Kriegsgeschichten RHEINPFALZ Plus Artikel Nächtliche Flucht über die Grenze

Elke Schwang ist heute 79 Jahre alt und hat viele Erinnerungsstücke an die Nachkriegszeit aufbewahrt.
Elke Schwang ist heute 79 Jahre alt und hat viele Erinnerungsstücke an die Nachkriegszeit aufbewahrt.

Elke Schwang ist in der Welt herumgekommen, gerne und viel gereist. In Zeiten von Corona hat sie die Muße gefunden, die Briefe ihres Vaters und ihrer Großeltern aus dem Krieg und den Folgejahren zu lesen. Mit der Schreibmaschine hat sie alles akkurat abgetippt.

Viele Erinnerungsstücke, kleine und große Schätze und unzählige Briefe, Postkarten mit wunderschön gezeichneten Kindermotiven sind Elke Schwang geblieben. Und natürlich ihre ganz eigenen Erinnerungen an jene Zeit. „Ich habe den Krieg nicht empfunden. Ich hatte an sich eine wunderbare Kindheit“, sagt sie, 1942 geboren, rückblickend. Einzelne Szenen, Momente ihrer frühen Jahre hat sie auch heute noch vor Augen, als wären sie erst gestern gewesen.

„Ich erinnere mich dunkel beispielsweise an einen Theaterbesuch in Leipzig 1945. Es war seinerzeit ein harter Winter. Wir haben ,Peterchens Mondfahrt’ angeschaut.“ Auch die Flucht von Leipzig zurück ins südpfälzische Walsheim mithilfe eines „Schleppers“ ist Schwang bruchstückhaft im Kopf geblieben.

Vater in Russland

Ganz anders erlebte ihr Vater Heinz Reichenbach, der sowohl im Frankreich- als auch im Russlandfeldzug als Artillerist eingesetzt wurde. Entbehrungen, Ängste, Heimweh, Sehnsucht nach den Liebsten – all das kommt in jeder Zeile zum Ausdruck, die er zwischen April 1945 und Juni 1947 in französischer Kriegsgefangenschaft in Baccarat in Lothringen an seine Frau Hermine und an seine Eltern in Leipzig und an die Schwiegereltern in Walsheim schrieb.

„Großvater hoffe ich, hier nicht zu werden“, notierte er in einem Brief, den er 1946 nach Hause schickte. Jeder einzelne Brief, jedes noch so kleine Geschenk wurde von den Franzosen zensiert. Ein selbstgestricktes Nadelkissen schaffte es hinter den Stacheldrahtzaun und sorgte für glückliche Momente bei Reichenbach. Die damals vierjährige Elke hatte es bei Kinderschulschwester Herta Müller in der pfälzischen Heimat mit viel Liebe und Akribie gestrickt. „Wenn mal eine Masche fiel, war die Aufregung groß“, sagt die heute 79-Jährige lachend. „Das Nadelkissen hat mich außerordentlich erfreut. Dafür unserem lieben, tüchtigen Töchterchen ein recht liebes Kussele“, dankte er „seiner“ Elke. Garantiert, auch wenn es niemand weiß, hatte das Nadelkissen im Gefangenenlager einen Ehrenplatz neben dem Familienfoto, das ihm seine Frau zum 30. Geburtstag schenkte.

Trost im Lager

„Seine große Liebe“ samt dem neugeborenen Sohn Uwe und Tochter Elke konnte er darauf täglich sehen und für einen Augenblick seine damalige Situation vergessen. Stolz, Glück und Freude habe er beim Anblick empfunden, schrieb er. Reichenbach hatte nicht viel, doch das was er hatte, ließ er seinen Liebsten zukommen. Ein Elefant aus grauem Feldtuch für Uwe, ein Märchenbuch von Wilhelm Hauff mit einem getrockneten Blümchen und Widmung schickte er Weihnachten 1946 nach Hause. Zu Ostern ließ er ein rollbares Häschen aus Holz anfertigen, das noch heute in Schwangs Wohnzimmer einen Ehrenplatz hat.

Heinz Reichenbach wurde 1916 in Leipzig geboren und kam als Soldat 1938 in die Pfalz, genauer nach Walsheim bei Landau. Dort lernte er seine spätere Frau Hermine kennen. „Weil nach der Invasion der Alliierten im Jahr 1944 die Meinung herrschte, dass sich der weitere Krieg im Westen abspielen würde und wir im Osten sicherer wären, blieben wir – meine hochschwangere Mutter und ich – zunächst bei den Leipziger Großeltern“, erzählt Schwang. Ihr Bruder erblickte am 8. August 1945 das Licht der Welt.

Sehnsucht nach der Pfalz

Die Sehnsucht nach der pfälzischen Heimat wurde Tag für Tag größer und größer, so dass Schwangs Mutter im März 1946 entschied, zurück nach Walsheim zu ziehen. Das Trio landete zunächst im Flüchtlingslager in Freiberg/Sachsen. Dort erkrankte der kleine Uwe an einer doppelseitigen Lungenentzündung und war nicht mehr reisefähig.

Während der Säugling zurück zu den Großeltern nach Leipzig kam, machten sich Hermine Reichenbach und Tochter Elke mithilfe eines von den pfälzischen Verwandten beauftragten „Schleppers“ per Bahn auf die Reise weiter gen Westen. Unterwegs wurde der Zug von Russen angehalten, die Mutter verhört. Der „Schlepper“ war auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

Über Wiese geschlichen

„Ich erinnere mich, wie meine Mutter mit mir, der Vierjährigen, nachts nach dem russischen Wachwechsel an der Grenze über eine Wiese schlich, nicht ohne eindringliche Warnung, ja nicht zu husten, um uns nicht zu verraten“, berichtet Schwang. Und was passierte? Genau in diesem Moment begann sie, zu husten. Schnell warf die Mutter einen Mantel über ihre Tochter und mit viel Glück blieben die beiden unentdeckt und erreichten die Pfalz.

Mitte 1947 sollte sich alles zum Guten wenden: Elke Schwangs Bruder kam am 1. Juni 1947 nach Walsheim. Drei Wochen später wurde der Vater aus der Gefangenschaft entlassen und sah erstmals seinen Zweitgeborenen. Die Familie war vereint. 1951 kam das dritte Kind auf die Welt: ein Mädchen. Sie wohnten mittlerweile in Ludwigshafen. Die 79-jährige Zeitzeugin besuchte dort das Städtische Mädchengymnasium (heute Geschwister-Scholl-Gymnasium) und wohnt seit 1971 in der Pfingstweide.

Die Serie

Der Zweite Weltkrieg endete vor 75 Jahren. Er hat das Leben vieler Menschen verändert und bis heute geprägt. In dieser Serie lassen wir Zeitzeugen zu Wort kommen.

Das Nadelkissen hat das Kind dem Vater ins Lager geschickt.
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Den Hasen schickte der Kriegsgefangene als Geschenk
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