Die Strassen von Lu (7)
Die beiden schmalsten Straßen der Stadt sind in Edigheim
Beim Spaziergang durch die Straßen an diesem ruhigen Samstagmorgen hat man als Nicht-Edigheimer das Gefühl, durch ein Maislabyrinth zu laufen. Es scheint unzählige Irrwege zu geben und irgendwie sieht alles gleich aus – zumindest auf den ersten Blick. Versetzt gebaute Einfamilienhäuser und Reihenhäuser – meist gepflegt, idyllisch, manchmal etwas spießig anmutend, teilweise sehr schön modernisiert, ein ums andere Mal in die Jahre gekommen und renovierungsbedürftig.
Irgendwann findet man aus dem vermeintlichen Labyrinth wieder heraus und ist wahrhaft glücklich darüber. Beim Betrachten des Stadtplans allerdings wird schnell klar: Die Bannwasser- und die Rheinrugenstraße sind kein Labyrinth, sondern grätenartig angelegt, gleichen einem Fischskelett. Ein Zufall? Zwei Hauptgräten mit jeweils mehreren kleineren Gräten, den Anliegerstraßen, erinnern an die Historie des Stadtteils, die eng verbunden ist mit der Fischerei. Ihren Lebensunterhalt verdienen die Edigheimer heute nicht mehr damit, aber in den zahlreichen Angelvereinen der Stadt frönen sie ihrem Hobby und sind auf der Jagd nach Hecht, Karpfen, Barsch und Co.
Zwischen 1959 und 1965 gebaut
Auf der Karte kurz nach dem Zweiten Weltkrieg findet man allerdings weder die Bannwasser- noch die Rheinrugenstraße. Logisch, denn das Viertel gab es noch nicht. Weil die BASF expandieren wollte und die Rheinsiedlung in Oppau aufgelöst werden sollte, suchte das Unternehmen nach einer Alternative und wurde fündig: im Norden Edigheims. „Die Bau- und Planungszeit fiel auf den Zeitraum zwischen 1959 und 1965. Verantwortlich für den Bau war die GEWOGE (Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft für Werkangehörige, Anmerkung der Red.)“, erinnert sich Udo Scheuermann, der frühere SPD-Ortsvorsteher von Oppau, Edigheim und der Pfingstweide. Er kennt wie kein anderer „seinen“ Stadtteil.
Es war wahrhaft ein Großprojekt mit zwei 21-stöckigen Hochhäusern, drei achtgeschossigen Bauten und 200 Eigenheimen. In dieser Zeit entstand das neue Viertel – vornehmlich für die Werksarbeiter –, dessen Straßennamen an die Vergangenheit des Stadtteils, für den der Rhein solch immense Bedeutung hatte, erinnern. Neben der Bannwasser- und Rheinrugenstraße sind dies beispielsweise die Angler-, Rheingrafen-, Reusen- oder Salmenstraße.
Edigheim (althochdeutsch Otincheim), so verrät die Chronik zum 1225. Geburtstag des Dorfes, befand sich zunächst rechtsrheinisch. Aber der launische Rhein, der immer wieder auch über die Ufer trat und für Unheil verantwortlich war, sorgte im 9. Jahrhundert dafür, dass Edigheim fortan links des Flusses lag. Als Landwirte und vor allem auch als Fischer verdienten die Bürger ihren Lebensunterhalt. Doch das war gar nicht mal so einfach, denn die damaligen Ortsherren – die Pfalzgrafen oder Kurfürsten – erklärten viele Gewässer zum Bannwasser, daher auch der Straßenname. In jenen Gewässern zu angeln beziehungsweise zu fischen, war nicht jedem Bürger der Gemeinde erlaubt und wurde mit empfindlichen Strafen belegt. Und wer eine Genehmigung erhielt, musste tief in die Tasche greifen, sprich hohe Pachtgelder zahlen, selbst dann, wenn keine Beute gefangen wurde, weil beispielsweise die Strömung zu stark war.
Schwarzfischer im Bannwasser
Organisiert waren die Fischer in sogenannten Zünften, die auch in anderen Handwerksberufen, etwa bei Schuhmachern, Metzgern, Webern bis ins 19. Jahrhundert existierten und in der Schweiz teilweise bis heute bestehen. Die Zünfte prüften die Einhaltung der Gesetze. Die Bezeichnung Bannwasser tauchte erstmals im Mittelhochdeutschen auf. Viel ließ sich mit der Fischerei tatsächlich nicht verdienen. „So klagte ein Mann, dass er seine Kleidungsstücke versetzen musste, um die ,Wiederherstellung’ und ,Wiedererlangung’ der Fischgründe betreiben zu können“, heißt es in der Festschrift „1225 Jahre Edigheim – 772-1997“ der Arbeitsgemeinschaft Edigheimer Vereine. Dennoch gab es wohl etliche Schwarzfischer, die sich vermutlich auch aus der blanken Not heraus über das Gesetz hinwegsetzten. Wenn dies geschah, Verträge verletzt wurden oder wenn es zu Streitigkeiten unter den Fischern kam, schritt das Fischergericht, die Rheinruge, ein. Auch die Verpachtung war ihre Aufgabe. Die Rheinruge tagte einmal im Jahr unter Vorsitz der Rheingrafen und urteilte.
Übrigens: Noch heute ist die Fischerei in Deutschland streng geregelt. Neben einem gültigen Fischereischein, für den im Vorfeld eine Prüfung abzulegen ist, muss für alle Binnengewässer ein zusätzlicher Erlaubnisschein erworben werden. Dieser wird vom jeweiligen Pächter des Fischereirechts des Gewässers ausgegeben. Um in der Bannwasser- oder Rheinrugenstraße zu wohnen, braucht es allerdings weder einen Fischerei- noch einen Erlaubnisschein.
Die Serie
Mehr als 1000 Straßen gibt es in Ludwigshafen. Sie alle haben ihre Geschichte und ihre Geschichten. Wir haben einige von ihnen besucht und uns mit den Menschen dort unterhalten: über ihre Straße.
Der erste Teil der Serie beschäftigte sich mit der Hauptstraße in Rheingönheim, der längsten Straße Ludwigshafens. Im zweiten Teil ging es um die Wollstraße – die Straße mit der höchsten Hausnummer. Danach waren wir auf dem Heuweg, in der Bayreuther Straße und der Friedrich-von-Bodelschwingh-Straße unterwegs. Zuletzt ging es um die breiteste Straße in der Stadt: den Schänzeldamm.