Kriegsgeschichten RHEINPFALZ Plus Artikel Bombennächte nie vergessen

Ein britischer Halifax-Bomer. Ludwigshafen erlebte 124 Luftangriffe.
Ein britischer Halifax-Bomer. Ludwigshafen erlebte 124 Luftangriffe.
Glücklichere Tage: Familie Fischer bei einem Treffen 1964.
Glücklichere Tage: Familie Fischer bei einem Treffen 1964.
Günter und Christa Fischer heute.
Günter und Christa Fischer heute.
Blick ins Familienalbum: der kleine Günter.
Blick ins Familienalbum: der kleine Günter.

Günter Fischer erlebte den Zweiten Weltkrieg als kleiner Junge. Jahrzehntelang lebte er mit seiner Familie in Oppau, ohne zu wissen, dass im hauseigenen Garten eine Weltkriegsbombe lag.

Die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg haben sich in seinem Gedächtnis eingebrannt. Günter Fischer, 1938 in Ludwigshafen geboren, ist als sogenanntes Kriegskind aufgewachsen. Wenn die Luftschutzsirenen in Friesenheim losheulten, musste die Familie – Günter, seine beiden Geschwister, die Oma und die Mutter – so schnell wie möglich in den ein Kilometer entfernten Bunker flüchten. Ab 1943 verging kaum eine Nacht, in der sie dort nicht Schutz suchten.

„Und wenn es nicht ganz reichte, blieben wir im Keller des Hauses“, erzählt Fischer von den dramatischen Momenten, als die Bomben auf die Stadt niederprasselten und ein Trümmerfeld hinterließen. 124 Luftangriffe flogen Briten und Amerikaner auf Ludwigshafen. Wegen ihrer kriegswichtigen Industrie gehörte Ludwigshafen zu den am meisten bombardierten Städten.

Vater nie kennengelernt

Seinen Vater hat der 83-Jährige nie gesehen, „zumindest was mir als bewusstes Erlebnis im Gedächtnis geblieben wäre“. Er kam bei einem Truppentransport nach Afrika ums Leben. Die Mutter war fortan Witwe und musste sich mit drei Kleinkindern durchschlagen. Als die Situation in Ludwigshafen immer gefährlicher wurde, fand die Familie eine vorübergehende Bleibe im westpfälzischen Dittweiler. „Dort kam ich auch zur Schule – unter kriegsbedingten Verhältnissen – vier Klassen in einem Raum“, berichtet Fischer, der mittlerweile mit seiner Frau in Dannstadt-Schauernheim lebt.

Es sind diese einzelnen Momente, die er niemals vergessen wird: Als die Amerikaner nach Dittweiler kamen, sich die Dorfbewohner an einer Mauer aufstellen mussten und alle Wohnungen durchsucht wurden, um vielleicht noch einen flüchtigen Soldaten zu finden. „Wir lebten dort von der Hand in den Mund“, sagt Fischer. Die Familienmitglieder halfen den Bauern auf den Feldern. In einem kleinen Garten bauten sie das Nötigste an, um zusätzlich zu den Lebensmittelkarten noch etwas zu essen zu haben.

Rückkehr nach Friesenheim

Nach zwei Jahren kehrten die Fischers 1946 in ihre Heimatstadt zurück, wohnten zunächst im Stadtteil Nord und halfen parallel der Tante beim Wiederaufbau ihres Hauses in Friesenheim. Fischer war damals acht Jahre alt, also ein kleiner Junge und half dennoch tatkräftig mit. „Nebenbei“ verbrachte er noch die letzten zwei Jahre auf der Grundschule. „Ab und an gab es Hilfsaktionen der Amis, obwohl wir in der französischen Besatzungszone lebten“, erinnert sich der 83-Jährige. Ein Jahr dauerte es, ehe die Familie in das wiederaufgebaute Haus der Tante einziehen konnte. Allerdings glich die Unterkunft teilweise einem Provisorium. „Es war alles andere als komplett wieder aufgebaut. Der Keller stand zum Beispiel einige Male unter Wasser, weil der Abfluss in den Kanal defekt war.“

Den Kopf in den Sand zu stecken, das kam trotz der schwierigen Situation für die Fischers überhaupt nicht in Frage. „Die Nachkriegsjahre waren erfüllt von Ideen, um das Notwendigste zum Essen zu bekommen“, erzählt der gebürtige Ludwigshafener. Die Oma kümmerte sich um die Erziehung der drei Fischer-Sprößlinge, während die Mutter berufstätig war. Die Rente der Großmutter und das bescheidene Gehalt der Mutter halfen der Familie, über die Runden zu kommen.

Lebensmittel organisiert

Und dann gab es ja noch die sogenannten Fuggertouren nach Meckenheim. Mit dem „Feurigen Elias“, einer Lokalbahn mit Dampflokomotive, fuhren die Fischers nach Meckenheim, um Teile aus ihrem Hab und Gut, wie Porzellan, Gläser oder Kleidungsstücke, gegen Lebensmittel einzutauschen. Nur so sei es einigermaßen möglich gewesen, die hungrigen Kindermäuler zu stopfen, sagt der Zeitzeuge.

Ab 1948 besuchte Fischer das heutige Max-Planck-Gymnasium in Ludwigshafen, machte dort neun Jahre später sein Abitur. Nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann und einem Jahr bei der Bundeswehr studierte er in Heidelberg, Leeds und Grenoble Anglistik und Romanistik, kehrte nach dem Abschluss des Studiums als Lehrer dorthin zurück, wo er einst die Reifeprüfung abgelegt hatte: ans Max-Planck-Gymnasium. Später unterrichtete er am Humboldt-Gymnasium in Edigheim.

Kriegsrelikt entdeckt

Bis 1975 wohnten Günter Fischer und seine Frau Christa in Oppau. Nach dem Tod von Christa Fischers Eltern wurde das Haus an einen Neffen überschrieben. Als das Gebäude samt Garten 1999 komplett renoviert wurde, traf es die Fischers wie ein Schlag, denn während der Arbeiten wurde eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg freigelegt. Zwar wohnten sie schon einige Zeit nicht mehr dort, aber ihnen wurde in diesem Moment bewusst, dass sie lange Jahre auf einer Bombe gelebt hatten. Der Krieg und seine Folgen.

Die Serie

Der Zweite Weltkrieg endete vor 75 Jahren. Er hat das Leben vieler Menschen verändert und bis heute geprägt. In dieser Serie lassen wir Zeitzeugen aus der Region zu Wort kommen. Zuschriften an die E-Mail-Adresse redlud@rheinpfalz.de.
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