-1880) oder Julius Exter hatten beruflich keine Probleme: Heuß war vor allem als „Prominentenmaler“ an den Kaiser- und Königshöfen in England und Österreich gefragt, malte Metternich und schuf auch ein Altarbild für die Kirche Sacre Coeur in Paris. Exters international bekannte Malschule in München machte ihn auch als Schöpfer von Porträts und Landschaften, allegorischen und religiösen Gemälden so wohlhabend, dass er sich 1902 in Feldwies am Chiemsee ein prächtiges Anwesen kaufen konnte, das heute als „Exter-Museum“ seine Gedankenwelt weitergibt. Auch Joseph Friedrich Gustav Binder (1897-1991) hatte bald finanziell ausgesorgt, denn er war der wohl erste deutsche „Reklamekünstler“ und schuf als Designer für BASF und MAN, Knorr und Daimler-Benz, Bayer und Grünzweig & Hartmann mehr als 2000 Werbeplakate und Schilder als „Schlagworte unserer Zeit“. Eine Schnapsidee blieb unrealisiert: 1951 wollte er aus einer Laune heraus in Äthiopien eine Kunstakademie gründen.

Kunst für Kenner

Mehrere andere Maler waren in ihrer Zeit gefragt, obwohl sie heute nur noch Experten kennen dürften: Albert Haueisen (1872-1954), Ernst W. Kunz (1912-1985), Robert Lauth (1896-1985), Senta Geißler (1902-2000), Georg Heieck (1903-1977), Rudolf Scharpf (1919-2014), Eugen Roth (1925-2011), Willy Weber (1895-1959) und Rudolf Kortokraks (1928-2014), der sich als Meisterschüler des Österreichers Oskar Kokoschka zusätzlich eine Plattform schuf. Derweil hatten auch andere Ludwigshafener auf ihre Weise Werke geschaffen, die zum Teil noch heute diskutiert oder gelesen werden: Der Mundartdichter Paul Münch (1879-1951), der Arbeiterdichter Josef Lenhard (1886-1965), der in Mannheim geborene, aber in Ludwigshafen aufgewachsene Arno Reinfrank (1934-2001), die Deidesheimer Turmschreiberin Fanny Morweiser (1940-2014) oder Hedwig Laudien (1884-1968).

Auch akustischen Nachklang gibt es bei einigen Ludwigshafenern: Der Schauspieler Lambert Hamel (geboren 1940) erlebte 1983 eine Sternstunde mit seiner Darstellung von Martin Luther in einem zweiteiligen TV-Film und ist auch als gefragter Synchronsprecher immer noch in TV-Filmen präsent. Der Opern- und Operettensänger Volker Bengl (geboren 1960) ist in Konzerten weiter präsent, während die Musiker Hans Reffert (1946-2016) und Wolfgang Lauth (1931-2011) nur noch auf Platten oder Bändern zu hören sind.

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