Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Umfrage zur Impfpflicht: Wie schützt man den Achtjährigen?

Aufgezogene Spritzen mit Corona-Vakzin: Müssen sich bald alle piksen lassen?
Aufgezogene Spritzen mit Corona-Vakzin: Müssen sich bald alle piksen lassen?

In der zweiten Runde der RHEINPFALZ-Leserumfrage wird weiterhin heftig über eine Impfpflicht gestritten – es geht um juristische Probleme, medizinisches Personal kommt zu Wort. Und eine Mutter schildert ein Problem, das die Familie spaltet.

Am Donnerstagmorgen war es so weit. Laut Robert-Koch-Institut sind über 100.000 Menschen in Deutschland nach einer Corona-Infektion gestorben. Unterdessen läuft die Debatte um eine mögliche Impfpflicht weiter. Die RHEINPFALZ hatte Leser dazu aufgerufen, ihre Meinung zur Impfpflicht mitzuteilen – und über 100 Menschen hatten reagiert. Zu viele, um alle Reaktionen auf den Aufruf zu veröffentlichen. Dafür bitten wir um Verständnis.

„Lasst euch impfen, das ist das Beste, was ihr für euch und eure Mitmenschen tun könnt“, ruft Hans Acker aus Zeiskam. Er habe in seinen 61 Lebensjahren über 70 Impfungen erhalten – da er mehrfach monatelang mit dem THW und den UN in West- und Nordost-Afrika war. „Allein in den letzten 14 Monaten habe ich sieben Impfungen gegen Influenza, Gürtelrose, Corona und Pneumokokken bekommen.“ Zunächst sei er auch skeptisch gewesen, im Juli/August habe er eine 90-minütige Doku auf Arte über Corona-Impfstoffe gesehen – „am nächsten Tag habe ich mich impfen lassen.“ Denn: „Impfungen schützen vor einem schweren Verlauf, sonst nix. Das ist bei jeder Impfung so, grundsätzlich und schon immer.“ Acker gibt seinen Mitmenschen noch einen weiteren Rat: „Und bitte nicht alles glauben, was im Internet oder auf Social-Media steht. Darauf kann man sich nämlich nicht verlassen.“

Muss der Staat seine Bürger schützen?

Auch Tagesvater Thomas Danisch aus Herxheim fordert die Menschen auf, sich impfen zu lassen. „Ein wenig schwer tue ich mich damit, von bestimmten Gruppen eine Impfung zu verlangen. Wenn ich von Lehrern oder Erziehern verlange, sich zum Schutz der Kinder zu impfen, sollte ich den gleichen Maßstab nicht auch an die Eltern oder andere Familienmitglieder der Kinder anlegen? An den Busfahrer der Schulbusse, an den Fußballtrainer usw... Wo sollte man da anfangen, und wo aufhören.“ Er und seine Frau seien geimpft – er wünsche sich, mehr Menschen nähmen das Impfangebot freiwillig an.

Eine Mindest-Impfquote sei unbedingt notwendig, meinen Regina und Gustav Hensel aus Landau. Wird die nicht erreicht, müsse der Staat handeln. Nach Meinung von Verfassungsrechtlern, schreibt das Paar, „kann und muss der Staat bei Vorliegen einer Pandemie (nach WHO-Definition) in Verbindung mit einer Gefahrenlage wie der jetzigen, alles tun, um alle seine Bürger zu schützen – auch die Uneinsichtigen.“

Pro Impfen: Wissenschaftliche Erkenntnisse

Der Bellheimer Thomas Kopf hebt die Belastungen für Ärzte, Pflegepersonal, Schwerkranke, Kinder und Jugendliche, aber auch Hotels, Gastronomie und insbesondere auch Freizeit-und Kultureinrichtungen hervor. Er erwarte in den nächsten Monaten eine Impfpflicht, „damit wir wieder Normalität in spätestens zwei Jahren erhalten“.

Werner Lüdtke betont, dass eine Impfpflicht nicht die individuelle Freiheit beschneide, Corona-Regelungen hingegen schon. „Nach medizinischen und weiteren wissenschaftlichen Erkenntnissen ist Impfen der wirksamste Weg aus der Pandemie“, sagt der promovierte Mediziner. Die Impflicht sei geeignet, erforderlich und angemessen, um die Überlastung des Gesundheitswesens abzuwenden, schreibt die Medizinerin Monika Bär-Degitz. „Ich glaube und vertraue den Erkenntnissen und Empfehlungen unserer WissenschaftlerInnen.“

Arbeitsbedingungen in Pflege verschlechtern sich

„Wir sollen die Welt retten (Ärsche putzen)“, schreibt Barbara Lorenz, Krankenschwester im Pfalzklinikum. Sie könne nicht nachvollziehen, dass KollegInnen sich nicht impfen lassen – alle müssten mitmachen, sonst bekomme man Corona nicht in den Griff. Sie ist für eine Impfpflicht. Im Gegensatz zu Simon Wald. Er als examinierte Pflegekraft hält nicht viel von einer Impfpflicht. „Es steigen jetzt schon viele Kolleginnen und Kollegen wegen der drohenden Impfpflicht aus dem Beruf aus. Wenn sie tatsächlich kommt, würde das für die restlichen Pflegekräfte eine weitere Arbeitsverdichtung bedeuten.“ Dass Ungeimpfte Infektionen in eine Einrichtung bringen, sei wegen der Testpflicht unwahrscheinlich. Zudem fehlten noch viele Daten zu Wirksamkeit und Nebenwirkungen der Impfstoffe, meint Wald.

Andrea Mayer sagt, dass eine Impfung ein medizinischer Eingriff sei. Deshalb müsse sie freiwillig bleiben. „Wo sind wir hingekommen, wenn das der einzelne Mensch nicht mehr über seinen Körper entscheiden kann?“ Weiterhin weist Mayer darauf hin, dass sich die Arbeitsbedingungen in den Pflegeberufen seit Jahren verschlechterten und das Gesundheitssystem ausblute – die Politik gebe nur folgenlose Lippenbekenntnisse ab, aber verbessere nichts. Mit der Debatte um eine Impfpflicht lenke die Politik vom eigenen Versagen ab. Auch Margit Brauch ist gegen die Impfpflicht – weil jeder für sich entscheiden sollen könnte, was in den Körper kommt. „Es wäre sinnvoll, alle Menschen zu testen, so könnte man auch feststellen, wenn Geimpfte positiv sind. Schließlich können die Geimpften Corona weitergeben, ohne dass man das gleich bemerkt.“

Impfen als Bürgerpflicht?

„Die Freiheit des einen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt“, erläutert Mirjam Hantke-Zimnol aus Landau. „Ich fühle mich durch Impfgegner in meinen Freiheitsrechten beschränkt, da ich viele Dinge nicht unbeschwert tun kann, ohne ein Gesundheitsrisiko einzugehen beziehungsweise die Ungeimpften zu schützen.“

Filmemacher Paul Schwarz aus Landau ist für eine Impfpflicht, „um weiteres Leid und Tod durch Corona in unserer Gesellschaft zu verhindern“. Er bittet die Menschen um solidarisches Handeln. Das sieht Peter Keller aus Landau anders: „In einer Solidargemeinschaft ist jeder Mensch für das verantwortlich, was er tut ... und für das, was er nicht tut“, schreibt Keller. „Warum sollen die Geimpften diese Pandemie ausbaden?“, fragt Marliese König. Es sei Bürgerpflicht, mitzuhelfen, die Pandemie zu beenden. Sie sei für eine Impfpflicht für alle – aber zumindest für Mitarbeiter in Pflegeberufen.

Kann eine Pflicht schnell kommen?

Lutz Vondersand, der erste, der im Wörther Impfzentrum seine Schutzimpfung erhalten hatte, hält eine Impfpflicht zumindest aktuell nicht für sinnvoll. Denn eine Verpflichtung müsse „absolut rechtssicher angelegt sein, so dass Klagen oder Einsprüche schon von unterer juristischer Seite als nicht aussichtsreich betrachtet werden müssen“. Das koste aber Zeit und würde kurzfristig nichts bringen. Aber: Man sollte eine Impfpflicht vorbereiten, meint Vondersand.

Gedanken, die Michael Kern zumindest im Wesentlichen teilt. Auch er befürchtet, dass es lange dauern könnte, bis eine Impfpflicht greift. Sollte es „einen Weg für eine schnelle Impfpflicht geben, bin ich absolut dafür, da wir uns als Geimpfte wegen Impfskeptikern und -ablehnen schon lange genug bevormunden lassen müssen.“ Diese seien für die Hospitalisierungsrate verantwortlich – und dafür, dass andere Operationen ausfielen, sagt Kern.

Pocken und Polio durch Impfungen ausgerottet

Uwe Wucherer tendiert zu einer Impfpflicht. „Manche Leute meinen, dass sie durch diese Maßnahme eingeschränkt werden, das Gegenteil ist der Fall. Durch eine Nichtimpfung zwinge ich geimpften Leuten die erforderlichen Zwangsmaßnahmen, Einkommensverluste und Freiheitsbeschränkungen auf, die ich aber als nicht Geimpfter auch behalten möchte“, sagt er. Es könne zudem nicht sein, dass Ungeimpfte anderen Menschen Plätze auf Intensivstationen wegnähmen, nur weil sie ihre Freiheit behalten wollten. „Die Impflicht bei Pocken half, diese zu unterdrücken, bei Masern ist man auf dem Weg dorthin“, argumentiert Wucherer. Auch Bernd und Ursula Krohn weisen darauf hin, dass Pocken und Polio durch die Impfpflicht ausgerottet worden sind. „Die Impfpflicht schafft klare Verhältnisse und ist geeignet, die spaltenden Diskussionen zu beenden.“

Was macht das mit einer Familie?

Dass solche Diskussionen eine Familie spalten können, berichtet eine Mutter – die einzige Zuschrift, die wir anonym veröffentlichen. Der Name liegt der Redaktion vor, mit der Anonymisierung machen wir die Kinder nicht identifizierbar. Denn: Die Mutter berichtet, dass ihr 19-jähriges Kind sich erst impfen lassen werde, wenn es eine Impfpflicht gibt. Das achtjährige Kind „ist dem hilflos ausgesetzt“. Das Kind gelte es doch zu schützen. „Sowas kann ganz schön einer Familie zusetzen. Jeden Tag Diskussionen und Kampf, aber ohne Erfolg.“

„Eigensinn“, „Totalverleugner“

Bettina Krell hat kein Verständnis mehr – der Nutzen der Impfung sei längst erwiesen. „Selbst wenn die Impfpflicht morgen schon käme, werden wir diese politisch gewollte Verzögerung mit vielen Toten und Tausenden von Long-Covid-Geschädigten bezahlen.“ Politiker, die sich gegen eine Impfpflicht stemmten, trügen daran Mitschuld. Eine Impfpflicht rette Menschenleben, sagen Irene und Hans-Joachim Schatz aus Edenkoben.

Ebenfalls verständnislos ist die Landauerin Gisela Müller. Die Impfpflicht sei der einzige Weg, die Pandemie zu beenden. „Zu Beginn der Pandemie war mir nicht klar, wie viele Impfgegner es unter uns gibt. Diese Totalverleugner, die die Augen schließen vor dem Elend in den Krankenhäusern, vor der Not der Familien, vor allem der Belastung der Mütter“ – all das stehe über dem „Eigensinn der Coronaleugner“.

„Es geht nicht an, dass ...“

Peter Heber sei ungeimpft – denn die Impfstoffe hätten lediglich eine Notzulassung. „Wie kann es sein, dass wir vor einem Jahr, wo wir noch keinen Impfstoff hatten, viel kleinere Inzidenzen hatten?“, fragt er. Die Bezeichnung „Pandemie der Ungeimpften“ halte er für Rufmord. Denn: „Wir, die Ungeimpften lassen uns circa zwei- bis dreimal in der Woche testen!“ Er fragt ebenfalls, warum nicht erforscht werde, warum jemand an Covid-19 sterbe. Weiterhin gebe es in Deutschland keine Übersterblichkeit.

„Es geht nicht an, dass Millionen Menschen in ihrer Gesundheit und Existenz bedroht werden, weil eine Reihe von Egoisten und Wirrköpfen unsere Lebensqualität so negativ beeinflusst“, kontert Ilse Doll. Es werde höchste Zeit, dass die Politik die Bürger schütze – mit einer Impfpflicht.

„Demokratie auf unserer Seite“

Arno Wagner aus Herxheim ist gegen eine Impfpflicht. Er argumentiert unter anderem damit, dass man nach einer Impfung keine sterile Immunität habe – „man kann weiterhin andere anstecken, man schützt nur sich selbst“. Es könne nicht das Ziel der Solidargemeinschaft sein, dass alle Gruppen, egal welches Risiko sie haben oder welchen Schutz sie brauchen, sich impfen lassen müssten.

Man dürfe sich nicht dem Mob der Impfgegner unterwerfen, meint Dietlev Bartels. Deren Argumente seien faul – die Impfpflicht sei überfällig. „Wir wissen die Demokratie auf unserer Seite.“

Impfpflicht entbehrlich?

Eine gesetzliche Impfpflicht sei entbehrlich, meint Karl-Heinz Müller aus Roschbach. Denn: „Es besteht schon immer eine moralische Impfpflicht.“ Freiheit bedeute schon immer zugleich Verantwortung – jedes Einzelnen für sich und die Gemeinschaft. „Impfbedenken sollten daher im Interesse der Gemeinschaft zurückgestellt werden“, sagt Müller.

Wir haben noch weitere Zuschriften, die wird nicht mehr veröffentlichen. Die Argumente wiederholen sich. Für Interessierte: 19 Menschen sprechen sich für eine Impfpflicht aus, elf dagegen.

Auf eine Klarstellung legt Monika Waldmann aus Herxheim wert. Sie wurde in der Donnerstagausgabe dahingehend zitiert, dass sie grundsätzlich gegen Impfungen sein. „Das stimmt nicht, ich bin grundsätzlich gegen eine Impfpflicht, aber nicht gegen das Impfen“, sagt sie. Für eine Corona-Impfung fehlen ihr die Informationen. „Es gibt nur eine Notfallzulassung, über die Nebenwirkungen ist zu wenig bekannt“, so Waldmann.

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