Interview
Was die Pandemie mit Kindern und Jugendlichen macht
Frau Bruckmann, wo sind all die Kinder und Jugendlichen jetzt während des Lockdowns, die normalerweise in der Stadt sehr präsent sind? Zum Beispiel rund ums Rathaus-Center.
Die sitzen zu Hause vor Konsolen und vor Computern. Das ist unser Eindruck. Netflix, Playstation und solche Sachen spielen da jetzt eine ganz große Rolle. Das bedeutet eine ganz große soziale Vereinsamung.
Wann hatten Sie das letzte Mal richtigen Kontakt mit einem Kind oder Jugendlichen – außerhalb Ihres eigenen Haushalts?
Was ist denn ein richtiger Kontakt? Zurzeit laufen die meisten Kontakte online und über die diversen sozialen Medien. In der Eins-zu-Eins-Situation darf man ja sogar noch direkten Kontakt haben. Die Sportvereine zum Beispiel haben relativ wenig direkte Kontakte zu den Kindern und Jugendlichen. Nur über Zoom-Trainingseinheiten oder ähnliches. Das ist recht schwierig. Die kleineren Verbände, die auch Schüler- oder Berufshilfe machen, die haben schon noch manchmal Eins-zu-Eins-Kontakte im Rahmen der Corona-Vorgaben. Der Großteil der Jugendverbände versucht, über die sozialen Medien den Kontakt zu Kindern und Jugendlichen zu halten.
Welche Angebote sind für Kinder und Jugendliche noch geöffnet?
Einige Jugendhäuser. Aber es ist natürlich sehr schwierig. Jedes Haus überlegt sich, was wirklich Sinn macht. In die Schülerhilfe kommen sehr viele Kinder aus prekären Familien, die bekommen Arbeitsblätter in den Grundschulen, die sie gar nicht erledigen können. Diese Kinder haben daheim auch keine Hilfe. Sie dürfen daher noch in manche Einrichtungen kommen. Dort gilt dann: ein Betreuer, ein Kind, ein Raum, unter strengen Hygienemaßnahmen mit Plexiglasscheibe. Da sind alle sehr kreativ und versuchen, das Beste für die Kinder rauszuholen, ohne Kinder oder die Mitarbeitenden zu gefährden. Die Mitarbeitenden versuchen alle, die Kinder und Jugendlichen in der Stadt in irgendeiner Form zu unterstützen. An Silvester gab es zum Beispiel die Idee, Silvesterpartys über Zoom mit Spieleabenden anzubieten. Das hat mich beeindruckt. Das fand ich richtig toll.
Wissen die Jugendlichen in Ludwigshafen, an wen sie sich in der Krise wenden können, wenn es zu Hause brennt?
Das ist schwer zu sagen. Ich denke, dass Kinder, die die Vereine oder die offenen Häuser der Jugendarbeit auch sonst kennen, natürlich wissen, wohin sie sich wenden können. Kinder, die nicht so gut vernetzt sind, wissen das nicht. Und ich kann mir vorstellen, dass da viele Situationen entstehen, die schwierig sind. Auch in Familien, in denen normalerweise alles gut läuft. Die Aufeinandersitzerei seit fast einem Jahr macht einiges schwieriger.
Was ist Ihr Eindruck: Wie geht es den Kindern und Jugendlichen in der Krise, wie gehen sie damit um?
Bei den Kindern erzählen viele Kollegen, dass die quasi den ganzen Tag vor dem Bildschirm sitzen und sozusagen satt sind. Sie sind nicht mehr daran interessiert, sich zu bemühen. Die Kinder wollen nur noch konsumieren und nicht mehr selber etwas machen, selbst Ideen entwickeln. Das war ein Eindruck, den Kollegen zum Beispiel schon im vergangenen Sommer bei den Angeboten gewonnen haben, die als Alternative zur Stadtranderholung gemacht wurden. Bei den Jugendlichen wissen wir es nicht so genau. Zu ihnen Kontakt zu halten, ist sehr schwierig. Vereine wie die Jugendrettungsdienste oder die Pfadfinder haben einen ganz guten Kontakt zu ihren Jugendlichen. An manche Jugendlichen werden wir nur sehr schwer wieder herankommen, wenn die Krise vorbei ist. Da sind wir alle in großer Sorge.
Die Streetworker sind aber noch auf den Straßen unterwegs, oder?
Ja, und auch in den offenen Einrichtungen machen die Mitarbeiter aufsuchende Arbeit. Die gehen zum Beispiel nachmittags auf die Spielplätze. Aber sie finden dort kaum noch Jugendliche. Kinder schon eher, aber Jugendliche, das ist ein schwieriges Thema. Jugendliche werden auch überall verjagt. Wenn mal drei irgendwo zusammensitzen, kommt sofort jemand und zeigt sie an. Dann müssen Polizei und Ordnungsamt auch handeln.
Kürzlich hat die Polizei vermeldet, dass sie eine Party mit fünf Teilnehmern im Alter von Anfang 20 in Privaträumen aufgelöst habe. In diesem Kontext von einer Party zu sprechen, scheint etwas übertrieben, oder?
Das Verständnis in der Bevölkerung für Jugendliche ist schon immer schwierig gewesen. Jetzt gerade wirft man ihnen oft vor, sie seien die Pandemietreiber. Dabei versuchen sie nur, ihr Leben irgendwie zu gestalten. Zum Beispiel jene Jugendliche, die jetzt 18 werden. Für die gibt es gar keinen Ausblick, und das Ganze geht schon ein Jahr. Man nimmt ihnen ganz viel. Es gab keine Abibälle. Diese Altersklasse sitzt nur noch zu Hause vor dem Laptop. Das ist schlimm. Das lässt sich nicht auf- oder nachholen. Jugendliche müssen sich probieren und gegen die Erwachsenen abgrenzen. Dazu haben sie jetzt keine Chance, wenn sie noch nicht mal mehr abends rausdürfen.
Wäre der Start in den Wechselunterricht eine Erleichterung für die Kinder?
Es würde helfen. Aber niemand weiß, wie es tatsächlich weitergeht. Vielleicht ist ja nach zwei Wochen wieder alles zu. Die Kinder lernen gerade, dass es keine Perspektive mehr gibt und dass sich jederzeit wieder alles ändern kann. Kinder, die im vergangenen Sommer eingeschult wurden, die kennen Menschen nur noch mit Masken. Sie sehen gar keine Mimik mehr, außer bei ihren eigenen Eltern.
Wie kann das wieder ausgeglichen und repariert werden?
Wir sind im Moment noch einen Schritt vor dieser Frage und versuchen herauszubekommen, was das alles mit den Kindern macht. Was können wir als Nicht-Therapeuten, sondern als Freizeitbegleiter der Kinder und Jugendlichen eigentlich tun? Wir sichten derzeit Studien und wollen auch noch Referenten einladen und das weiter verfolgen. Das ist noch schwierig, weil auch viele Studien noch am Anfang stehen. Außerdem kann ja niemand vorhersagen, wie es mal ist und was sein wird, wenn die Krise überwunden ist. Kommen zum Beispiel Studenten, die im ersten oder zweiten Semester sind, überhaupt noch ins Studentenleben im klassischen Sinne rein? Oder verbringen die stattdessen einen Großteil ihrer Studienzeit vor dem Laptop? Das wissen wir alles noch gar nicht. Und was ist mit all den Kindern, die jetzt keinen Sport machen dürfen? Die Jugendrettungsdienste beklagen, dass es einen kompletten Jahrgang gibt, der nicht schwimmen lernen konnte. Wird es viele Kinder geben, die eine ADHS entwickeln? Oder werden die Kinder phlegmatisch und adipös? Auch das wissen wir noch nicht.
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