Die Meinung aus der Stadt
Naturexperte fordert Verlegung des Filmfestivals
Herr Ziesling, waren Sie denn schon mal zu Gast beim Filmfestival?
Ich muss gestehen, dass ich bisher noch nicht dort war. Aber ich bin kulturell stark interessiert. Ich bin selbst Hobbykünstler. Ich fertige Installationen oder male. Ich habe also durchaus Verständnis dafür, dass man für kulturelle Veranstaltungen auch den nötigen Platz braucht.
Sie haben aber auch Verständnis für Anwohner, die sich Sorgen um den Stadtpark und die Natur vor ihrer Haustür machen. Die Kinozeltstadt, die Auf- und Abbauarbeiten sowie Tausende Besucher jährlich zerstörten das Schutzgebiet, beklagt zumindest eine Bürgerinitiative.
Ich kann diese Ängste sehr gut nachvollziehen. Einige Anwohner haben mich deshalb zu einem Ortstermin eingeladen. Dabei habe ich mir im Bereich des Festivalgeländes den Boden, die Bäume und den Uferbereich des Rheins angeschaut.
Und zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?
Dass es verschiedene Gefahren gibt.
Welche denn?
Etwa mechanische Schäden an den Platanen, insbesondere im Wurzelbereich. Daneben gibt es sichtbare Bodenverdichtungen. Man findet Reifenspuren, die Schlepper oder schwere Fahrzeuge verursacht haben – und zwar innerhalb des Platanenhains wie auch in Richtung Rheinufer. Nicht nur der Baumbestand wurde beschädigt, sondern auch Röhrichtgesellschaften, also Pflanzen im Flachwasser im Bereich der Silberweidenauen. Und die sind laut Naturschutzrecht geschützt. Insofern ist die Situation hochproblematisch. Auf den verdichteten Böden kommt es zudem zu Wurzelabrissen sowie zu Stickstoffeinträgen, weil ja nicht jeder Festivalgast die Toilettenanlagen nutzt. Auf den Fotos der Anwohner ist auch das Stauwasser zu sehen, das am Platanenfeld stehengeblieben ist, während es drumherum abgeflossen ist. Das belegt, dass die Vermutung der Bodenverdichtung zutreffend ist.
Welche Folgen hat das?
Mittelfristig sehe ich den Baumbestand in seiner Gänze gefährdet. Und wenn man dann die Güter abwägt, Kulturveranstaltung auf der einen und der dauerhafte Erhalt eines naturnahen Raums auf der anderen Seite, dann ist die Naturerhaltung nach meiner Auffassung höher zu bewerten. Zumal es für die Austragung des Filmfestivals sicher auch Alternativen gibt.
Was macht Sie denn so sicher, dass die von Ihnen genannten Schäden tatsächlich ausschließlich durch das Festival verursacht wurden?
Ich habe mir die Fotos genau angeschaut, ebenso die Stellen, wo die Metallschuhe für Veranstaltungs- und Kinozelte im Boden verankert werden. Diese werden teilweise unmittelbar in den Wurzelbereich der Platanen eingehauen. Wurzelbeschädigungen sind bei diesem Vorgehen gar nicht vermeidbar.
Sie wissen schon, dass das Festival vom Flair des Stadtparks und der Nähe zum Fluss lebt. Müsste es verlegt werden, wären die Faszination und der Charme des Spektakels dahin.
Ja, da ist was dran. Aber wenn man nachhaltig denkt, muss man zugeben: Wenn wir die Baumbestände weiter so beschädigen, sind sie in 20 Jahren ebenso Geschichte wie der attraktive Standort. Mir ist durchaus bewusst, dass das eine Umgebung mit sehr viel Flair ist – aber genau deswegen sollte man diese auch für weitere Generationen erhalten.
Was machen Sie jetzt mit Ihren Erkenntnissen? Tragen Sie diese weiter an die Stadt oder den Veranstalter?
Ich sehe mich vor allem in der Rolle des Beraters für die Bürgerinitiative. Ich bin von Beruf Forstwissenschaftler und glaube, dass ich mich mit der Materie sehr gut auskenne. Die eigentliche Arbeit muss aber die Bürgerinitiative selbst machen.
Eine Verlegung des Festivals von heute auf morgen ist unrealistisch. Was schlagen Sie vor?
Was man in jedem Fall als ersten Schritt vor einer Verlegung des Festivals einfordern sollte, wäre eine ökologische Baubegleitung, bei der Standards festgelegt werden. Da muss der Zustand vorher und nachher dokumentiert werden. Es muss ein Monitoring stattfinden.
Das kostet Geld und erfordert Personal. Wer sollte das übernehmen?
Da ist die Stadt in der Verantwortung, insbesondere die Untere Naturschutzbehörde. Die Anwohner haben gespürt, dass da etwas schief läuft, hatten aber nicht das Hintergrundwissen und waren überfordert. Deshalb haben Sie mich um eine Fachexpertise gebeten.
Sie denken an eine Übergangszeit mit fachmännischer Begleitung und erst danach an eine Verlegung?
Ja. Man muss jetzt einen Übergang inklusive einer Umweltbaubegleitung organisieren, damit weitere Schäden möglichst vermieden werden, wie das unmittelbare Dranbauen an Bäume, deren Kronen oder entsprechende Kabelverlegungen. In diesem Jahr wird sich sicher kein neuer Standort finden lassen. Es geht um das nächste oder das übernächste Jahr. Solche Parks und Gebiete sind ja auch ein Retentionsraum, also ein Hochwasserrückhalteraum. Da gibt es gewisse Bodenstrukturen, sogenannte Hochflutlehme. Das sind feinkörnige Sedimente, die der Rhein abgelagert hat. Wasser wird hier aufgenommen und wieder abgegeben. Durch die schweren Lkw und die Beanspruchung des Areals wird das Kornvolumen verdichtet und die Funktion Hochwasserschutz vernichtet. Hinzu kommt der lokale Klimaschutz.
Was meinen Sie konkret damit?
Stellen Sie sich vor, die Platanen verschwinden in wenigen Jahren. Es gibt ja Projektionen, dass gerade die Stadt Ludwigshafen möglicherweise am Jahrhundertende der heißeste Ort Deutschlands ist. Die schlechtesten Vorhersagen von Umweltinstituten gehen in Ludwigshafen von einer Temperaturerhöhung von im Schnitt bis zu acht Grad Celsius aus. Von daher ist der lokale Klimaschutz das A und O. In Ludwigshafen wurde in den Vorjahren sehr nah am Wasser gebaut. Das heißt, die ehemals vorhandenen Frischluftschneisen sind blockiert. Es ist daher extrem wichtig, den Boden und die Baumbestände zu erhalten. Biodiversität wird eine immer größere Rolle spielen. Nicht zu vergessen: der Verlust für Lebensräume von Tieren und Pflanzen. Die Parkinsel ist ja auch ein Ort der Naherholung, ein Kleinod entlang des Rheins.
Nach Ihrer Analyse werden viele Festivalfans enttäuscht sein.
Da muss auch ich schlucken, das tut mir als kulturaffinem Menschen selbst weh. Unterm Strich ergibt sich für mich in der Abwägung aber ein eindeutiges Ergebnis. Das Filmfestival an diesem Standort ist nicht nachhaltig. Wer weiß, wie lange die Platanen noch durchhalten und wie lange es diese romantische Kulisse überhaupt noch gibt.
Haben Sie einen Vorschlag für einen möglichen Alternativstandort?
Der Ebertpark. Er würde auch eine attraktive Kulisse bilden. Dort würde ein Filmfestival zwar auch Spuren hinterlassen, aber nicht annähernd so gravierende wie im Stadtpark auf der Parkinsel.
Zur Person
Im Südwesten ist Diplom-Forstwirt und Forstwissenschaftler Volker Ziesling (63) wahlweise als Rebell, Grenzgänger, Querulant oder Nörgler bekannt – wenn es um die Themen Natur oder Wald geht. Mit seinen provokanten Thesen eckt er bisweilen nicht nur bei Kommunen, sondern auch bei seiner Partei, den Grünen, an. Ziesling lebt in Speyer, ist verheiratet, hat drei Töchter und ist Mitbegründer und Sprecher der Bürgerinitiative „Waldwende Jetzt!“. Ihr Ziel ist es, die Wälder der Rheinebene zu schützen.
Zur Sache: Das Filmfestival – eine Erfolgsgeschichte
„Das schönste Festival Deutschlands“ – als solches adelte die Frankfurter Allgemeine die Veranstaltung auf der Parkinsel. Das ist durchaus bemerkenswert bei rund 400 Filmfestivals bundesweit. Neben der Berlinale ist es inzwischen, was den Besucherandrang angeht, das zweitgrößte in der ganzen Republik.
Über den roten Teppich unter den Platanen laufen jedes Jahr Stars der Branche. Schauspielkunst-Preisträger 2021 bei der 17. Auflage waren Claudia Michelsen und Ulrich Matthes. Vor der Pandemie strömten im Rekordjahr 2019 gut 120.000 Besucher in die weißen Kinozelte am Rheinufer. Wegen Corona waren es im Vorjahr nur halb so viele. Im Premierenjahr 2005 begrüßte Festivalchef Michael Kötz 10.000 Gäste.
„Magischer Ort“
Anziehungskraft üben neben dem Programm das lauschige Flair am Fluss samt Gastronomie, Liegestühlen am Strand und Open-Air-Vorstellungen aus. Häufig ist mit Blick auf die Location von einem „magischen Ort“ die Rede. 2017 wurde das Festival erstmals im Spätsommer ausgetragen, um den Überschwemmungen der Parkinsel auszuweichen. Die Zahl der Zelte und Angebote wurde erhöht. Dies rief auch Kritiker auf den Plan, insbesondere Anwohner, die über Lärm, zugeparkte Straßen und Schäden im 34 Hektar großen Landschaftsschutzgebiet klagten.
Politischer Dauerbrenner
Der Zustand der Festivalwiese ist ein Dauerbrenner in politischen Gremien. In der jüngsten Sitzung des Ortsbeirats Süd forderten die Grünen Einblicke in die Genehmigungsunterlagen – um zu prüfen, ob sich der Festivaldirektor an alle Auflagen hält. Der Verdacht der Grünen: Er schaffe Fakten mit dem sukzessiven Ausbau des Festivals, die dann nicht mehr umkehrbar seien. Das 18. Filmfestival ist von 24. August bis 11. September geplant.
Der Kritik an den Umweltauswirkungen gibt es schon länger. Die Stadt hat den Veranstalter dazu verpflichtet, die Spuren im Stadtpark zu beseitigen und die Fläche aufzuarbeiten. Zur Lockerung des Bodens werden 1000 Löcher gebohrt. Grünbereichsleiterin Gabriele Bindert hält das Festival mit flankierenden Maßnahmen im Stadtpark für vertretbar. Es dürfe sich aber nicht weiter ausdehnen. Es gebe klare Vorgaben für den Veranstalter, um die Natur zu schützen.