Mannheim
Port 25 zeigt deutsch-polnische Gruppenausstellung
Am Port 25 lobt man die Zusammenarbeit als außerordentlich kooperativ und problemlos. Und das, obwohl man sich den Umständen entsprechend ausschließlich virtuell miteinander abgestimmt hat. Gesehen haben sich Macher und Kunstschaffende bis heute nicht. „Wunderbar“ sei alles abgelaufen. Die Ausstellungsmacherinnen Kim Behm und Yvonne Vogel scheinen ja mal richtig zu schwärmen. Das Ergebnis gibt ihnen recht. Einmal, weil die Qualität stimmt, zum anderen, weil das von einem deutsch-polnischen Symposium, einem Performance-Wochenende, Workshops, Lesungen und Konzerten mal virtuell, mal analog begleitete Konzept tatsächlich greift. Die 20 Beteiligten wurden auf zwei Ausstellungen zu je zehn Künstlern aufgeteilt, von denen fünf aus Deutschland und fünf aus Polen kommen. Sie finden parallel statt und werden am 24. September ausgetauscht.
Corona? Nein!
„Harte Zeiten“ klingt eben nicht verlockend. Man denkt an Corona oder die aktuellen politischen Verwerfungen in Polen und ist schon auf dem Holzweg. Als man 2018 mit der Planung begann, war beides noch nicht aktuell. Es geht um etwas Allgemeineres, um die Situation der Kunst in einer immer komplizierteren und anspruchsvolleren (Um-)Welt. Wie positioniere ich mich und meine Arbeit unter Bedingungen, die es in weniger auf Turboentwicklungen getunten Zeiten so krass nicht gab?
Keine unerwartete Überraschung
Eine Installation von 15 Masken an der Wand. Also doch Corona? Falsch! Dorota Scislas Arbeit entstand 2015 und handelt von Umweltzerstörung durch Abholzen von Wäldern. Wörter und abgestorbene Baumstümpfe sind mit schwarzem Faden eingestickt. In einer zweiten Arbeit, einem gedeckten Tisch, macht sie sich über Sinn oder Unsinn von Tischmanieren lustig. Dazu sind bestimmte Wörter auf die Bestecke graviert. Wären diese in beiden Fällen nicht polnisch, könnte man beides auch für deutsche Beiträge halten. Und das ist die freilich nicht ganz unerwartete Überraschung der Auswahl: Eine Sortierung der Arbeiten nach Ländern ist nicht möglich – hier, in der Kunst, funktioniert das Phantom „Europa“ prächtig. Und wenn Jakub (Kuba) Elwertowski einen mit Ausschnitten aus polnischen Zeitungen unten und blauem Farbhorizont oben einen „Strand“ suggeriert, ist man sehr schnell auf das rein Visuelle zurückgeworfen: Ein Bild ist ein Bild ist ein Bild. Daneben: zwei monumentale Kreidezeichnungen von Uwe Ernst. Mit höchstem Raffinement hat er in klassischem Schwarz-Weiß von Auftauchen und Verschwinden erzählende Bildräume von Breughelscher Wucht geschaffen. Nichts ist sicher in diesem Frage- und Antwort-Spiel, in dem sich Individuum und Gesellschaft in ebenso rätselhaften wie labilen Konstellationen kreuzen.
Relevanz? Ansichtssache!
50 Menschen hat Tomas Dobiszewski aufgefordert, den Umriss Polens aus dem Gedächtnis zu zeichnen, die Ergebnisse sind mehr oder (eher) weniger korrekt. Intellektueller sind Dobiszewskis „Landschaften“, die in Wirklichkeit Diagramme von Wahlbeteiligungen sind – und eben auch nur Bilder. Als Grenzfall zu listen wären die in Foto und zum Blättern ausliegendem „Tagebuch“ festgehaltenen Befindlichkeiten der an psychischen Störungen leidenden, drogen- und alkoholabhängigen Julia Braciszewska; Relevanz? Ist Ansichtssache. Bei Martina Geiger-Gerlach geht es um eine depressive Stimmung, die ihr den Aufenthalt in der Öffentlichkeit nur durch Tragen einer schwarzen Sturmhaube ermöglicht hat. Wer mag, kann sich eines dieser Dinger ausleihen, tragen, zurückbringen und seine Erfahrungen im Gästebuch niederlegen – wovon, Stichwort Vermummungsverbot, eher abzuraten wäre.
Ein Bild der Trostlosigkeit
Mit gemalten Miniaturen von Balkonen und einem echten Balkongitter an der Wand vermittelt Tanja Niederfeld ein Bild von Trostlosigkeit und Enge – und die Einsicht, dass man die (ausgesparten) Menschen auch durch ihre Balkone sichtbar machen kann. Sebastian Trzoska sinniert auf goldgerahmtem Millimeterpapier darüber, was es unter Pandemiebedingungen für so selbstverständliche Dinge wie Atmen, Berühren und Küssen bedeutet, während Katinka Theis mit an konstruktivistische Zeichnungen erinnernden Masken die (hier Pariser) Software der Gesichtserkennung clever austrickstLast but not least hat Sophie Innmann mitten im Raum zwei Sandhaufen nebst Schaufeln plaziert. Mit denen sollen wir dann im Duo Sand von einem Haufen auf den anderen schippen; Dauer beliebig. Na dann, Kunstfreunde, ran an die Schaufel.
TermineBis 12. September, zweite Ausstellung 24. September bis 7. November, Mittwoch bis Sonntag 11 bis 18 Uhr bei freiem Eintritt. Katalog am Ende der Ausstellungen. Digitale Angebote und Programm unter www.port25-mannheim.de.