Südpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Haussanierung im Sauseschritt

Die Akteure (von links): Klimaschutzmanager Bernd Fuss, Organisator Ronald Meyer, Sebastian Bauer-Bahrdt und Lena Bauer.
Die Akteure (von links): Klimaschutzmanager Bernd Fuss, Organisator Ronald Meyer, Sebastian Bauer-Bahrdt und Lena Bauer.

Energiepreise explodieren, Öl und Gas sind Auslaufmodelle. Energiesparen ist das Gebot der Stunde. Doch eine Kompletterneuerung der eigenen vier Wände schreckt viele Bauherren ab. Zu kompliziert, zu langwierig, zu teuer – das sind die Vorurteile. Es geht auch anders.

Im Grunde sieht es aus wie auf jeder Baustelle: Im verdorrten Gras des verwilderten Gartens liegt ein altes WC, daneben ein paar Gipskartonreste. An der Grenze ist Bauholz vom Dachausbau gestapelt. Neben dem Haus liegen ein paar Bimssteine und gelbe Fliesen. Aber das eingerüstete Siedlungshaus in der Kropsburgstraße ist alles andere als gewöhnlich. Es ist ein Experiment, das ein Fernsehformat in die Wirklichkeit übersetzt: wie man in Windeseile ein Haus saniert.

Die angepeilten drei Wochen reine Bauzeit (einschließlich Vorplanung 77 Tage) sind schnell wie der Wind, wenn man den Umfang der Arbeiten bedenkt: Die alte Veranda mit ihren Bruchstein-Pfeilern wird ringsum dreifachverglast und dem Wohnraum zugeschlagen. Alle anderen Fenster und die Haustür sind ausgetauscht. Das Dach hat eine große Gaube bekommen, ist isoliert und neu eingedeckt. Obendrauf ist auf beiden Dachseiten eine große Fotovoltaikanlage montiert. Die Haustechnik ist komplett erneuert, der Kachelofen wird durch eine Luft-Wärme-Pumpe mit Heizkörpern ersetzt. Die Außenwände erhalten ein Wärmedämm-Verbundsystem, und statt der provisorischen Dusche im Keller gibt es ein zeitgemäßes Bad. Alles in allem wird der Altbau auf den KfW-55-Standard eines aktuellen Neubaus gehoben.

Klimaschutzmanager begleitet Projekt

Zugegeben: Gerade hakt es, weil die Alu-Außenfensterbänke nicht lieferbar sind, aber montiert werden sollen, bevor die Wärmedämmung auf die Außenwände kommt. Auch wenn es gerade nicht danach aussieht: 14 Tage nach Lieferung der Fensterbänke soll Einzug sein. Bis auf diese Verzögerung sind die Hausbesitzer Lena Bauer und Sebastian Bauer-Bahrdt mit dem bisherigen Verlauf ihres Pilotprojekts sehr zufrieden, das sie mit Ronald Mayer als Organisator durchziehen. Dass Bauer-Bahrdt der frühere Klimaschutzmanager der Verbandsgemeinde Landau-Land ist und das Projekt nun von seinem Nachfolger Bernd Fuss betreut wird, ist nur Zufall: Das Interesse an der energetischen Rundum-Sanierung war beruflich bedingt vorhanden, aber dass seine Frau das Häuschen ihrer verstorbenen Großmutter übernehmen konnte, kam überraschend.

Unscheinbar, aber etwas Besonderes: Siedlungshaus in der Kropsburgstraße.
Unscheinbar, aber etwas Besonderes: Siedlungshaus in der Kropsburgstraße.

Ronald Mayer wiederum ist Bauingenieur und Vorsitzender des Bundesverbands Gebäudemodernisierung mit Sitz in Leipzig. Er hat in der Südpfalz noch viel vor. Er betreut das Modellprojekt „Modernisierungsoffensive Landau-Land & Landau“ nicht nur fachlich, sondern begleitet es auch wissenschaftlich, um es in der Folge auf ganz Deutschland übertragen zu können.

Die Idee des seriellen Sanierens sei schon 20 Jahre alt, erzählt Mayer. Der Ursprung liege in der Doku-Serie „Zuhause im Glück“ von RTL. Dafür war er um ein Konzept gebeten worden, wie ein Haus in einer Woche saniert werden könne. Was im Fernsehen gute Unterhaltung ist, gestaltet sich in der Wirklichkeit als große Herausforderung: Es gilt, das Material vorab zu besorgen (ja, künftig einschließlich der Fensterbänke), Handwerker aus der Region zu begeistern und in ein enges zeitliches Korsett zu zwängen, damit nicht der Verputzer vor dem Schlitze klopfenden Elektriker auftaucht und der Installateur die Wand, an die er einen Heizkörper hängen soll, auch wirklich schon vorfindet. „Wir hatten zeitweise 26 Handwerker gleichzeitig im Haus“, sagt Lena Bauer.

Fünf weitere Siedlungshäuser gesucht

Mord und Totschlag sind ausgeblieben. Aber natürlich sei es nicht ohne Reibungen abgegangen, räumt Meyer ein. Genau das sei der wichtige Lernprozess. „Es ist wie beim Fußball. Man kann nachlesen, wie es geht, aber spielen lernt man nur auf dem Platz.“ Daher werde jeder Arbeitsschritt dokumentiert, damit es beim nächsten Mal läuft wie geschmiert. Wer als Bauherr schwache Nerven hat, kann künftig theoretisch drei Wochen in Urlaub fahren und danach in ein neues Heim einziehen. Die kurze Bauzeit sei auch für die Familie extrem wichtig, die in den nicht energieffizienten eigenen vier Wänden lebt und auf begrenzte Zeit bei Freunden oder in der Ferienwohnung unterschlüpft, sagt Bauer.

Die nächste Chance kommt schon sehr bald: Wie Bernd Fuss berichtet, werden nun fünf weitere Siedlungshäuser gesucht, die im Frühjahr saniert werden sollen. Dieser Haustyp der 1950er-Jahre und die einfachen Einfamilienhäuser des folgenden Jahrzehnts seien ideal zum Üben. Im März 2023 geht es von der Experimentier- in die echte Umsetzungsphase. „Wir wollen in 30 bis 40 Tagen fertig sein“, sagt Meyer. Mit allen fünf Häusern, wohlgemerkt. „Wir machen nichts grundsätzlich Neues, sondern organisieren das besser, was wir schon im Baukasten haben.“

Blick ins Treppenhaus mit neuem Dachfenster im komplett gedämmten Dach.
Blick ins Treppenhaus mit neuem Dachfenster im komplett gedämmten Dach.

Die Zeit eilt, weil in Deutschland bis 2045 stolze 15 Millionen Häuser saniert werden müssten, um die Klimaziele zu erreichen, so Meyer. Die Sanierung rechne sich aber nicht nur für die Umwelt, sondern auch für die Bauherren. Denn die gut koordinierten Arbeiten sparten nicht nur 30 Prozent Bauzeit ein, sondern auch entsprechende Arbeitskosten, und aufgrund vorbestellter Materialpakete gebe es gute Mengenrabatte. „Preise wie vor dem Ukrainekrieg sind möglich“, betont Meyer.

Er gibt die Sanierungskosten im Fall des Siedlungshäuschens (gut 100 Quadratmeter vor der Sanierung, 116 danach) mit 150.000 Euro an. 40.000 Euro gebe es noch als Zuschuss für energieeffizientes Sanieren – aber nur noch bis September. Die verbleibenden 90.000 Euro würden in den kommenden 20 Jahren durch Energieeinsparung eingespielt. Selbst ohne staatliche Förderung verlängere sich dieser Zeitraum nur um etwa drei Jahre, betont er.

Das Projekt in der Kropsburgstraße ist der Auftakt zu einer Modernisierungsoffensive der Verbandsgemeinde Landau-Land und der Stadt Landau, die es Hausbesitzern ermöglichen wollen, sich von Öl und Gas zu verabschieden. Die eingeschworene Modernisierungsmannschaft steht bereit. Im September soll es einen Info-Abend für Eigentümer von Siedlungshäusern aus den 1950er- und 1960-er Jahren geben. Dabei können viele Detailfragen besprochen werden, die von den Fördermöglichkeiten bis zur Umsetzung reichen.

Kontakt

  • Infoabend am Donnerstag, 22. September, 19 Uhr, im Foyer des Entsorgungs- und Wirtschaftsbetriebs Landau (EWL) in der Cornichonstraße.
  • Ansprechpartner für Hauseigentümer ist Bernd Fuss, Klimaschutzmanager Landau-Land, Telefon 06341 143129, E-Mail bfuss@landau-land.de.
  • Infos zum Pilotprojekt auf der Internetseite Südliche Weinstraße Klimaschutzportal.

Der Report

Der Immobilienmarkt in der Südpfalz ist heiß umkämpft. Günstiger Wohnraum ist knapp. Der RHEINPFALZ-Report beleuchtet verschiedene Aspekte dieser Entwicklung. Auf der Homepage rheinpfalz.de/landau finden Sie alle bereits erschienenen Berichte. Analysen und Hintergründe zum Pfälzer Immobilienmarkt finden sich online unter www.rheinpfalz.de/immobilien.

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