Interview
SPD-Politiker: Olympia-Gigantismus stoppen
Herr Schreider, für viele ist Thomas Bach, der deutsche Chef des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), ein Heuchler. Für Sie auch?
Thomas Bach merkt man an, dass er nie ein Amt in einem Sportverein innehatte. Der Auftritt ist zu glatt und zu nahe an den Machthabern, wie etwa im undurchsichtigen Spiel mit der zwischenzeitlich verschwundenen chinesischen Tennisspielerin Peng Shuai. Die sechsfachen Rodel-Olympiasieger Tobias Wendl und Tobias Arlt haben den IOC-Chef ja ein Stück weit desavouiert, als sie im Fernsehen sagten, sie hätten nie Kontakt mit Bach gehabt – aber nach dem Olympiasieg habe er sie auf einmal umarmt und sei dann wieder weg gewesen. Bach müsste seine Position sehr viel öfter nutzen, um für Menschenrechte einzutreten.
Fakt ist: Am Ende setzt sich doch immer der Kommerz durch.
Das IOC hat Olympia durch ein übersteigertes Kommerzstreben weit weg von der eigentlichen olympischen Idee geführt. Olympische Spiele wurden vom IOC zu einer Geldmaschine gemacht. Dennoch üben sie eine Faszination auf die Menschen aus.
Wäre ein Boykott ein richtiges Zeichen gewesen?
Ich verurteile die systematischen und schweren Menschenrechtsverletzungen Chinas. Ein offizieller diplomatischer Boykott hätte aus meiner Sicht jedoch nicht zu einer Verbesserung der Lage geführt. Vergangene Boykotts haben gezeigt, dass dieses Instrument ungeeignet ist, autoritäre Staaten zu beeindrucken. Ich spreche mich daher grundsätzlich gegen Boykotte im Sport aus. Sie gehen letztlich immer zulasten der Sportler. Sie würden um den Lohn ihrer jahrelangen Arbeit gebracht, ja betrogen. Der Boykott des Westens 1980 in Moskau zeigt, dass es zu nichts führt – allenfalls zu einem Gegen-Boykott wie 1984 in Los Angeles.
Wie kann die richtige Balance zwischen Sport und Politik gelingen?
Spätestens als es nach Tokio 1964 kein gesamtdeutsches Team mehr gab, waren Olympische Spiele auch politische Spiele. Erinnert sei an die Black-Power-Proteste der afroamerikanischen Sprinter bei der Siegerehrung 1968 in Mexiko und den Mordanschlag auf die israelische Mannschaft im Olympischen Dorf 1972 in München. Politik ist bei Olympia nicht mehr auszuklammern. Ich finde, Sport und Politik sollten eng verzahnt, aber trotzdem unabhängig voneinander agieren. Der Breitensport wird von vielen Ehrenamtlichen am Laufen gehalten. Hier muss die Politik dafür Sorge tragen, diese Leute zu entlasten, auch finanziell.
Nach welchen Kriterien sollten Olympische Spiele vergeben werden?
Es muss zwingend so sein, dass bereits im Vergabeprozess für Sportgroßereignisse substanzielle Menschen- und Arbeitsrechte im jeweiligen Bewerberland notwendige Bedingung für einen Zuschlag sind. Über allem muss die Einhaltung der Menschenrechte und der Pressefreiheit stehen. Bei der Vergabe müssen Naturschutz und Nachhaltigkeit der Sportstätten, der Stadien und Hallen ein entscheidendes Kriterium sein.
Dann wird der Bewerberkreis sehr schnell sehr überschaubar, fürchte ich.
Mag sein. Aber der Gigantismus muss gestoppt werden, um den olympischen Gedanken wieder in den Vordergrund zu rücken. Das IOC hat sich in seinen Statuten eigentlich Vergabekriterien auferlegt, welche die Ansprüche unserer demokratischen Gesellschaft erfüllen. Es liegt nun am IOC, sich ehrlich und klar daran zu messen. Ich halte es für falsch, sportliche Großveranstaltungen weiterhin an Länder zu vergeben, die die Menschenrechte ihrer Bevölkerung missachten. Daher sehe ich die großen Sportverbände in der Pflicht, die Vergabe an die Einhaltung von Menschenrechtsstandards zu knüpfen und an Prinzipien der Nachhaltigkeit.
Gutes Stichwort: Im Winter wird die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar ausgetragen – im nächsten Unrechtsstaat, inmitten der Wüste und in klimatisierten Stadien. Das ist doch Irrsinn.
Eine WM in Katar steht für eine gewisse Perversion der Maßstäbe. Gerade als Fußballfan habe ich die Vergabe dorthin für falsch gehalten, nicht nur wegen der Wettbewerbsbedingungen und der damit einhergehenden Verschiebung der Austragungszeit in die Wintermonate. Der Stand der Menschen- und Arbeitsrechte ist dort zweifellos unzureichend.
Auch das war kein Geheimnis.
Dennoch halte ich weder einen sportlichen noch einen diplomatischen Boykott für zielführend im Sinne einer nachhaltigen Verbesserung der genannten Rechte. Ich teile die Auffassung der Menschenrechtsorganisationen „Transparency International“ und „Amnesty International“, dass die internationale Aufmerksamkeit bei der WM genutzt werden kann, das Scheinwerferlicht auf die zum Teil umgesetzten, zum Teil aber eben auch noch klar unbefriedigenden katarischen Reformprogramme der Vorjahre im Umgang mit Arbeitsmigranten oder Arbeitern zu richten. Beide Organisationen sprechen von spürbaren Fortschritten, die durch einen Boykott wieder gefährdet würden. Ziel sollte weiterhin sein, dass die öffentliche Präsenz und die Anwesenheit internationaler Gäste dazu genutzt wird, deutlichere Reformen einzufordern und anzustoßen, die langfristig zu besseren Lebensbedingungen der Menschen vor Ort führen – auch nach dem Turnier.
Was hat Sie in Peking in sportlicher Hinsicht am meisten überrascht?
Das Gold von Katharina Henning und Victoria Carl im Langlauf-Teamsprint hat mich und sicher uns alle extrem gefreut – gerade auch wegen des Überraschungseffekts. Und dass Hannah Neise mit ihrem Schlitten beim Skeleton Gold holte, fand ich klasse. Überhaupt: die große Dominanz der deutschen Sportlerinnen im Eiskanal – gleich ob Bob, Rodeln oder Skeleton. Sensationell, dass Natalie Geisenberger mit 34 gut drei Jahre nach ihrer Schwangerschaft, der Geburt ihres Sohnes und der Babypause Gold mit dem Rodelteam und im Einzel holte.
RHEINPFALZ-Olympia-Experte Klaus Kullmann kommentierte zuletzt mit Blick auf Doping: Hochleistungssport ist ein Drecksgeschäft, die Anständigen sollten sich wehren. Wie kann die Politik die Aufrechten unterstützen?
Durch klare Anti-Doping-Gesetze. Und vor allem auch international durch die Bereitschaft der Verantwortlichen in Staat und Verbänden, noch schärfer dagegen vorzugehen.
Sie sind ja auch stellvertretendes Mitglied im Auswärtigen Ausschuss. Europa steht möglicherweise vor einem Krieg in der Ukraine. Konnten Sie sich da entspannt den Doppelsitzer im Rodeln vorm Fernseher anschauen?
Die Situation im Osten Europas ist besorgniserregend – da war es nicht immer einfach, deutsches Edelmetall in Peking zu bejubeln. Ich bin aber nach dem Besuch von Bundeskanzler Olaf Scholz in Moskau und seinem intensiven Gespräch mit Präsident Wladimir Putin zuversichtlich, dass die Kriegsgefahr gebannt wird. Die Worte von Putin nach dem Treffen lassen zumindest auf ein politisches Tauwetter hoffen. Interview: Steffen Gierescher
Zur Person
Der in Worms geborene 50-Jährige hat für die SPD am 26. September das Direktmandat im Wahlkreis Ludwigshafen-Frankenthal gewonnen. Der ledige Jurist lebt in Friesenheim, gehört dem Ortsbeirat an, ist Fraktionsvize im Stadtrat, dort Fachsprecher für Sport und in Berlin stellvertretender sportpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. 1991 hat er sein Abitur am Max-Planck-Gymnasium gemacht. In Mannheim und Bonn hat er Jura studiert (1992 bis 2000), sein Referendariat absolvierte er in Frankenthal und Helsinki. Zuletzt – ab 2016 – arbeitete Schreider bei der Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Süd in Neustadt als Justiziar in der Gewerbeaufsicht für Arbeitssicherheit, Mutterschutz und Immissionsschutz.
