Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Warum es auf dem zugefrorenen Rhein kein Karussell gab

Eiszeit auf dem Rhein: Mitte Februar 1929 fror der Fluss zu. Anfang März setzte Tauwetter ein. Von einem Karussel ist auf diesem
Eiszeit auf dem Rhein: Mitte Februar 1929 fror der Fluss zu. Anfang März setzte Tauwetter ein. Von einem Karussel ist auf diesem und anderen Bildern nichts zu sehen.

Es war ein Jahrhundertereignis, als der Rhein vor 95 Jahren zugefroren war. Seitdem hält sich hartnäckig die Geschichte, dass ein Karussell auf dem zugefrorenen Strom gestanden hat. Der Ludwigshafener Historiker Josef Kaiser ist der Sache nachgegangen. Warum er sicher ist, dass da nichts dran ist.

Herr Kaiser, der Rhein war im Februar 1929 zugefroren. Seitdem existieren Geschichten, dass damals in Ludwigshafen ein Karussell auf dem Fluss errichtet wurde. Warum stimmt das nicht?
Weil es keine belastbaren Beweise dafür gibt. Das Karussell wird weder in zeitgenössischen Berichten erwähnt, noch ist es auf einer der vielen, vielen Fotografien zu sehen. Aber es gibt einen eindeutigen Hinweis, dass es keine „Reitschule“ auf dem vereisten Rhein gab. Die „Neue Pfälzische Landeszeitung“ berichtete am 18. Februar 1929: „Zu einem richtigen Jahrmarktsrummel fehlte nur noch die Reitschule. Ein Karussellbesitzer wollte zwar beim Ludwigshafener Hafenamt die Genehmigung einholen. Sie wurde aber aus Sicherheitsgründen wohlweislich abgelehnt.

Viele Leute sind aber überzeugt davon und verweisen auf Familienangehörige als Quelle. Sie führen an, dass ihre Eltern oder Großeltern bestimmt nicht gelogen hätten. Ist deshalb vielleicht doch etwas dran an dem Karussell?
Es handelt sich nicht um Lügen, also nicht um bewusste Falschaussagen. Wir haben es mit „falscher Erinnerung“ zu tun. Das Phänomen ist seit vielen Jahrzehnten Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Erwähnen möchte ich das Buch von Julia Shaw, „Das trügerische Gedächtnis. Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht“. Daher wissen wir, dass Erinnerungen nicht notwendig auf eigene Erlebnisse zurückgehen, sondern vielmehr aus anderen Quellen gespeist werden können. Großeltern und Eltern, die vom Karussell auf dem zugefrorenen Rhein erzählen, lügen also nicht. Das Gedächtnis spielt ihnen einen Streich. Das ist nicht zu bewerten, gar zu verurteilen. Doch man muss es zur Kenntnis nehmen.

Die Karussell-Geschichte gibt es auch andernorts. Das Wormser Stadtarchiv berichtet von einigen Anfragen wegen Fotos, verweist aber darauf, dass es bei Worms definitiv kein Karussell auf dem Rhein im Februar 1929 gegeben habe. Gibt es dafür eine Erklärung?
Auch für andere Städte am Rhein gibt es die Erzählung vom Karussell auf dem zugefrorenen Rhein. Ob sie in den verschiedenen Orten selbstständig entstand oder über Gemeinden und Regionen hinweg tradiert und übernommen wurde, lässt sich wohl nicht mehr feststellen. Auf jeden Fall fand der Karussell-Mythos Eingang in das kommunikative Gedächtnis, und dort wird er noch eine Weile bleiben.

Josef Kaiser
Josef Kaiser
Auf dem Eis hatten sich regelrechte Pfade zwischen den beiden Ufern in Ludwigshafen und Mannheim gebildet.
Auf dem Eis hatten sich regelrechte Pfade zwischen den beiden Ufern in Ludwigshafen und Mannheim gebildet.
Eine Rheinbrücke war nicht nötig, um den Fluss zwischen Mannheim und Ludwigshafen zu überqueren.
Eine Rheinbrücke war nicht nötig, um den Fluss zwischen Mannheim und Ludwigshafen zu überqueren.
In Mannheim posieren Männer auf dem Eis: Am 16. Februar zeigte das Thermometer minus 22,6 Grad an.
In Mannheim posieren Männer auf dem Eis: Am 16. Februar zeigte das Thermometer minus 22,6 Grad an.
Sieht aus wie in der Arktis, ist aber in der Kurpfalz am Rhein aufgenommen.
Sieht aus wie in der Arktis, ist aber in der Kurpfalz am Rhein aufgenommen.

Foto 1 von 5

Laut zeitgenössischen Zeitungsberichten soll es vor 95 Jahren immerhin zwei Schlitten-Karussells auf dem Neckar bei Hirschhausen und Ziegelhausen gegeben haben sowie auch eines in Bingen auf dem Rhein. Könnte das etwas mit dem Mythos in Ludwigshafen zu tun haben?
Das könnte so sein. Ich glaube aber nicht, dass es eine große Rolle spielte.

Fest steht: Der zugefrorene Rhein zwischen Mannheim und Ludwigshafen war ein Jahrhunderterlebnis, war ein Ausflugsziel für viele Menschen, an dem Brezeln, warme Würstchen und heiße Grogs verkauft wurden. In Ludwigshafen soll sogar ein Motorradfahrer übers Eis gefahren sein. Volksfeststimmung gab es also durchaus.
Natürlich, die zahlreichen Zeitungsberichte beschreiben das ausführlich und anschaulich. Der Ausflug an den zugefrorenen Rhein, den Fluss auf dem Eis zu Fuß überqueren zu können, das war ein ganz besonderes Ereignis. Die Emotionen, die das hervorrief, wirken sich stark auf die Erinnerung aus, auf die tatsächliche ebenso wie auf die verfälschte.

In der Ludwigshafener Stadtgeschichte ist die Rede davon, dass es bereits im 19. Jahrhundert ähnliche Vereisungen des Rheins gegeben hat – damals seien Verkaufshäuschen, Reitschulen und Kegelspiele auf dem Eis aufgestellt worden. Rührt daher vielleicht der Mythos vom Karussell 1929?
Auch das ist grundsätzlich möglich. Ich habe allerdings eher Zweifel.

Auf der Parkinsel gab es in kalten Wintern früher auch eine Schlittschuhbahn – ungefähr dort, wo heute das TFC-Sportgelände ist. Es gab dort auch Volksfeste. Könnte das auch etwas mit dem Karussell-Mythos zu tun haben?
Das ist meines Erachtens zu weit hergeholt.

Es gibt zahlreiche Fotos und Postkarten von der Eislandschaft. Insofern ist die Quellenlage für einen Historiker ganz gut. Er begibt sich nicht aufs Glatteis, wenn er sagt: Da gab’s kein Karussell, oder?
Ja, der Historiker läuft nicht in Gefahr zu straucheln. Es gab kein Karussell auf dem zugefrorenen Rhein. Ich schließe auch aus, dass es dazu noch neue Erkenntnisse geben wird. Viel spannender wäre es, der Frage nachzugehen, wann die verfälschte Erinnerung an das Karussell auf dem Rhein entstand und wie sie sich verbreitete. Doch das ist schwer zu erforschen, vielleicht sogar unmöglich – leider.

Zur Person

Josef Kaiser (59) ist Historiker, Autor und Herausgeber von Büchern zur Stadt- und Bahngeschichte. Er hat eine umfangreiche Sammlung an alten Fotos und Postkarten über Ludwigshafen zusammengetragen. Er lebt mit seiner Frau in Mundenheim.

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