Ludwigshafen
Die Staatsphilharmonie spielt Strauss in der Friedenskirche
Die „Metamorphosen“ sind Endzeitmusik, 1945 geschrieben von einem zutiefst deprimierten Komponisten. Dass das Ende der deutschen (Hoch-)Kultur gekommen sei, war seine tiefe Überzeugung. Die heißgeliebten Opernhäuser von Wien, Dresden, Berlin und München, Orte seiner großen musikalischen Triumphe, lagen in Schutt und Asche, so viele Menschen waren sinnlos gestorben. Dass es mit der Kultur dann doch weiterging, konnte er nicht mehr erleben. Richard Strauss starb 1949, im Alter von 85 Jahren.
Schade nur, dass Kontrabassist Wolfgang Güntner, der die Andacht mit einem Solo des auf dieses Instrument spezialisierten finnischen Komponisten Teppo Hauta-Aho eingeleitet hatte, diesen zeitgeschichtlichen Hintergrund in seiner kurzen Werkeinführung beiseite ließ. Er wäre eine wunderbare Ergänzung zu Helmuth Morgenthalers an der biblischen Verheißung und drei Bildern von Regina Reim festgemachten Impuls zum Thema Verwandlung gewesen. Gott, so sein Fazit, lässt es niemals mit der Veränderung zum Schlechten bewenden, wozu die im ersten Buch Mose, Kapitel 2 und 3 erzählte Geschichte vom Paradies in Eden, von Sündenfall und Vertreibung als klassisches Beispiel dienten. Mit der Erkenntnis von Gut und Böse kamen Mühsal und Tod in die Welt, aber auch die Hoffnung des Christen, von Gott nicht verlassen zu sein. Stimmig der Bezug auf die drei Reim'schen Bilder, in denen das intakte Paradies, das zerbrechende und das in Scherben gefallene in zunehmend sich verdüsternden Malstrudeln visualisiert sind.
Eine verblüffende Renaissance
Dann Richard Strauss. Seine „Metamorphosen“ wurden von den Orchestern lange als undankbar und spröde eher gemieden. Dank den coronabedingten Einschränkungen für die fast stillgelegten Musiker erleben sie jedoch derzeit eine verblüffende Renaissance. Im Original sind sie mit 23 Solostreichern besetzt, die sich über eine komplizierte Partitur freuen dürfen. Erst 1990 wurde eine Fassung für Streichseptett entdeckt, welche die Staatsphilharmonie jetzt darbot.
Also 23 oder sieben Streicher? Es macht schon einen Unterschied. Auch, dass die von dem Cellisten Rudolf Leopold erarbeitete Septett-Fassung eigentlich eine Rekonstruktion nach einem notierten Entwurf, einem sogenannten Particell, ist. Aber sie klingt gut, fast noch dunkler als das abwiegelnd als „Studie“ bezeichnete Original. Hier wie dort ein ewiges Strömen, Klingen und Fließen, in dem kein Motiv zweimal vorkommt, bis sich am Ende das Rätsel in dem berühmten, vom Kontrabass pianissimo gespielten Zitat des Trauermarsch-Themas aus Beethovens „Eroica“ löst.
Vorzügliche Interpreten
Yi-Qiong Pan und Konstantin Bosch (Violinen), Barbara Giepner und Stella Sykora-Nawri (Viola), Rut Bántay und Ana Camón Botella (Violoncello) sowie Wolfgang Güntner (Kontrabass) erwiesen sich als vorzügliche Interpreten der kniffligen Partitur. Man spielte, als hätte man nie etwas anderes gespielt als diesen so anderen als den gewohnten Strauss. Alles war klanglich perfekt austariert, hatte die Details wie das große Ganze fest im Blick: die reine Freude.
Das kam an, der Applaus war mehr als herzlich. Wer sich die Andacht in dem vom Zonta-Club Ludwigshafen gesponserten Livestream in sein Wohnzimmer geholt hatte, durfte sich über einen bemerkenswerten Abend freuen.