Landau
Warum ein Landauer Brunnen in einem witzigen Bildband auftaucht
Ein Vexierbild ist eines, das zwei Bildinhalte transportiert. Je nach Betrachter sieht die eine dies früher, der andere jenes. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hat gerade mit der Comedienne Lisa Frischemeier aus Berlin ein großes Interview geführt, denn die hat soeben (18. Juli) im gänzlich unverdächtigen Dumont-Verlag einen Text-, vor allem aber Bildband herausgebracht, der laut Verlag 100 Prozent pornofrei ist, auch wenn er nichts anderes zeigt als die äußeren weiblichen Geschlechtsorgane – oder das, was man dafür halten könnte.
Frischemeier legt los mit der Überschrift „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Irgendwann ist ihr nämlich aufgegangen, dass zwar überall Penisse hingekritzelt sind, aber keine Vulven (nun ja, auch das gibt es, muss man hier aber nicht zeigen ...), oder dass zahlreiche Gegenstände immer und immer wieder als Phallussymbole interpretiert werden. Beispiel Banane. Durch Zufall war ihr ein Buch „I see faces“ in die Hände gefallen, das in allen möglichen Gegenständen versteckte Gesichter zeigt – Vexierbilder also. Seitdem hat Frischemeier überall Vulven entdeckt. So heißt auch ihr Buch: I see vulvas everywhere.
Freund entdeckt Brunnen bei Heimatbesuch
Die entdeckt sie in allem Möglichen, das eine ovale Grundform hat. Die Kunstgeschichte kennt sie sogar bei Heiligenbildern: die sogenannte Mandorla (Mandel), eine ovale Rahmung, die, anders als der Heiligenschein, nicht nur den Kopf, sondern den ganzen Körper umschließt. Sie wird bisweilen als Symbol für den Ursprung allen Lebens gedeutet. Frischemeier ist beispielsweise in aufgeplatzten Früchten fündig geworden, einem Riss im Putz, der Rückenfalte einer Lederjacke, auf ihrem Nachtisch-Teller, in Broschen, Meereslebewesen, Gemüse – und Brunnen.
Womit wir dann in Landau angekommen wären. Denn Frischemeier hat auch die Nahaufnahme eines Brunnensteins im Südwestpark in ihre Sammlung aufgenommen. Den habe ein guter Freund von ihr, ein in Berlin lebender und arbeitender Grafikdesigner, durch Zufall entdeckt, als er über Weihnachten auf Heimatbesuch in Landau war, berichtet sie. Ihm hatte sie kurz zuvor von ihrem Buchprojekt erzählt. Wir zeigen den Stein in der Totalen, soll keine(r) sagen, wir bedienen den Voyeurismus.
Künstler in Vergessenheit geraten
Über dieses Bild ist ein netter Mailwechsel entstanden, als sie sich bei der Stadt nach Kunstwerk, Künstler(in) und Botschaft erkundigt hat. Frischemeiers Anfrage ist bei Sabine Klein gelandet, der Abteilungsleiterin für Grünflächen bei der Stadtverwaltung. Die war verblüfft, denn den Brunnen kennt sie seit über 15 Jahren, aber Vulvalippen – Frischemeier hält den Begriff Schamlippen für völlig verfehlt, weil niemand sich dafür schämen müsse – hatte sie darin nie gesehen. Was vermutlich auch daran liegt, dass Frischemeier nur eine Hälfte des Steins im Blick hatte, während das Gesamtbild wohl auch von floralen oder Blatt-Motiven geprägt zu sein scheint.
Mit dem Künstler, der Künstlerin konnte Klein zunächst nicht mehr weiterhelfen. Sie oder er war dem Vergessen anheimgefallen. Klein wusste von ihrem Vorgänger Frank Hetzer nur noch, dass es sich um einen als Quellstein behauenen Findling aus rotem Sandstein handelt, wie er für den Pfälzerwald typisch ist. Es war auch Hetzer selbst, der die Vorgabe Quellstein gemacht hatte, mit einem Wasseraustritt oben und Wasserläufen an den Seiten.
Stadt forscht im Archiv nach
Inzwischen hat die Stadt im Archiv nachgeforscht und die Spur aufgenommen. Ein alter RHEINPFALZ-Artikel gibt Aufschluss: Demnach ist der ursprünglich 1800 Kilogramm schwere Block vom bis heute bestehenden Steinmetz- und Steinbildhauerbetrieb Cavalar aus Siebeldingen bearbeitet worden, nach einem Modell von Mitarbeiter Manfred Pörnbacher, der dabei auch selbst Hand angelegt hat. Aufgestellt worden ist der Brunnen im August 1990 im Südwestpark nahe der Hagenauer Straße, als dort das zwölfte Parkfest des noch jungen Stadtteils Südwest gefeiert wurde.
Es gibt weitere Spuren von Pörnbachers Wirken: In der Chronik des Kleingartenvereins Horstring heißt es: „Der im Horstring wohnende Steinmetz Manfred Pörnbacher stiftete den am Vereinsplatz postierten Gedenkstein.“ Das war 1994. 2015 ist zur Gartenschau ein Brunnen auf dem Danziger Platz im Horst repariert worden. Auch dessen Brunnenstein war 25 Jahre zuvor von Pörnbacher geschaffen worden.
Und dann meldet sich Künstler in Redaktion
Nach mehreren zunächst vergeblichen Kontaktversuchen meldet er sich in der Redaktion. Klüpfl (einen Holzhammer) und Meißel hat er längst beiseite gelegt, er ist seit zehn Jahren im Ruhestand. Aber er arbeitet an seinem inzwischen dritten Lyrik-Band. Und er hat noch das Tonmodell des Brunnensteins. Pörnbacher lacht, als er die Vorgeschichte der Recherche hört. Frischemeier habe „gar nicht unrecht. Das ist nicht von der Hand zu weisen“, sagt er: Zwar habe er keine Vulven darstellen wollen, aber „das sind die Formen des Lebens, das Fließende ...“. Tatsächlich sei er vor einigen Jahren mal von einem Mann mit den Worten angesprochen worden: „Du hast doch den Brunnen im Südwestpark gemacht. Ich nenn ihn immer den ...brunnen.“ (ein derber Begriff für die Vulva).
Was aus dem alten RHEINPFALZ-Beitrag noch hervorgeht, ist der Fundort des Brockens im Südwestpark. Hetzer hatte ihn seinerzeit auf der Straßenbaustelle der A65 entdeckt und den Bauarbeitern abgeschwatzt, mitten in jener tiefen Furche, die heute als der Queichheimer Trog bekannt ist. Womit sich ein Kreis zu schließen scheint: I see vulvas everywhere. Frischemeier beklagt in ihrem Essay allerdings auch, dass die Vulva über lange Zeit diffamiert wurde. Beispielsweise sei ihr nachgesagt worden, schmutzig zu sein oder sogar spitze Zähne zu haben. Beides trifft, wie man weiß, auf den Trog zu.
Lesezeichen
Lisa Frischemeier, I see vulvas everywhere. 112 Seiten, 80 farbige Abbildungen. 18. Euro. ISBN 978-3-8321-6936-7