Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Vor 50 Jahren: Lidl eröffnet ersten Supermarkt in Mundenheim

In bekannter Fassade und hinter Autos in passender Lackierung: die Lidl-Filiale 1980 in der Ludwigstraße.
In bekannter Fassade und hinter Autos in passender Lackierung: die Lidl-Filiale 1980 in der Ludwigstraße.

Vor 50 Jahren, am 11. Oktober 1973, stand Bernd Clüver mit seinem „kleinen Prinzen“ an der Spitze der deutschen Charts. In den USA folgte Gerald Ford auf den wegen Bestechlichkeit zurückgetretenen Vizepräsident Spiro Agnew. Und in Mundenheim legt ein Unternehmer den Grundstein für ein Imperium.

Er gilt laut „Forbes“ als reichster Deutscher. Und er ist einer der unbekanntesten. Von Dieter Schwarz sind keine Handvoll Fotoaufnahmen bekannt. Der heute 84-Jährige scheut die Öffentlichkeit ebenso wie seinerzeit die Albrecht-Brüder Theo und Karl, Gründer des Lebensmittel-Discounters Aldi. Dessen schärfster Konkurrent ist Schwarz, mit seinem Selbstbedienungsladen Lidl. Den Aufschlag damit hat er am 11. Oktober 1973 in Sichtweite des Großen Kreuzes im Ludwigshafener Stadtteil Mundenheim gemacht, Ausgangspunkt eines mittlerweile in ganz Europa verbreiteten und bis in die USA reichenden Filialnetzes.

Warum dort, warum so dezentral bleibt auch nach 50 Jahren so geheimnisumwittert wie die Person des Firmengründers. Die Lidl-Pressestelle kann dazu jedenfalls keine Auskünfte liefern, ihr ist noch nicht mal die exakte Hausnummer bekannt. Werner Appel, Ortschronist von Mundenheim hat anhand von Adressbüchern rekonstruiert, dass es die Mundenheimer Straße 9 gewesen sein muss, RHEINPFALZ-Leser haben die gegenüberliegende Straßenseite in Erinnerung. Was auch nicht ganz falsch ist.

Boom der Discounter

Fakt ist jedenfalls, dass von der allerersten Lidl-Filiale, dem Versuchsballon irgendwo in Deutschland, keine Spur übriggeblieben ist. Dabei war sie der Ausgangspunkt für ein heute globales Imperium mit Milliardenumsätzen, das Marktführer Aldi nachhaltig Konkurrenz gemacht hat. Ähnlich übrigens wie der Discounter Penny, der wenige Monate zuvor, am 17. Mai 1973 in Limburg an der Lahn erstmals Ladentüren geöffnet hatte, als weitere Kampfansage an den Platzhirschen. Das Discounter-Modell, dessen Attraktivität auch Schwarz erkannte, erlebte in diesem Jahr einen regelrechten Schub. Auf das Drogeriemarkt-Segment konzentrierte sich die Kette dm, die am 28. August 1973 in Karlsruhe an den Start ging.

Der Kunde inmitten einer Fülle von Produkten, die ihm zum Greifen nah waren – das war der Zeitgeist der 1970er-Jahre und der Anfang vom Ende der nachkriegszeitlichen Tante-Emma-Läden. Und Mundenheim mischte von Anfang mit. Ein Experiment mit dem Konsumenten vom Land, das aufgehen und das neue Kaufverhalten prägen sollte. 15 Jahre nach Eröffnung der ersten Filiale zählte das Netz bundesweit bereits 460 Standorte mit rund 3700 Beschäftigten.

Hätte, wäre, würde

Reine Spekulation bleibt, wie gut es dem Ludwigshafener Haushalt getan hätte, wäre die Firmenzentrale von Lidl in Mundenheim verankert geblieben. Die Gewerbesteuer würde jedenfalls sprudeln, Jahr für Jahr. Mit einem Bruttoumsatz von rund 30,1 Milliarden Euro im Jahr 2022 zählt der Discounter zu den größten Unternehmen im deutschen Lebensmittelhandel. Mit über 3200 Filialen ist Lidl neben der Aldi-Gruppe Marktführer im Segment der Lebensmittel-Discounter. In Europa und den USA summiert sich diese Anzahl auf knapp 12.200, womit Lidl den größten Discounter der Welt mit einem Umsatz von 114,8 Milliarden Euro darstellt.

Unscheinbar: der Standort der ersten Lidl-Filiale in der Mundenheimer Straße 9. Nach fünf Jahren wechselte sie auf die andere St
Unscheinbar: der Standort der ersten Lidl-Filiale in der Mundenheimer Straße 9. Nach fünf Jahren wechselte sie auf die andere Straßenseite.

Es kam bekanntermaßen anders. Warum und wann Schwarz den Fokus vom Rhein an den Neckar verlagert hat, bleibt bis heute ebenso sein Geheimnis wie die Frage, wie Mundenheim seinerzeit überhaupt in den Fokus seiner Aufmerksamkeit gerückt ist – und wie er innerhalb der Stadtgrenzen ausgerechnet auf diesen Stadtteil gekommen ist. Für die letztendliche Abkehr dürfte seine Herkunft den Ausschlag gegeben haben. Als Mäzen fördert Schwarz bis heute jedenfalls seine Heimatstadt Heilbronn und eben nicht das klamme Ludwigshafen nachhaltig, investiert in deren Forschung, Bildung und internationale Ausrichtung. Firmensitz der Trägerstiftung ist heute Neckarsulm und das benachbarte Bad Wimpfen im Norden von Schwarz’ Heimat.

Doch kein „Schwarzmarkt“

Die Filiale in Mundenheim war nicht sein allererster Lebensmittelmarkt, den ersten Laden hatte der Kaufmannssohn fünf Jahre zuvor in Heilbronn eröffnet. Dort hatte Vater Josef aus der „Lidl & Co. Südfrüchtenhandlung“ über die Jahrzehnte einen marktbestimmenden Lebensmittelhändler aufgebaut. 1962 wurde Sohn Dieter Prokurist der Großhandlung „Lidl & Schwarz KG“, ein Jahr später persönlich haftender Gesellschafter. Aber der Discounter in der Mundenheimer Straße wurde der erste Markt neuen Typs, mit einem günstigen Sortiment und Selbstbedienung, mit Waren zum Anfassen und nicht zum Anstehen an der Ladentheke.

Ursprünglich wollte Schwarz diese Innovation im Kaufverhalten mit einem eigenen Label dokumentieren. „Schwarzmarkt“ schwebte ihm zunächst für seinen „Diskont“ vor – englische Bezeichnungen waren noch nicht salonfähig. Um aber Doppeldeutigkeiten und süffisante Kommentare zu vermeiden, rückte er von diesem Wortspiel wieder ab. Für 1000 Mark kaufte der Start-up-Gründer dem pensionierten Berufsschullehrer Ludwig Lidl die Namensrechte ab. Rückblickend entging dem Kunstmaler damit fast so ein lukrativer Deal wie der Stadt Ludwigshafen, wenn sie Standort der Lidl-Zentrale hätte bleiben können.

Dose statt Mode

Fünf Jahre lang, so haben Werner Appels Recherchen ergeben, residierte also der „Lidl-Diskont“ in der Mundenheimer Straße 9. Die Immobilie steht noch, in dem unscheinbaren Eckgebäude sind dort heute Büroräume untergebracht. 1978 wechselte er die Straßenseite in die noch heute erkennbare größere Ladenzeile. Wenn die Erinnerung von RHEINPFALZ-Leserin Christine Neumann und ihrer Tante nicht trügt, hatte dort zuvor das Modehaus Iser aufgegeben. „Wer einen neuen Pullover oder eine Weste brauchte, ging dorthin, egal ob für Mama, Papa oder Kind.“ Als das Strickwarengeschäft schloss, ergab sich Platz für einen Umzug. „Als Kind der 1960- und 1970er-Jahre waren wir von der Gartenstadt aus auch immer mal in Mundenheim einkaufen. Sporadisch fuhr man auch mit dem Auto zum Großeinkauf nach Mutterstadt zur Esbella“, wird Neumann nostalgisch.

Beginn der Chronik in der Lidl-Firmenzentrale in Bad Wimpfen.
Beginn der Chronik in der Lidl-Firmenzentrale in Bad Wimpfen.

Sieben Jahre später zog Lidl erneut um, aber nur über die Kreuzung in eine noch komfortablere Geschäftsimmobilie in der Oberstraße. Mundenheim hat Schwarz jedenfalls die Treue gehalten – vom ersten Lidl-Tag bis heute. Erst 1979 platzierte er einen zweiten Markt in der Innenstadt, in der Ludwigstraße und damit in Reichweite zum Aldi-Markt in der Wredestraße. Fotoaufnahmen sind im Firmenarchiv erst von diesem Geschäft erhalten. Der dritte Lidl im Stadtgebiet wurde 1981 in der Friesenheimer Carl-Bosch-Straße eröffnet. Zu diesem Zeitpunkt war die bundesweite Expansion im vollem Gange. 1977 zählte Lidl 30 Filialen, 1988, ein Jahr vor der Internationalisierung, bereits 460.

Zu Spitzenzeiten war Lidl 1996 an neun Standorten in Ludwigshafen präsent, heute sind es im zeitgemäßen Flächen- und Filialkonzept noch drei. Einer davon liegt nach wie vor in Mundenheim, in der Hoheloogstraße und damit einen Steinwurf entfernt von der Mutter aller Lidl. Mit Bernd Clüvers „Kleinem Prinzen“ sind die Kunden damals nicht beschallt worden. Wer hip sein wollte, hörte ohnedies lieber Rick Springfield („Jessie’s girl“). Dem smarten australisch-amerikanischen Musiker widmete die „Bravo“ am 11. Oktober 1973 das Titelbild. Die Titelgeschichte: „Wollen Jungs nur ,das eine’?“ Ob das Heft bei Lidl in der Mundenheimer Straße auslag, ist nicht überliefert.

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