Quintessenz RHEINPFALZ Plus Artikel Das Parfüm der Stadt

Die BASF hat ihren eigenen Geruch.
Die BASF hat ihren eigenen Geruch.

Wenn Helmut Kohl aus der Hauptstadt mit dem Hubschrauber nach Hause flog, tat der Kanzler beim Aussteigen einen Atemzug und sagte: „Ich bin wieder daheim.“ Die Anekdote erzählte er in einem Interview mit der Lokalredaktion, in dem es um Heimat ging. Ludwigshafen hat seinen eigenen Duft.

Die Stadt der Chemie riecht aber nicht an allen Ecken und Enden gleich. Die BASF hat ihr eigenes Aroma, das besonders bei einer Inversionswetterlage für die Anwohner zu erschnuppern ist. Es riecht nach Chemie. Innerhalb des Werks lassen sich verschiedene Stoffe erschnüffeln. Außerhalb der Werksgrenze ergibt sich aus der Mischung ein bestimmter Geruch. Nun bin ich kein Chemiker und kann daher nicht sagen, was einem genau da in die Nase fährt. Aber es riecht anders als bei der Chemiefirma Raschig in Süd. Deren Ausdünstungen sind strenger. In der Mundenheimer Straße ist zudem manchmal ein penetranter Geruch nach verbranntem Toast wahrzunehmen.

Vielleicht sollte man mal die Experten in der Anilin fragen, die dort künstliche Aromen herstellen, zum Beispiel Lavendel- oder Zitronenduft für Reinigungsmittel. Dort gibt es Menschen, die mit ihrer guten Nase Geld verdienen. Denn die Aromen lassen sich zwar problemlos im Labor künstlich herstellen, aber ein Mensch muss am Ende noch die Qualitätskontrolle machen.

Wenn der Wind für die Ludwigshafener ungünstig steht, weht auch aus Mannheim ein bestimmter Geruch über den Rhein. Es riecht so, als habe man Kakaopulver geschnupft. Den Urheber kennt in diesem Fall jeder Einheimische: Die Firma Schokinag, die weiterverarbeitende Schokoladen für Industrie und Handwerk produziert. Diesen süßlichen Duft bekommt man nur wieder schwer aus dem Sinn, und er macht alles andere als Appetit auf Schokolade.

In den Stadtteilen, die von Feldern umgeben sind, riecht’s jahreszeitbedingt mal nach Lauch, Zwiebeln oder Jauche. Aber auch in der Innenstadt entwickelt sich ein bestimmter Geruch, wenn im Sommer brütende Hitze über der City liegt, als ob nicht nur die Menschen, sondern auch die Stadt schwitzen würde.

„Fabrikschmutz, den man gezwungen hatte, Stadt zu werden“, schrieb der Philosoph Ernst Bloch über seine Heimstadt Ludwigshafen, die er auch eine „Seestadt auf dem Lande“ nannte. Ich glaube, er hat beides als Kompliment gemeint. Er wuchs in einer Stadt auf, die rund um einen durch einen Deichbruch geschaffenen Hafen, einen Bahnhof und einen Handelsposten entstand. Eine Stadt, die dank der chemischen Industrie wuchs, sich die umliegenden Bauern- und Fischerdörfer einverleibte. Eine Stadt, die in diesem Jahr erst 170 Jahre alt wird. Eine Stadt, die sich immer wieder neu erfunden hat und aus den Trümmern des Kriegs wieder auferstanden ist. Eine rohe Stadt, keine Schönheit.

Zu Blochs Jugendzeiten Ende des 19. Jahrhunderts roch es in Ludwigshafen noch viel strenger als heute. Was geblieben ist: Besuchern der Stadt fährt der Geruch stärker in die Nase als den Bewohnern. Alles Gewöhnungssache. Meine Frau, die beste Ehefrau von allen, die mir zuliebe in diese Stadt gezogen ist, kann mittlerweile problemlos sagen, wer gerade olfaktorisch bei den Emissionen die Nase vorne hat – im Klartext: was gerade stinkt.

Vielleicht könnte man die Stadt mit einem Straßenköter vergleichen, nicht so hübsch, aber mit Charakter. Um es mit dem deutsch-türkischen Blogger Tarik Özbay zu sagen: „Hunde stinken nicht, sie haben nur ihr eigenes Parfüm.“ Das passt irgendwie auch zu Ludwigshafen, oder?

Die Kolumne

Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.

Michael Schmid
Michael Schmid
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