Ludwigshafen
Quartier Oggersheim-West: Verbraucherzentrale zieht Bilanz
Es war abzusehen, dass sie loslassen mussten, es konnte sogar noch ein halbes Jahr hinausgezögert werden. Aber es schmerzt Riedel (33) und Weitkamp (45) dennoch, dass seit Jahresbeginn Schluss ist mit der maßgeschneiderten Beratung und Begleitung im Oggersheimer Comeniuszentum. „Verbraucher stärken im Quartier“ hieß das auf vier Jahre ausgelegte Programm des Bundes. Quasi als Verfeinerung war es von den beiden Finanziers, dem Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat und dem damaligen Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, an das laufende Förderprogramm „Sozialer Zusammenhalt“ gekoppelt worden.
Dessen beschlossenes Auslaufen nach fast einem Vierteljahrhundert bedeutete letztlich auch das definitive Aus für das Comeniuszentrum. Dessen Träger, die protestantische Markuskirchengemeinde, hat es Anfang des Jahres schließen müssen, weil es die Betriebskosten ohne Mieteinnahmen von Untermietern nicht mehr finanzieren kann. Die Folge: Eine feste und zentral gelegene Anlaufstelle in unmittelbarer Nachbarschaft haben sozial Bedürftige in dem Oggersheimer Viertel, das nach wie vor den Charakter eines sozialen Brennpunkts hat, nicht mehr.
Antreiber und Aufklärer
Riedel, die familiäre Wurzeln in Oggersheim hat, und Weitkamp, der in Birkenheide wohnt, waren von Anfang an mehr als klassische Ansprechpartner für Verbraucherthemen , die am Büroschreibtisch sitzen. Sie waren Sozialarbeiter, Kummerkasten, Gesprächspartner für Vereinsamte. Sie waren Antreiber, Aufklärer und Alltagsbegleiter. In Oggersheim waren sie dabei eingebunden in ein dicht gewebtes Netzwerk aufsuchender Präventionsarbeit, zusammen mit dem gerade in Ruhestand gegangenen Quartiersmanager Reimar Seid, der protestantischen Kirchengemeinde, die ihre Gottesdienste im Comeniuszentrum zum Jahresende eingestellt hat, dem städtischen Streetworker für Oggersheim, Heiko Krämer, aber etwa auch mit der Hochschule.
Dieser Marktplatz hat sich nun geleert. Die Optimisten argumentieren, dass sich das einstige Problemviertel nach Jahren der intensiven Begleitung so weit stabilisiert habe oder zumindest haben müsse, dass es sich nun aus eigener Kraft und ausreichend Impulsen zu helfen wisse. Die Praktiker wissen, wie groß der Bedarf weiterhin ist, wie vulnerabel sozial Schwache und Abgehängte immer noch sind. Wie groß deren Verzweiflung sein wird, wenn sie demnächst horrende Nebenkostenabrechnungen in Händen halten werden, wollen sie sich gar nicht ausmalen.
Sechs Monate verlängert
„Wir werden vermisst, bekommen immer noch enttäuschte Anrufe oder besorgte Nachfragen, warum denn der Schaukasten nicht mit Infos und Alltagstipps bestückt wird“, berichten Riedel und Weitkamp zwei Monate nach ihrem unfreiwilligen Rückzug. Weil die Ludwigshafener Verbraucherzentrale von dem erstmals ausprobierten aufsuchenden Ansatz überzeugt war, hatte sie über das reguläre Ende der Förder-Laufzeit eine sechsmonatige Verlängerung auf eigene Kosten ermöglicht, ergänzt Leiterin Tamina Barth.
Davon haben nicht nur die Verbraucher in Oggersheim profitiert, für die die Hemmschwelle zum Besuch in der Zentrale in der Wredestraße zu hoch ist oder die sich solche Fahrten schlicht nicht leisten konnten. Mit dem Pilotprojekt hat die Einrichtung auch Öffentlichkeitsarbeit betreiben und auf den Wert ihrer Services an der Seite der Verbraucher hinweisen können. Sie erreicht damit auch Kinder und Jugendliche, die „Verbraucher von morgen“, wie Barth sie nennt. „Jetzt kann ich meiner Mutter beim nächsten Einkauf Tipps geben“, hat sie als eines der schönsten Komplimente erhalten.
Im Verbraucher-Wohnzimmer
Dabei wurde nicht nur individuell beratschlagt, wie Konsumfallen entschärft werden oder unlautere Köder zurückgewiesen werden können. Riedel und Weitkamp haben auch eine Menge Aktionen und Aktivitäten initiiert, haben auch mal eine Fachberaterin aus der Innenstadt vor Ort zum Sammeltermin geholt. Im Verbraucherwohnzimmer unter freiem Himmel konnten Probleme mit Vertragsabschlüssen, aber auch Alltagssorgen zwanglos besprochen werden. Während der pandemiebedingten Kontaktbeschränkungen haben die beiden Experten Infos zur Abholung an den Beutelzaun gehängt.
„Präventive Armutsbekämpfung beginnt, bevor Verträge geschlossen werden“, haben Riedel und Weitkamp, die mehrmals in der Woche präsent waren, verinnerlicht. Sie haben vor Abzockfallen gewarnt, für eine nachhaltige Lebensweise sensibilisiert, im vernünftigen Umgang mit sozialen Medien geschult, bei der Einteilung des eigenen Budgets assistiert.
In einer anderen Form setzen sie diesen Ansatz nun an anderer Stelle fort. Im Stadtteil West, wo das übergeordnete Förderprogramm „Sozialer Zusammenhalt“ zum Jahreswechsel ebenfalls eingestellt wird, bauen die beiden Projektpioniere gerade neue Beratungs- und Beziehungsstrukturen auf. Erste Sprechstunden haben sie bereits abgehalten. Dabei können sie auf Erfahrungen aus Oggersheim-West zurückgreifen. Dort werden sie vermisst, an ihrer neuen Wirkungsstätte werden sie nicht minder dringend gebraucht.