Landau RHEINPFALZ Plus Artikel „Wir arbeiten am Limit“

Dietmar Seefeldt auf einem Archivfoto. Das Gespräch in der Kreisverwaltung fand unter Corona-Bedingungen mit Mund-Nasen-Schutz u
Dietmar Seefeldt auf einem Archivfoto. Das Gespräch in der Kreisverwaltung fand unter Corona-Bedingungen mit Mund-Nasen-Schutz und Plexiglas-Trennscheiben statt

Interview: Corona-Alarmstufe Rot: SÜW-Landrat Dietmar Seefeldt über Aluhüte und die Rolle von Vernunft und Eigenverantwortung der Bürger im Kampf gegen das Virus. Und über den Kampf, den die Behörden führen. In den Krankenhäusern ist noch alles im grünen Bereich, aber Seefeldt kündigt für den Notfall härtere Einschränkungen an.

Herr Seefeldt, die Corona-Infektionszahlen steigen. Sind die Menschen zu unvorsichtig?
Das kann man so allgemein nicht sagen, die meisten halten sich an die Regeln. Es sind wenige, die unvorsichtig sind, und da gilt es, an die Vernunft und das Miteinander zu appellieren.

Welche Anlässe sind die Infektionstreiber?
Landauf, landab sind es in vielen Fällen private Feierlichkeiten, die zu höheren Infektionszahlen führen. Es sind glücklicherweise nicht Einrichtungen wie Schulen und Kitas, dort machen eher die Folgeerscheinungen privater Feierlichkeiten zu schaffen.

Beobachten Sie Ermüdungserscheinungen in der Bevölkerung?
Ja. Leider werden die Erfolge in der Pandemie-Bekämpfung aus dem Sommer oft nicht als Erfolge erkannt. Mein persönlicher Eindruck, vor allem aus den sozialen Medien, ist, dass immer mehr Menschen Fakten anzweifeln und ignorieren - das sind die Aluhüte, die Verschwörungstheoretiker. Noch im März und April wurden Aussagen und Maßnahmen akzeptiert, die die Fachleute und die Politik gemacht haben.

Die Corona-Leugner erleben wir bundesweit bei Demonstrationen, und es gibt ab und an auch mal eine kleine Kundgebung hier in Landau. Werden Sie von den Leuten auch persönlich kontaktiert?
Bisher wenig, vereinzelt, am ehesten über soziale Medien. Bei mir kommt viel mehr an, dass sich die Menschen Sorgen machen und fragen, weshalb manches noch möglich und zulässig ist. Solange sich zum Beispiel Veranstalter an die geltende Corona-Bekämpfungsverordnung des Landes halten, dazu gehören entsprechende Hygienekonzepte, müssen wir es akzeptieren. Das ist der schmale Grat, auf dem wir im Moment gehen müssen: Auf der einen Seite steht der Schutz der Menschen, auf der anderen das Aufrechterhalten des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens.

Trauen sich das Land, die Stadt Landau und der Kreis SÜW, auch unliebsame Einschränkungen zu verhängen?
Wenn sie erforderlich werden, auf jeden Fall. Klares Ja.

Welche Eskalationsstufen können Sie sich noch vorstellen, wenn die Zahlen nicht zurückgehen?
Wir haben es im Frühjahr erlebt, was alles notwendig sein kann. Wir hoffen, dass wir durch die gemeinsamen Appelle mit Oberbürgermeister Hirsch und Landrat Brechtel und das Mitwirken aller die Zahlen wieder runter kriegen. Wir sehen in Deutschland, dass auch wieder komplett runtergefahren wird. Das zu verhindern, darum geht es. Auch da wieder der schmale Grat zwischen Infektionsschutz und Wirtschaftskrise. Es geht um Existenzen, es geht um Arbeitsplätze. Die zu erhalten, ist auch unsere Aufgabe.

Was halten Sie denn von Sperrstunden? Die sind andernorts schon angeordnet, aber von Gerichten auch wieder kassiert worden.
Möglicherweise können sie ein kleiner Baustein innerhalb der Pandemie-Bekämpfung sein, aber sicher kein Allheilmittel. Ich baue grundsätzlich auf die Vernunft und die gegenseitige Rücksichtnahme der Menschen.

Wir hören immer wieder: Die Ordnungsämter kontrollieren viel zu wenig. Wie sieht das im Kreis aus?
Das Ordnungsamt des Landkreises hat sozusagen den Hut auf. Für die Umsetzung und Kontrollen vor Ort unterstützen uns die Ordnungsämter der Verbandsgemeinden. Sie alle zusammen leisten eine schwierige Arbeit. Dafür bin ich dankbar. Und die Aufgaben werden nicht weniger. Zum Beispiel muss jetzt vermehrt in Gaststätten das Lüftungsverhalten kontrolliert werden.

Reicht das Personal?
Es reicht natürlich nicht, um alles und jeden bis ins letzte Detail zu kontrollieren, aber ich setze auch da auf die Vernunft und den gemeinsamen Willen aller, die Pandemie erfolgreich zu bekämpfen.

Wie sind die Ergebnisse? Bleibt es da bei Ermahnungen. Oder müssen Sie auch ein schärferes Schwert zücken?
Überwiegend sind freundliche Hinweise ausreichend, zum Beispiel, wenn es um das Tragen der Maske geht. Selbstverständlich werden auch Bußgelder verhängt, wenn es erforderlich ist. Zu kontrollieren ist in Bereichen, wo viele Menschen auf relativ engem Raum zusammen kommen können, wie zum Beispiel in der Gastronomie.

Hat es da schon Schließungen gegeben?
Nach meiner Kenntnis nicht. Miteinander zu reden war bisher in der Regel erfolgreich.

Die Herbstferien enden. Wie beurteilen Sie die Lage in den Schulen?
In den Schulen hatten wir bisher Einzelfälle, und die werden wir auch immer wieder haben. Wichtig ist, und da ein Dankeschön an die Mitarbeiter im Gesundheitsamt, die sehr schnell reagieren und zusammen mit der Schulleitung die Kontaktpersonen ermitteln. Wir werden auch nach den Herbstferien positive Fälle in den Schulen haben. Priorität hat auch dann weiterhin die Kontaktnachverfolgung durch das Gesundheitsamt und das Einhalten von Quarantänen. Aufgrund des Gesamtbildes haben derzeit zwei Kitas vorübergehend geschlossen.

Anmerkung der Redaktion: Beim Gespräch dabei waren Melissa Zwick, kommissarische Leiterin des Referats Infektionsschutz der Kreisverwaltung, und der promovierte Mediziner Dominik Siegler, der das Gesundheitsamt derzeit kommissarisch leitet. Wenn sie sich zu Wort gemeldet haben, ist es bei den Antworten vermerkt.

Zwick: Wir sind natürlich bestrebt, dass der Schulbetrieb aufrechterhalten werden kann. Wenn ein positiver Fall in einer Klasse auftritt, gehen wir Klassenlisten, Anwesenheitslisten und Sitzpläne durch. Individuell wird so entschieden, wen wir in Quarantäne schicken und wen nicht. Auch über eine vorübergehende Maskenpflicht und Tests entscheiden wir in jedem Einzelfall. Grundlage ist eine Organisierungshilfe des Landes von Anfang Oktober.

Wie sieht es im Gesundheitsamt aus? Ist es richtig, dass die Leiterin des Amtes länger ausgefallen ist?
Ja, sie ist seit einigen Wochen erkrankt. Wir sind froh, dass Dr. Siegler, der seit Mai im Dienst des Landkreises ist, die Verantwortung an der Spitze trägt. Unterstützt wird er von vielen Fachkräften aus dem Gesundheitsamt, insbesondere den Hygieneinspektoren, aber auch ehrenamtlichen Helfern und vor allem den Kolleginnen und Kollegen der anderen Abteilungen der Kreisverwaltung.

Reicht das Personal im Gesundheitsamt zum Nachverfolgen der Kontakte Infizierter?
Das Personal hat bislang gereicht, allerdings arbeiten wir am personellen, zeitlichen und kräftemäßigen Limit. Noch schaffen wir es, alle Kontaktpersonen zu ermitteln und individuell zu betrachten. Wir steuern Tag zu Tag nach, je nach Verlauf der Pandemie. Um weiterhin alles leisten zu können, um Infektionsketten zu erkennen und zu unterbrechen, stellen wir weiteres Personal ein.

Siegler: Die qualifizierte Kontaktnachverfolgung steht über allem. Wenn die Zahlen weiter steigen sollten, was ich nicht hoffe, dann müssen wir vielleicht die Strategie ändern. Aber das ist dann nicht nur hier so, sondern landes- oder bundesweit.

Wie sieht es im Moment in den Kliniken in der Region aus, wie sind die Intensivstationen und Beatmungsgeräte ausgelastet?
Es gibt noch keine extreme Belastung. Gott sei Dank sind die positiven Fälle überwiegend asymptomatisch, es gibt vereinzelte, aber nicht überwiegend, schwere Verläufe. Im Moment ist im Gesundheitssystem in der Südpfalz noch alles im grünen Bereich. Aber das kann sich ganz, ganz schnell ändern.

Anders als im Frühjahr können also alle normal geplanten Operationen stattfinden?
Stand heute, ja.

Noch mal zurück zum Gesundheitsamt: Ist da schon alles digitalisiert oder müssen Sie noch viel Zettelwirtschaft betreiben beim nachverfolgen von Kontakten?
Zwick: Die Software des Gesundheitsamtes ist nicht ausgelegt, um eine vollständige digitale Kontaktnachverfolgung zu betreiben. Manche Vorgänge erfordern noch eine analoge Vorgehensweise, da die Software bei der Komplexität mancher Fälle an ihre Grenzen stößt.

Muss da noch mehr passieren? Müssen Struktur und Ausstattung geändert werden, um schneller und effektiver zu werden?
Zwick: Wir optimieren unsere Arbeitsprozesse ständig. Bei steigenden Fallzahlen müssen wir die Prozesse weiter verschlanken.

Wie werden Getestete über ihr Ergebnis informiert: Geht das schon über den QR-Code oder müssen Sie noch jeden einzeln anrufen?
Siegler: Die Labore bieten den Getesteten an, ihr Testergebnis selbst über einen QR-Code digital abzurufen. Dieses Angebot wird gut genutzt. Bei positiv getesteten Personen meldet sich jedoch in jedem Fall das Gesundheitsamt, um den Kontakt herzustellen, die Quarantäne auszusprechen und das weitere Vorgehen zu besprechen, damit die Infektionsketten unterbrochen werden können.

Wie lange dauert es inzwischen, bis die Testergebnisse übermittelt werden? Da sind ja auch mal viele Tage ins Land gegangen, in denen Infizierte noch fleißig auf Partys gegangen sind.
Siegler: Das ist vom jeweiligen Labor abhängig, es sind zwischen zwei und vier Tagen. Wenn ein Wochenende dazwischen liegt, kann es auch mal länger dauern, aber darauf haben wir keinen Einfluss. Aber die Leute können dann nicht auf Partys gehen. Wer sich testen lässt, muss das Ergebnis abwarten und sich solange absondern.

Reichen die Corona-Testkapazitäten?
Zwick: Gegenwärtig reichen sie aus.

Muss die Teststation am Neuen Messegelände wieder ausgebaut werden?
Seefeldt: Die Teststation des Landes, die am Wochenende vom DRK mit Unterstützung der Bundeswehr betrieben wird, ist nach meinem informellen Kenntnisstand noch bis Ende dieses Monats in Betrieb. Wir nutzen sie aktuell dienstags und donnerstags als kommunale Einrichtung. Bei Bedarf werden wir an weiteren Tagen öffnen. Auch wird täglich neu abgewogen, zumal wir hier viele Ehrenamtliche im Einsatz haben. Zusätzlich gibt es ein mobiles Einsatzfahrzeug, mit dem wir vor Ort Abstriche machen können.

Gibt es die von der Bundeswehr gelieferte Reserve-Beatmungsstation im Krankenhaus in Bad Bergzabern noch?
Die haben wir nach wie vor, auch wenn wir sie zum Glück noch nie gebraucht haben. Aber es ist gut, sie in der Hinterhand zu haben für den Fall, dass es doch noch mal ganz schlimm werden sollte.

Sind weiteren Reserven in Stadt und Kreis vorhanden; ich denke an die Notfallstation, die kurz in der IGS in Landau aufgebaut war.
Wir haben in der Südpfalz gemeinsam agiert, zusammen mit dem Kollegen Fritz Brechtel. Die Hilfsstation in Wörth besteht nach wie vor. Momentan ist nicht die Situation, den Abbau voranzutreiben. Auf der anderen Seite kostet schon die Bereitstellung eine Menge. Dafür müssen wir uns dann gegebenenfalls in kommunalen, politischen Gremien rechtfertigen. Bis Ende des Jahres bleibt sie jetzt noch stehen, dann müssen wir anhand der aktuellen Situation neu entscheiden.

Stichwort Jahresende: Fragen schon Kirchen nach, wie sie ihre Weihnachtsgottesdienste gestalten können?
Bis jetzt sind seitens der Kirchen bei mir keine Anfragen eingegangen. Allerdings ist das Weihnachtsgeschäft für Gastronomen mit den Weihnachtsfeiern der Betriebe ein wichtiger Teil ihres Jahresumsatzes. Die haben natürlich Sorgen, dass Betriebe diese Feiern ausfallen lassen.

Eine undatierte elektronenmikroskopische Aufnahme des US National Institute of Health zeigt das Coronavirus (orange), das aus de
Eine undatierte elektronenmikroskopische Aufnahme des US National Institute of Health zeigt das Coronavirus (orange), das aus der Oberfläche von im Labor kultivierten Zellen (grau) austritt. Die Probe wurde von einem Patienten in den USA isoliert.
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