Leichtathletik
Hammerwerferin Samantha Borutta besticht mit extremer Nervenstärke
Plötzlich stand der Mann neben Samantha Borutta in einem Mutterstadter Supermarkt. „Sind Sie Samantha Borutta?“, fragte er die Hammerwurf-Europameisterin. Borutta hatte die Trainingsjacke der deutschen Leichtathletik-Nationalmannschaft an. Dies war dem Herrn aufgefallen. „Ich lese die Artikel in der Zeitung über sie“, erzählte er.
Es kam noch nie vor, dass die 21 Jahre alte Mutterstadterin in der Öffentlichkeit ob ihres Sports angesprochen wurde. Das verwundert – und wieder nicht. Samantha Borutta ist Europameisterin im Hammerwurf. Sie war 2021 die beste Werferin des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Doch Hammerwurf gehört nicht zu den „Top-Disziplinen“ im DLV. Der Schwerpunkt liegt mehr auf den Lauf-Disziplinen, dabei sind es die Werfer, die immer wieder Medaillen bei großen Wettkämpfen gewinnen. Borutta freute sich über die Anerkennung des Einkäufers.
Es blieb nicht die einzige Wertschätzung. Denn Samantha Borutta wurde zur Sportlerin des Jahres 2021 des Rhein-Pfalz-Kreises gewählt. Das hat sie ziemlich überrascht. Nicht nur sie, auch ihre Eltern. Die hatten aus Versehen den Brief geöffnet und waren baff, als sie das lasen. „Ich habe den Brief gleich wieder ins Kuvert gesteckt“, erzählt Mutter Anette.
Mit Auszeichnung nicht gerechnet
Die Freude von Samantha Borutta ob der Anerkennung kommt von Herzen. Heute, Donnerstag, wird sie im Kreishaus in Ludwigshafen offiziell geehrt. „Diese Auszeichnung habe ich noch von niemandem bekommen, nicht mal vom Deutschen Leichtathletik-Verband. Ich wurde Europameisterin, Deutsche Meisterin der Frauen und bei den U23. Ich war bei den Olympischen Spielen in Tokio. Ich stehe nicht einmal zur Auswahl beim DLV. Daher ist die Auszeichnung des Rhein-Pfalz-Kreises ein Megaschritt für den Hammerwurf. Nicht jeder bekommt die Auszeichnung, und ich habe nicht damit gerechnet“, sagt sie und schiebt einen nachdenklichen Satz hinterher: „Ich finde, Hammerwurf und meine Leistung gehen oft unter. Ich bin doch nicht so schlecht. Ich habe einiges geleistet.“
In der Tat: Borutta wurde Europameisterin, Deutsche Meisterin sowie Deutsche Meisterin der U23. Es sind Titel, die jedoch der breiten Öffentlichkeit wenig aussagen. Sportkenner wissen so eine Titelansammlung in einem Jahr einzuschätzen. Und sie wissen, dass dies eine enorme Leistung ist. Schließlich steckt hinter den Titeln und Weiten über 70 Meter harte Arbeit – täglich mehrere Stunden.
Im November ist Borutta von Bayer 04 Leverkusen nach Frankfurt gewechselt. Sie folgte dem Ruf ihres neuen Coaches Michael Deyhle. Der 70 Jahre alte Top-Trainer war voriges Jahr wieder aus China zurückgekommen. Fünf Jahre lang hatte er dort die chinesischen Hammerwerferinnen geformt. Deyhle ist eine Trainer-Ikone. Er machte Betty Heidler zur Weltmeisterin und Weltrekordhalterin. Er formte außerdem Kirsten Münchow, Susanne Keil und Kathrin Klaas zu starken Werferinnen. Nun widmet er sich auch Samantha Borutta. „Das war ein guter Übergang. Es kamen neue Reize, was Neues“, sagt Borutta. Denn in Leverkusen lief es nicht immer ideal. Die Boruttas wollen das nicht vertiefen, sie wollen nicht nachtreten, sagen nur, dass die Wertschätzung gefehlt habe.
Mutterstadt-Lu-Frankfurt
Der Wechsel nach Frankfurt kam daher nicht ganz unerwartet. Zum einen ist sie nun näher an ihrer Heimat Mutterstadt. Das erleichtert einiges. In Mutterstadt wird eine neue Hammerwurf-Anlage gebaut. Zum anderen darf Borutta seit November auch in der Ludwigshafener Leichtathletik-Halle trainieren. Mutterstadt – Ludwigshafen – Frankfurt – neue Erfolgskoordinaten für Borutta? Sie glaubt jedenfalls daran. Lange Zeit trainierte sie alleine mit Deyhle, da die anderen Athleten aus ihrer Trainingsgruppe verletzt waren oder aus schulischen Gründen nicht kommen konnten.
Mit ihrem neuen Coach hat Borutta einiges vor. „Ich will 80 Meter werfen und den Weltrekord verbessern“, betont sie. Eine eindeutige Aussage. Aber ist das nicht auch gut so? Schließlich will Borutta immer besser werden. Und dafür setzt sie sich klare Ziele. Sie kann diese erreichen, denn Borutta ist eine überaus nervenstarke Athletin. Sie bleibt vor und während der Wettkämpfe cool und gelassen. „Ich weiß aber nicht, woher diese Nervenstärke kommt“, sagt Samantha Borutta. Ihre Eltern dagegen sitzen meist nervös auf den Tribünen. „Nicht von mir“, sagt Vater Peter: „Ich kaue mir die Fingernägel ab.“ Dann listet er Beispiele für die Nervenstärke seiner Tochter auf. Der Vater und die Mutter als großer Fan. „Sie weiß ja, was sie kann“, sagt Mutter Anette. Sie erkennt an kleinen Dingen, wann ihre Tochter gut drauf ist. Peter Borutta erzählt unterdessen emotional von dem Augenblick, als Samantha mit der blauen Nummer bei der Europameisterschaft in Estland den Wettkampf bestritt. Die blaue Nummer sagt aus, dass diese Athletin aktuell die beste Weite geworfen hat. Die blaue Nummer hat in der Leichtathletik die gleiche Bedeutung wie das Gelbe Trikot bei der Tour de France. Borutta hielt dem Druck stand – sie wurde Europameisterin.
WM in USA, EM in München
Die Eltern üben keinen Druck auf ihre Tochter aus. Der kommt von Samantha Borutta selbst. „Ich will über meine Grenzen kommen und sehen, ob ich es kann“, sagt sie. Sie kann es, das hat sie mehrmals bewiesen. Doch nun geht es um Feinheiten. Kleinigkeiten, die entscheidend sein können. Dafür ist aber auch Geduld gefragt. „Frust kommt schon vor, denn ich bin nicht so geduldig. Mich nervt, wenn etwas nicht klappt, wie ich es will. Ich hole mich dann aus dem Loch, in dem ich mich an die guten Sachen erinnere“, erzählt Borutta. Das regelt sie mit sich selbst. Einen Mentaltrainer braucht sie nicht, will sie aktuell auch nicht.
Samantha Borutta ist eine gefestigte Frau. Sie ist als Sportsoldatin bei der Bundeswehr, hat in ihren Eltern ein starkes Team und sehr gute Trainingsmöglichkeiten. Sie hat nahezu ideale Voraussetzungen, um bei den kommenden internationalen Wettkämpfen erfolgreich zu sein. Beim europäischen Werfer-Cup am Wochenende im portugiesischen Leiria wurde Borutta Achte. Es folgen nun die WM in Eugene/USA und im Sommer die EM in München.
Bei diesen sportlichen Weltereignissen werden dann wieder die Rituale angewandt. „Ich ziehe den linken Schuh zuerst an. Wenn ich merke, es war anders rum, dann ziehe ich die Schuhe wieder aus. Ich habe es einmal falsch gemacht und dann ging es schief. Seitdem fühle ich mich darin bestätigt“, erzählt Borutta. Es ist nicht das einzige Ritual. „Ich schaue zuerst auf den Platz raus, bevor ich werfe. Ich markiere mir ein Ziel, wo ich den Hammer hinwerfen will“, schildert die 21-Jährige.
Abitur am Ludwigshafener Böll-Gymnasium
Borutta hat nicht nur sportliche Ziele. Sie gibt sich auch im Privatleben Vorgaben. So liest sie ausschließlich englische Bücher. Sie möchte die Sprache immer weiter verbessern. Sie hatte Englisch als Leistungskurs. Am Heinrich-Böll-Gymnasium in Ludwigshafen hat Borutta ihr Abitur bestanden. „Das Lesen in Englisch kommt mir bei den Interviews zugute. Ich kann da etwas selbstbewusster sein“, sagt sie. Auch mit ihren Großeltern mütterlicherseits unterhält sie sich in Englisch. Denn die leben in Kanada. Auch mit ihrem Bruder könnte sich Samantha Borutta in Englisch unterhalten, tut sie aber nicht. Ihr Bruder ist Fachinformatiker. Da wird alles in Englisch erledigt.
Vorlieben bei der englischen Lektüre hat Samantha Borutta keine – jedoch bei der Anschaffung. „Am Flughafen kaufe ich alles: Fantasy, Science-Fiction, Krimis oder Romanzen“, erzählt Borutta. Die Leidenschaft fürs Lesen hat sie von ihrer Mutter. Sie verschlingt ebenfalls Bücher. „Allerdings lese ich deutsche Bücher“, sagt Anette Borutta, die bei der TSG Mutterstadt eine Leichtathletik-Kindergruppe leitet.
Das Kindertraining nimmt nun eine größere Bedeutung ein. Durch den Wechsel von Samantha Borutta nach Frankfurt bleibt mehr Zeit. Anette Borutta hat mit ihrer Tochter bei Klaus Schaible Hammerwerfen begonnen. „Ich wollte wissen, wie es ist, was auf jemanden zukommt“, erzählt sie.
Jedenfalls haben Peter und Anette Borutta all die Jahre einen hervorragenden Job gemacht. So gut, dass ihre Tochter die beste Hammerwerferin in Europa ist und sogar in Mutterstadter Supermärkten erkannt wird.