Ludwigshafen
Gedenken vor dem Werkstor
65 Zentimeter breit und zehn Zentimeter hoch ist die Messingplatte im Pflaster vor dem Eingang zum BASF-Besucherzentrum am Tor 2. Eine Inschrift erinnert an das Schicksal der 30.000 Zwangsarbeiter – darunter 7000 Kriegsgefangene – die von 1940 bis 1945 in den IG Farben-Werken Ludwigshafen und Oppau beschäftigt waren. Es waren Menschen aus ganz Europa, die zur Arbeit gezwungen wurden. Sie wurden dabei diskriminiert, entrechtet, unterernährt und misshandelt. „Viele verlieren ihr Leben“, ist als letzter Satz in das Metall graviert.
Wie viele Menschen in den sieben Zwangsarbeiterlagern des Chemiekonzerns ihr Leben verloren, steht nicht genau fest. BASF-Unternehmenshistorikerin Susan Becker spricht von über 300 Toten durch Luftangriffe, wie viele Menschen an Auszehrung durch die Schwerstarbeit ihr Leben ließen, lasse sich nicht beziffern. Der Historiker Eginhard Scharf schreibt unter Berufung auf amtliche Sterberegister von insgesamt 1100 ausländischen Arbeitskräften und Kriegsgefangenen, die in Ludwigshafen starben.
Katastrophale Lebensbedingungen
Fest steht: Die Lebensbedingungen für die Zwangsarbeiter bei den IG Farben waren katastrophal. „Für die Menschen bedeutete dies ein Dasein am Rande des physischen Existenzminimums“, sagte Monika Kleinschnitger vom Verein „Ludwigshafen setzt Stolpersteine“ bei der Gedenkveranstaltung am Dienstag. Die 54-Jährige verlegte gemeinsam mit dem BASF-Standortleiter Michael Heinz (57) die „Stolperschwelle“, die vom Künstler Gunter Demnig gestaltet wurde.
295 Stolpersteine sind mittlerweile in Gehsteigen vor Häusern in Ludwigshafen verlegt worden. Es sind kleine Mahnmale, die auf zehn mal zehn Zentimetern Fläche an Frauen, Männer und Kinder erinnern, die Opfer des Nazi-Regimes wurden. Die Steine mit der Metallplatte machen die Opfer und ihr Schicksal wieder sichtbar. Für das Gedenken vor der BASF reichte ein Pflasterstein nicht aus, eine Schwelle soll das Ausmaß der Gewalt zeigen, die 30.000 Menschen an diesem Ort widerfahren ist. Kleinschnitger sprach von einem „firmeneigenen Schreckensregiment“.
NS-Vergangenheit lange ignoriert
Die BASF hat sich mit dieser Vergangenheit jahrzehntelang nicht auseinandergesetzt. Der damalige Werksleiter und spätere Vorstand Carl Wurster wurde im IG Farben-Prozess 1947/48 von den Alliierten freigesprochen. Wursters Verteidigung beschönigte die Zwangsarbeit im Werk. Es habe sich größtenteils um „freiwillige Arbeitskräfte“ gehandelt. Auch nach Wursters Tod 1974 passierte nichts. Wenn sich Opferanwälte meldeten, vertrat der Konzern den Standpunkt, dass die BASF im juristischen Sinne nicht der Rechtsnachfolger der IG Farben war.
In der deutschen Industrie setzte erst in den 1990er-Jahren ein Umdenken ein. Vor dem Hintergrund von Sammelklagen ehemaliger Zwangsarbeiter wurde mit der Bundesregierung ein Entschädigungsfonds geschaffen, der bis 2007 Ansprüche erfüllte. In dieser Zeit wurde das Ludwigshafener Stadtarchiv mit Anfragen der einstigen Arbeiter überhäuft, die nachweisen mussten, dass sie während des Krieges in Ludwigshafen beschäftigt waren, berichtet Stadtarchivar Stefan Mörz.
Spätes Gedenken
Nachdem das Finanzielle geklärt war, begann auch die BASF das Kapitel Zwangsarbeit aufzuarbeiten. Zum Firmenjubiläum 2015 gab es eine Sonderausstellung zum IG Farben-Werk in Auschwitz, in dem 30.000 KZ-Häftlinge starben. Auch die Stadt ließ sich mit dem Gedenken lange Zeit. Im März 2018 veranstaltete Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD) erstmals eine offizielle Veranstaltung auf dem Hauptfriedhof, wo knapp 600 Zwangsarbeiter begraben liegen. Für die OB war es daher am Dienstag mehr als ein Pflichttermin, einen Kranz vor der BASF niederzulegen.
Vor etwa zwei Jahren wurde die Idee für das Gedenken am Werkstor geboren, berichtet Monika Kleinschnitger. „Das war eigentlich unkompliziert. Da hat es bei der BASF einen Bewusstseinswandel gegeben“, sagt die Schulleiterin, die sich für die Grünen engagiert. Es habe sehr lange gedauert, bis der Konzern dieses Kapitel aufgearbeitet und Mitgefühl gezeigt habe. Von den ehemaligen Zwangsarbeitern sei kaum noch jemand am Leben.
Initiative gestartet
BASF-Vorstandsmitglied Michael Heinz erinnerte bei der Gedenkaktion an die „unmenschlichen Arbeitsbedingungen“ der Zwangsarbeiter. Er übernahm gemeinsam mit Betriebsrat Sinischa Horvath (45) die Schirmherrschaft für die Initiative „Gedenken, Nachdenken, Umdenken“, die sich neben der Vergangenheit auch mit der Gegenwart und Zukunft beschäftigen soll. Denn in der deutschen Gesellschaft sei wieder Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und antidemokratisches Verhalten präsent. Die BASF wolle, dass ihre Mitarbeiter dagegen klare Positionen beziehen, erläuterte der Manager. „Wir wollen nicht nur mit der Stolperschwelle ein Zeichen setzen“, sagte Heinz.
Zur Sache: Zwangsarbeit in LU
Über 50.000 Menschen wurden in Ludwigshafen in Lagern festgehalten und mussten die Fabriken am Laufen halten. Die IG Farben (heute BASF) beschäftigte rund 30.000 Zwangsarbeiter. In den Werken in Ludwigshafen und Oppau wurden künstliche Treibstoffe und der Kautschukersatz Buna hergestellt, der für Fahrzeugreifen gebraucht wurde. Bei Halberg wurden Teile für U-Boote produziert, und Giulini fertigte Leichtmetall für den Fahrzeugbau. Die Stadt setzte Zwangsarbeiter ein, um Trümmer wegzuräumen und Bomben zu entschärfen. „Welche Erniedrigung erwartete uns in Ludwigshafen. Als man uns vom Bahnhof ins Lager trieb, begleitete uns eine Schar kleiner Kinder, die uns bespuckten, mit Steinen und Schmutz bewarf. (...) Man hatte ständig Hunger“, erinnerte sich der ehemalige IG-Zwangsarbeiter Nikolai Nikitovitsch.
Kommentar: Überfällig
Das Gedenken an die Zwangsarbeiter ist wichtig, kommt aber zu spät. Die meisten Opfer leben nicht mehr. Umso wichtiger sind Lehren für die Gegenwart.
76 Jahre nach Kriegsende hat der Chemiekonzern BASF ein sichtbares Zeichen gesetzt: Eine „Stolperschwelle“ erinnert vor dem Besucherzentrum an die 30.000 Zwangsarbeiter, die im Krieg hier schuften mussten. Dieses Unrecht wurde jahrzehntelang ignoriert. Stattdessen wurde in Ludwigshafen ein Platz nach Carl Wurster benannt, dem Werkleiter und späteren BASF-Vorstand, der in diesen dunklen Jahren die Verantwortung für den Standort Ludwigshafen trug. Aus heutiger Sicht eine fragwürdige Ehrung.
Bei der BASF ist eine neue Generation an den Schalthebeln, und damit hat endlich ein Bewusstseinswandel eingesetzt. Die NS-Vergangenheit wird aufgearbeitet. Zu lange wurde die eigene Rolle im Vernichtungskrieg eines verbrecherischen Regimes nicht hinterfragt. Die BASF war dabei kein Einzelfall, die Mehrheit der deutschen Industrie verhielt sich beschämend. Entschädigungen flossen sehr spät, nach der Jahrtausendwende, als schon viele Zwangsarbeiter nicht mehr am Leben waren. Zynisch gesagt: Durch das lange Aussitzen wurde Geld gespart. Umso wichtiger ist, dass die BASF nun in der Gegenwart mit der Initiative „Gedenken, Nachdenken, Umdenken“ Position bezieht: für einen demokratischen Staat, gegen Rassismus, Diskriminierung und Antisemitismus. Ein bedeutsames, starkes Signal in diesen Tagen.