Handball
Ein ganz besonderer Co-Trainer
Das Projekt endet in einer Katastrophe. Frank Müller ist gerade von der TSG Friesenheim zum Drittligisten SG Nußloch gewechselt. Es ist das Jahr 2011. Der sechsfache Junioren-Nationalspieler Müller kehrt den Pfälzern den Rücken, weil er dort kaum noch zum Einsatz kommt. Friesenheim hat nämlich den Junioren-Weltmeister Andrej Kogut aus Düsseldorf verpflichtet. In Kogut, Ben Matschke und Frank Müller rangeln drei Akteure um die Position des Spielmachers. Weil Müller zwar ein Mann mit Auge, Spielwitz und viel Ballgefühl, aber auch verletzungsanfällig ist, wird der Vertrag nicht verlängert. Nach drei Jahren endet das Kapitel Müllers in Friesenheim. Ein Kapitel, das im Bundesliga-Aufstieg 2010 den Höhepunkt findet. In Nußloch will Müller seine Klasse beweisen. Er ist noch fit genug, um Handball auf hohem Niveau zu spielen. Schließlich hat Nußloch ambitionierte Ziele. Der Verein will in die Zweite Bundesliga aufsteigen.
Frank Müller wird dazu nicht beitragen können – wie sich später herausstellen wird. Und der Klub wird Jahre später von der Bildfläche verschwinden. Die SG Nußloch wird zahlungsunfähig. Frank Müller verletzt sich in Nußloch schwer am Knie. Ein Knorpelschaden sorgt dafür, dass er nur ein Spiel für die Kurpfälzer bestreitet. Müller aber kämpft. „Mein Ziel war es, wieder zu spielen“, sagt er heute. Das wird nur ein Wunsch bleiben. Müller wird Invalide. Er wird nie mehr Handball spielen können.
Anruf und Angebot von Matschke
Es sind keine einfachen Momente. Doch Frank Müller erfährt viel Unterstützung. Ben Matschke spricht ihm Mut zu. Denn Matschke musste ebenfalls seine Laufbahn vorzeitig beenden. Matschke riss sich zweimal innerhalb eines Jahres das Kreuzband. Matschke sattelt um und wird Trainer. Zunächst beim Drittligisten TV Hochdorf und 2015 bei den Eulen Ludwigshafen. Matschke ruft Frank Müller eines Tages an und fragt ihn, ob er nicht Co-Trainer von ihm werden wolle. „Der Anruf an sich überraschte mich nicht, es war nur der Zeitpunkt“, sagt Müller, „es war aber die beste Entscheidung, die ich treffen konnte.“
So wird Frank Müller 2016 Co-Trainer von Ben Matschke. Es ist sozusagen die Geburtsstunde eines Traumduos. Beide verstehen sich blendend. Es entwickelt sich eine enge Freundschaft. Nach jedem letzten Saisonspiel jettet das Duo noch in der Nacht nach Mallorca. Dort kommen sie runter von dem ganzen Stress. Dort schaffen sie es, schnell Abstand zu den nervenaufreibenden Monaten zu gewinnen. Müller und Matschke reden, reden und reden. Es ist immer nur ein Kurztrip. Nach einem Tag oder zwei Tagen fliegen sie wieder zurück – erleichtert und fokussiert auf ihren Beruf. „Frank ist mehr als nur meine rechte Hand. Er hat eine andere Denkweise. Er sieht das Spiel anders. Er ist sehr wertvoll für mich. Er gibt mir viel Substanz“, huldigt Matschke seinen Assistenten, den er seit 2007 kennt.
Die Zusammenarbeit ist von Vertrauen geprägt. „Frank ist kein Ja-Sager“, schätzt Matschke das Rückgrat und die Offenheit Müllers. Die Ehrlichkeit kann aber auch manchmal schmerzhaft sein. „Ich sage Ben ab und an auch das, was er nicht hören will“, betont der 34 Jahre alte Müller.
Müller bleibt bei den Eulen
Im Juni werden sich die Wege jedoch trennen. Matschke wird Cheftrainer bei der HSG Wetzlar. „Unter Freunden haben wir darüber gesprochen, ob ich mir vorstellen könnte, Co-Trainer in Wetzlar zu werden“, gibt Müller zu. Aber Müller lehnt ab. Er hat eine Familie, seine Tochter Ella wird im Mai vier Jahre alt. Müller hat einen guten Beruf. Er arbeitet an der SRH in Heidelberg. Dort leitet er das Prüfungsamt in der Wirtschaftsfakultät. Müller verwaltet Klausuren, Noten und Abschlussarbeiten von 700 Studierenden. Viele Jahre übte er den Beruf mit seinem Bruder aus, doch der übernahm vor Jahren an der SRH eine andere Stelle. Das alles müsste er aufgeben. Das will er nicht.
Vielmehr plant er seine Zukunft. Die sieht vor, dass Müller auch kommende Saison Co-Trainer bei den Eulen bleibt. „Mein Vertrag endet im Juni, aber wir sind in sehr guten Gesprächen. Ich denke, dass es bald Positives zu hören gibt“, verrät Müller, der den Trainer-B-Schein hat. Diesen Schritt hat Müller genau durchdacht. Müller ist nämlich ein bodenständiger, gut organisierter, intelligenter, reflektierter Mensch. Er hat auch Anfragen, einen Drittligisten als Cheftrainer zu übernehmen. Die lehnt er aber ab. „Der Mehrwert, mit Ben zusammenzuarbeiten, ist größer. Auch der Mehrwert mit unserem neuen Trainer Ceven Klatt ist größer, als jetzt einen Drittligisten zu übernehmen“, sagt Müller. Deshalb wird Müller auch dem künftigen Eulen-Trainer Ceven Klatt als Co-Trainer zur Seite stehen – oder auch mehr als nur das. Allerdings betont Müller, dass er eines Tages Cheftrainer werden will. „Die Ambitionen sind da, nur kenne ich das Zeitfenster nicht, wann das sein wird“, sagt er. Jedenfalls baut er in den kommenden Jahren in Östringen ein Haus. Sein Lebensmittelpunkt wird die Rhein-Neckar-Region bleiben. Derzeit stimmt alles. Müller ist zwei bis dreimal in der Woche im Training. Die Balance zwischen Beruf, Familie und Co-Trainer-Amt stimmt.
Und da wäre ja auch noch das vertraute Umfeld bei den Eulen. Teammanager Philipp Grimm ist – wie Matschke – ein enger Freund von Frank Müller. Grimm, Müller, Geschäftsführerin Lisa Heßler haben den neuen Trainer ausgesucht. Mit Ceven Klatt stellt das Quartett den Kader für die kommende Saison zusammen. Frank Müller ist mehr als nur ein Co-Trainer bei den Eulen.
Überzeugt vom Ligaverbleib
Das aber kostet Kraft, Disziplin, gute Organisation und eine verständnisvolle Familie. Denn Müller ist häufig mit der Mannschaft unterwegs. Er ist bei den Auswärtsfahrten immer dabei. „Ich bin froh, dass mich mein Arbeitgeber, die SRH, da so unterstützt“, sagt Müller. Denn die Eulen reisen in der Regel einen Tag vor dem Spiel an. Am Mittwoch nun geht es nach Hannover. Die Eulen spielen bei der TSG Hannover-Burgdorf (Donnerstag, 19 Uhr). Die Niedersachsen liegen den Eulen. Doch nach der 24:25-Niederlage am Sonntag gegen Lemgo muss das Trainerduo die Mannschaft aufrichten. Ein umstrittener Siebenmeter 40 Sekunden vor Spielende sorgte für viel Diskussionen. „Die Schiedsrichter hatten keine klare Linie im Spiel und bei manchen Entscheidungen nicht das Regelwerk beachtet “, bemängelt Müller.
Dennoch ist er davon überzeugt, dass die Eulen auch diese Saison den Ligaverbleib schaffen. Diese Vorhaben endeten in den vergangenen Jahren nicht in einer Katastrophe…