Mannheim
Bei der Time Warp sprengen die Techno-Jünger alle Fesseln
20.000 Besucher, 19 Stunden Musik auf sechs Floors und über 40 DJs, die das Maimarktgelände in der Nacht von Samstag auf Sonntag bis weit nach Morgengrauen zum Beben brachten: Erstmals seit 2019 konnte die Time Warp nach coronabedingten Absagen und kleineren Ausgaben wieder in voller Größe stattfinden. Der erste Mega-Rave nach der Pandemie auf Mannheimer Boden zeigt: Die Techno-Szene ist optisch nicht mehr so bunt wie früher, dafür aber sehr international geworden.
Es ist kurz vor Mitternacht: Von Weitem schon sind die Bässe zu hören, am Maimarktgelände rauschen beinahe im Minutentakt die Taxis an. Die meisten Partygäste aus der Ferne übernachten in Hotels. Wenn sie überhaupt schlafen. Und auch die Autokennzeichen verraten es: Techno-Jünger von München bis Hamburg, aus Tschechien, Belgien, der Schweiz oder Frankreich pilgern an diesem Wochenende zur Time Warp, die mit House- und Electrogrößen glänzen kann: Sven Väth, Richie Hawtin oder Ricardo Villalobos, die bereits seit den späten 1980ern hinter den DJ-Pults von Clubs und Diskotheken stehen – und ein Musikgenre maßgebend mitprägten.
Was ist bei einem Rave so reizvoll?
Samuel Capelli war da noch nicht annähernd geboren. Der 23-jährige Ravensburger ist selbst DJ, spielte schon auf Festivals in Ibiza oder der Streetparade in Zürich und genießt es nun, erstmals auf der Time Warp zu sein, die für Techno-Kenner auch eine Art Musikmesse ist. „Ich wollte schon seit Jahren zur Time Warp, Corona kam dazwischen“, sagt er lachend, als er gerade beim Set von Sonja Moonear von der Tanzfläche kommt. Was am großen Rave so reizvoll ist? „Die Vielfalt! Im Club verbringt man den ganzen Abend auf einem Floor, hier gibt es so viel Auswahl, man kann sich treiben und überraschen lassen. Aber es ist nicht nur die Musik, es sind die Leute, die Situation, die Vibes. Man ist überall willkommen“, sagt er.
Rein optisch würde man Capelli wohl eher der Metal- oder Gothic-Szene zuordnen: ganz in schwarz gekleidet, dichter Bart, fast wie ein Wikinger. Während Techno in den 90er-Jahren vom Kleidungsstil schrill, leuchtend und exzentrisch war, ist nun Schwarz das neue Bunt. Die meisten Besucher sind dressed in black, Hedonismus, Körperkult und ein bisschen Fetisch aber sind geblieben. Kettenhemd und Leder sieht man selten, dafür durchtrainierte, oberkörperfreie Muskelprotze, die aussehen, als seien sie einem Marvel-Comic entsprungen und hätten die gesamte Pandemie unter der Hantelbank verbracht. Gleich daneben tanzt ein schlaksiger, langhaariger Jesus. Manchmal tritt man sich im Gedränge auf die Füße. Dann wird gelacht, sich kurz umarmt und weitergetanzt.
Italienisch trifft Schwäbisch
Techno gilt als stumme Musik. Mit den Leuten aber kommt man schnell ins Gespräch. Draußen vermischt sich Italienisch mit Schwäbisch. Drinnen brechen die Beats und Bässe wie Laserschwerter und Wellen auf einen ein. Jeder Floor ist in andere Farben und Stimmungen getaucht. Eisblaue Wabenmuster leuchten im Takt von der Decke, violette Riesenwürmer scheinen durch den Raum zu schweben. „Wahnsinn, das habe ich so noch nie gesehen“, sagt eine erst seit ein paar Jahren in Deutschland lebende Brasilianerin, die auf den ersten Höhepunkt einer endlos langen Nacht wartet.
Sven Väth spielt beim Mannheimer Festival gerne den Schlussakkord, meist ein Fünf-Stunden-Set von 5 bis 10 Uhr. Diesmal legt der inzwischen 58-jährige Techno-Papa „nur“ von 1 bis 3 Uhr auf. Langsam, gemächlich entfaltet er einen futuristischen Roboter-Sound, lässt dramatische Blubberbläschen in der modernen Kathedrale aufsteigen, erzählt mit seinen wie aus einer anderen Welt stammenden Klängen eine Geschichte und greift im Gegensatz zu vielen jungen DJs noch zu echtem Vinyl, setzt auf Schallplatte statt auf Tracks aus der digitalen Kiste.
Auch die Techno-Szene ist Social-Media-Trends unterworfen. „Manche Leute ziehen sich genauso an, wie sie es auf Tiktok sehen und ahmen auch Tanzstile nach. Aber das hier, das ist noch alte Schule. Nicht jeder hält sein Handy hoch, um den Moment festzuhalten. Vielmehr sind die Leute da, um den Moment zu genießen“, schwärmt Benedikt Huber, DJ-Kollege von Capellis. Dann zieht auch der 26-Jährige wieder weiter. Die Nacht ist noch jung, die Fesseln des Alltags wollen gesprengt werden, bis um 10 Uhr am Morgen gibt es noch so viel zu hören und zu erleben.