Landau
THW im Erdbebengebiet mit großer Dankbarkeit empfangen
Michael Spellmeyer, Christoph Weber und Andreas Knöpfler sind Logistikexperten beim Technischen Hilfswerk (THW), Ortsgruppe Landau. Ihr Einsatz im Katastrophengebiet währte fünf Tage. Neun Tage waren sie unterwegs. Die Chance, dass Menschen unter Trümmern liegend überleben, beschränkt sich auf rund 100 Stunden. „In dieser Zeit geht es darum, alles zu geben“, sagt Michael Spellmeyer. „Search und rescue – suchen und retten“ lautete der Auftrag.
Für den 40-jährigen Entwicklungstechniker war dies der sechste Auslandseinsatz. Die Kollegen bei der Daimler Truck AG seien schon so konditioniert, dass sie ihn gleich angesprochen hätten, er werde doch jetzt in der Türkei gebraucht, erzählt Spellmeyer. „Kollegen, Freunde und Familie sind krisenerprobt.“ Der Chef gab grünes Licht. So war es auch bei den beiden anderen THWlern. Der 44-jährige Knöpfler ist Vermessungsingenieur bei der Stadt Heidelberg. Weber, 27 Jahre alt, arbeitet als Entwicklungstechniker bei APL in Landau.
Handgriffe müssen sitzen
Die drei Männer waren gut vorbereitet. Als Mitglieder der Schnell-Einsatz-Einheit Bergung Ausland (Seeba) des THW sind sie für solche Ereignisse ausgebildet. Zuletzt gab es Ende 2022 eine Übung in Portugal. „Die hat mir sehr geholfen. Aber solche Bilder zu sehen, das kann man nicht üben“, sagt Christoph Weber. Es sind nur Andeutungen wie diese, die zeigen, dass die Eindrücke in der überwiegend zerstörten Stadt Kirikhan in der Provinz Hatay im Süden der Türkei die Logistikexperten nicht kalt gelassen haben. Ansonsten zeigen sie nicht viele Emotionen. Elend und Leid mit dem Handy festzuhalten ist auch nicht ihrs. Sie hatten einen klaren Auftrag. Als Teil eines Zahnrads, das nur im Team funktioniert, wie Spellmeyer betont. „Die Handgriffe müssen sitzen.“
Der 40-Jährige war Manager des Camps, das dem THW gemeinsam mit der privaten Hilfsorganisation ISAR (International Search-and-Rescue) als Basis diente und Platz für 100 Rettungskräfte hatte. Die Logistiker haben dafür gesorgt, dass die erschöpften Bergungskräfte sich waschen, ernähren, wenige Stunden im beheizten Zelt schlafen konnten. In den Nächten fiel das Thermometer auf minus zehn Grad. Knöpfler berichtet von Eiskristallen auf der Zahnbürste. 16 Tonnen Material hatten sie selbst am Flughafen in Gaziantep abgeladen und den Transport über beschädigte und zerstörte Straßen 160 Kilometer nach Kirikhan organisiert. „Je weiter wir in den Süden kamen, umso schlimmer wurde es“, erzählt Weber. Und überall auf den Straßen waren Menschen. Am Mittwochmittag waren die Helfer des THW in Kirikhan. Sie legten sofort los.
Mucksmäuschenstill
Die Stadt zählte 119.000 Einwohner. Viele lebten in acht- bis zehnstöckigen Gebäuden. Die Landauer berichten von chaotischen Zuständen. „Es gab nur eine Feuerwehr.“ Viele freiwillige Helfer seien auf den Trümmerbergen unterwegs gewesen und hätten nach Überlebenden gesucht. Für die Profis ist das hinderlich. Sie mussten aufpassen, dass das Team nicht zerrissen wurde, denn überall werde um Hilfe gerufen. Mit Hunden und Geophonen war das THW auf der Suche nach Überlebenden. „Wir wurden respektiert. Wenn wir Ruhe brauchten, um zu hören, ob da noch jemand ist, war es mucksmäuschenstill“, sagt Spellmeyer. Sie hätten an mehreren Stellen gesucht, die Aussagen, wo Überlebende zu finden seien, seien zuweilen sehr widersprüchlich gewesen.
Dem Team sei es gelungen, eine 88-Jährige zu befreien. An einer anderen Aktion war es beteiligt. Die Frau, die in einer 50-stündigen Aktion geborgen wurde, starb allerdings im Krankenhaus.
Schon in Köln beschenkt
Spellmeyer, Knöpfler und Weber erzählen von der großen Dankbarkeit, die ihnen immer wieder zuteil wurde. Fremde Leute hätten sie umarmt, an einem Tag seien ihnen türkische Spezialitäten ins Camp gebracht worden. Sogar in Köln, vor dem sich verzögernden Abflug ins Erdbebengebiet, seien sie von einem türkischen Gastronomen mit Speisen beschenkt worden.
Die Retter haben das Land verlassen. Das Camp haben sie an ISAR Turkey übergeben. Die Aufgaben sind nun andere. Das Ausmaß der Zerstörung ist unermesslich. 80 Prozent der Häuser in Kirikhan müssen wohl abgerissen werden, meint der Vermessungsingenieur Knöpfler. Bei einem Haus seien sie ebenerdig ins zweite Obergeschoss gelaufen. Der Bau sei inklusive Tiefgarage abgesackt und gekippt. Häuser, die noch stehen, seien so beschädigt, dass sie auch abgerissen werden müssten.