Offenbach
Aus für Kult-Disko Datscha wegen Corona: „Wo sollen die Leute jetzt hin zum Tanzen?“
Im Eingangsbereich des Datscha hängen bunte Plakate. Ob Faschingsfete oder Ü40-Party – man könnte meinen, hier steppt nach wie vor der Bär. Bei genauerer Betrachtung fällt aber auf: Die Partys waren im Februar. Es waren die letzten Veranstaltungen des Offenbacher Tanzlokals. Für immer. „Es haben sich einfach enorme Kosten angehäuft, die wir privat reingesteckt haben. Das Geld können wir wegen der langen Corona-Pause einfach nicht mehr reinholen“, sagt Datscha-Besitzer Sören Reuther. Die Zwangspause hat ihn traurig gemacht: „Wenn man überlegt, welche Partys es im Datscha gab, dann wird man schon sehr wehmütig. Die Leute kamen nicht nur aus Offenbach, sondern aus der ganzen Region.“
Gemeinsam mit der Familie ließ Reuther Woche für Woche das Schlagerherz der Gäste höherschlagen und war sich dabei nicht zu schade, bei den Partys selbst hinter der Theke zu stehen, wie er erzählt. „Meine Frau, meine Brüder, deren Freundinnen, meine Schwiegereltern. Alle haben sie mitgeholfen. Wir waren die Nächte am Wochenende immer mit der ganzen Familie zusammen“, sagt Reuther. Bei der Bestellung von Getränken habe er häufig diesen Satz gehört: „Bitte nicht so stark“. „Wir haben die Mix-Getränke nicht mit dem Messbecher eingeschenkt, sondern einfach so lange eingefüllt, bis es reicht“, sagt Reuther.
„Meine Eltern haben sich hier kennengelernt“
Er ist besonders stolz darauf, Schlagerstars wie Michelle, Kerstin Ott, Mickie Krause oder Mia Julia „in das kleine Tanzlokal im kleinen Dorf“ gelotst zu haben. „Das Management von Michelle ist mal zwei Stunden vor dem Auftritt vorgefahren, hat sich den Laden angeschaut und gesagt: ,Oh, da muss sich die Dame aber umgewöhnen’“. Die ehemalige Eurovision-Song-Contest-Teilnehmerin habe am Tag zuvor bei einem Schlager-Festival auf einer großen Stadionbühne gestanden. Im Datscha sang sie vor etwas weniger Zuschauern. Reuther setzte meist lieber auf Live-Musik als auf einen vielleicht kostengünstigeren DJ. Kein Star habe sich in den Datscha-Jahren beschwert.
Reuther selbst war vor 17 Jahren erstmals im Lokal, nachdem er in die Besitzerfamilie Roth eingeheiratet hatte. Im August 2018 übernahm er die Führung. Zuvor betrieben das Datscha seine Schwiegereltern. Einige Stammgäste heirateten sogar in der Kult-Disko. „Viele haben hier ihre heutigen Partner getroffen. Meine Nachcousine meinte zu mir: ,Weißt du eigentlich, dass sich meine Eltern hier kennengelernt haben’.“ Entsprechend betroffen waren viele der langjährigen Gäste, als das Lokal sein Ende via Facebook bekanntgab. „Ich habe viele Nächte bei euch durchgetanzt“, „Fast 30 Jahre meine zweite Heimat“, „Eine schöne Ära geht traurig zu Ende“ – das schreiben Datscha-Fans in der Kommentarspalte.
Abschiedsparty fällt wegen Virus flach
Besonders bitter: Nächstes Jahr wäre das Datscha 50 Jahre alt geworden. Eine große Feier mit Schlagerstar Kerstin Ott sei geplant gewesen, sagt Reuther. Außerdem wollten er und seine Familie eine Wochenendfete mit mehreren Stars veranstalten. „Wir haben richtig was vorgehabt“, sagt der Betreiber, der im April noch verlauten ließ: „Bis vor Fasnacht 2022 wird sich sicherlich nichts am Betrieb des Datscha ändern.“ Eine Abschiedsfeier sei im Interesse vieler gewesen, mit den Corona-Richtlinien wäre das aber nicht durchführbar gewesen. „Da müsste ich überlegen, wen ich einlade und wen nicht. Da bin ich nicht der Typ dafür“, sagt Reuther. Die Miete hat er zum Ende des Jahres gekündigt.
Für das Datscha-Areal gibt es aber schon ganz konkrete Pläne. Investoren wollen dort rund 60 Wohnungen bauen. „Die Schließung hat aber damit nichts zu tun“, betont Reuther. Denn der Gebäudeeigentümer habe den geplanten Neubau erst in drei Jahren errichten wollen. „Wir hätten das Datscha gerne noch aufgelassen“, sagt Reuther, etwa 95 Prozent der Besucher hätten aber Verständnis für die Schließung.
„Wo wollen die Leute noch hin zum Tanzen?“
Ob Reuther noch mal ins Veranstaltungsgeschäft einsteigen wird, lässt er offen. „Dazu kann ich im Moment nichts sagen. Aber in Zeiten von Corona in der Gastronomie etwas anzufangen, macht keinen Sinn.“ Er moniert, dass das Gastro-, Club- und Disko-Gewerbe zu wenig vom Staat gefördert worden sei. „Wo wollen die Leute noch hingehen zum Tanzen?“ Dass es irgendwann einmal eine Datscha-Party an einem anderen Ort geben könnte, wo auch ein Star eingeladen wäre, will er nicht komplett ausschließen.