Clubkultur
Der Mannheimer DJ Ray Okpara erfindet sich in der Pandemie neu
„Zwölf Auftritte im Monat, jedes Wochenende woanders. Ich bin durch die ganze Weltgeschichte geflogen. Das war normal, ich habe voll davon gelebt. Natürlich hat die Pandemie einen Rieseneffekt auf mich gehabt“, sagt Ray Okpara. Die Zeit für Entschleunigung, die vielen Stunden, die er nun mit seinem Sohn verbringen kann, habe er aber nun durchaus als anregend erlebt. Auch zur Gitarre greift der Discjockey inzwischen häufiger.
Vor Corona tourte er unter anderem durch Osteuropa, im März 2020 sollte eine Mittelamerika-Tournee mit Auftritten in Guatemala und El Salvador starten. „Daraus wird wohl nichts mehr, zumindest in dem Ausmaß“, sagt er lachend über die Aussichten, diese Auftritte nachholen zu können. Seit Anfang der 2000er ist er hauptberuflich als DJ und House-Produzent aktiv. Seine Musik geht nach vorne, Okpara spielt und kreiert gut gelaunten, oft mit Vocal-Samples untermalten, souligen House.
Von der Bühne ins Museum
„Ich bin jetzt auch schon über 40 Jahre alt, habe genug Spaß gehabt, viele Partys erlebt“, gesteht er. Beim Leben aus dem (Platten-)-Koffer bleibt auch vieles auf der Strecke. Schon vor dem plötzlichen Lockdown sei der Gedanke gereift, das DJ-Leben etwas runterzupitchen, um mehr Zeit mit seinem Sohn zu verbringen. „Denn diese Zeit kommt nicht wieder“, weiß er. Der weltweit gebuchte House-Künstler – er ist bei der britischen Agentur Suena Hermosa unter Vertrag – bewarb sich dann auf „normale“ Jobs. Und wurde in einem Museum fündig. „Dann wurde ich zum zweiten Mal vom Lockdown erwischt, konnte aber in Kurzarbeit gehen“, sagt Okpara. Das war als Vollblut-DJ anders. „Zum Glück habe ich immer brav meine Steuern bezahlt und konnte staatliche Hilfen beantragen“, verrät er.
Dennoch wunderte und sorgte sich sein 2020 fünfjähriger Sohn, warum Papa jetzt so viel zu Hause ist, woher nun das Geld kommen solle und fragte, warum er überhaupt Musiker wurde. „Lass das mal meine Sorge sein, ich bin Lebenskünstler“, antwortete der Vater, der im bürgerlichen Leben Rainer heißt. „Ich konnte mich in Momenten, auf die ich keinen Einfluss habe, schon immer ganz gut aufstellen“, betont er. Tatsächlich ist es nicht das erste Mal, dass sich Okpara in einer neuen Situation zurechtfinden muss.
Frühe Rassismus-Erfahrungen
Geboren ist er 1978 in Gelsenkirchen, als Zweijähriger wächst er in Nigeria in einer Kleinstadt auf. „Mein Vater war Chefarzt, in meinen Augen war alles Sonnenschein und Natur“, erinnert er sich. Aber es gibt auch politische Unruhen und eine instabile wirtschaftliche Lage. Als Neunjähriger kommt er nach Heddesheim, ist überwältigt von Farbfernseher, einem ständig laufenden Kühlschrank und fließend Wasser. In Deutschland erfährt er aber auch zum ersten Mal, was Rassismus bedeutet. „Gleich am ersten Tag in der Schule gab es Beleidigungen, das musste ich erstmal verarbeiten.“
In größeren Städten fühlt er sich wohler. Die Familie zieht nach Oggersheim, dann lebt Okpara im Jungbusch. In den Mannheimer Clubs und in der Walzmühle in Ludwigshafen kommt er in den 1990ern mit elektronischer Musik in Berührung. Dank seines Kumpels und DJs Johnny D. versucht er sich eher zufällig an den Turntables. Und findet Gefallen daran. Unter anderem im Loft wird er Resident-DJ. Zweimal zieht es ihn danach nach Berlin, beide Mal aber kehrt er wieder in seine Heimat Mannheim zurück.
Mehr nach Plan produzieren
Im Sommer 2021 hat er am Hafenstrand seinen ersten Gig seit Langem. „Das war willenlos, man fühlt, was einem gefehlt hat.“ Und doch ist der Antrieb nun ein anderer, hat er sich inzwischen daran gewöhnt, nicht mehr an vorderster Party-Front zu stehen. „Die Natur hat das gut gemacht. Ich muss nicht mehr überall dabei sein und spüre, dass ich jetzt woanders mehr gebraucht werde“, erklärt er. Natürlich gibt es auch Stunden, in denen er das Clubleben vermisst. „Es fehlt etwas in der Seele, das Interagieren mit anderen Menschen. Aber ich schaffe es, das Gute dabei zu finden und glücklich zu sein.“
Die Kopfhörer hat Okpara ohnehin nicht ganz abgelegt. „DJ werde ich wohl immer bleiben. Ich habe mir vor allem in Lateinamerika eine Connection aufgebaut und freue mich darauf, dass wieder einmal nutzen zu können.“ Statt in die Plattenkiste greift der 43-Jährige nun häufiger zur Gitarre und produziert eigene Tracks. In diesem oder nächstem Jahr solle ein Album erscheinen. „Ich habe also weiterhin viel Musik im Ohr“, erklärt er, doch auch beim Basteln der Beats habe sich etwas gewandelt. „Früher war ich intuitiver, heute produziere ich mehr nach Plan.“ Und das gilt in der Musik wie im Leben.